Archiv des Autors: k.

inkulturierendes Christentum

„‚In der Tat ist eine der kaum beachteten Stärken des Christentums im späten vierten Jahrhundert die Feinfühligkeit, mit der es in seinem Denkmodell der Beziehungen zur anderen Welt die soziale Erfahrung des zeitgenössischen Römischen Reiches nachzubilden (replicate) vermochte. Was wir häufig am isolierten Detail als zahlreiche Beispiele literarischer, gesetzgeberischer und ikonographischer Anleihen an die säkulare Welt studieren, fügt sich, alles zusammengenommen, zu einem Schlüssel des Erfolgs der christlichen Kirche: Denn das Christentum konnte sich in Begriffen ausdrücken, die sich sehr schnell von der archaischen Sprache früherer Generationen lösten und frei machten; und eben dadurch gewann die christliche Frömmigkeit den unschätzbaren Vorteil, fest in der Erfahrung des Alltagslebens verwurzelt zu sein.“

[Peter Brown in „Die Heiligenverehrung. Ihre Entstehung und Funktion in der lateinischen Christenheit“, übersetzt und bearbeitet von Johannes Bernard, Leipzig, 1991, S. 66]

Die verborgene Wahrheit

„Jesus ist der Repräsentant der verborgenen Wahrheit dieser Erde…

Er geht seinen Weg bis zum bitteren Ende.

Er bleibt Gott und den Menschen treu bis zum letzten Atemzug.

Er lässt sich nicht in irgendeine Form der Feindschaft hineintreiben.“

 

[Walter Fäber im Vortrag „Die Macht der Ohnmächtigen“, beim Treffen der „Initiative emergente Theologie“ am 18./19. Mai 2012 in Haiger.]

aufgezeichnet unter http://emergent-deutschland.de/2012/05/27/horen-79-die-macht-der-ohnmachtigen…

 

 

Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln

„Die Leute wollen nicht mehr wissen, warum irgendwas passiert ist, nur, dass es passierte und dass die Welt voller Leichtsinn, Gefahr, Bedrohung und Unglück ist, die unsereins nur streifen, dagegen die unachtsamen, vielleicht nicht auserwählten Mitmenschen ereilen und umbringen. Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln, die uns morgens zehn Minuten beschäftigen und dann vergessen werden, ohne Unbehagen, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Wir spüren die Notwendigkeit, uns in nichts mehr zu vertiefen, uns mit keinem Vorfall, keiner Geschichte länger aufzuhalten, unsere Aufmerksamkeit soll immer weiterhüpfen, sie will immer neues fremdes Unglück, als dächten wir bei jedem Einzelnen: ‚Natürlich, wie grauenvoll. Weiter. Welchen Schrecken sind wir noch entkommen? Wir müssen uns täglich als Überlebende, als Unsterbliche fühlen, den anderen zum Trotz, also her mit neuen Gräueln, die gestrigen haben wir schon verbraucht.'“

 

[Javier Marias im Roman „Die sterblich Verliebten“, aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange, Frankfurt/Main, 2012, S. 46]

„Wir lieben die abstrakten Ideen“

„Durch die Methode des ‚Wiederkäuens‘ und der Wiedererinnerung wird auch eine andere Tatsache erklärt, nämlich die außerordentliche Einbildungskraft der mittelalterlichen Menschen. Trotz ihrer Überschwenglichkeit erreicht dieses Vermögen bei ihnen eine Kraft und Genauigkeit, die wir nur schwer nachempfinden können. Wir sind gewohnt, gedruckte oder sich bewegende Bilder zu sehen, ohne sie wirklich zu betrachten, und selbst beim Sehen sind wir noch zerstreut. Wir lieben die abstrakten Ideen. Unsere Einbildungskraft ist erlahmt und gestattet uns fast nur noch zu träumen.

Aber bei den Menschen des Mittelalters war sie kraftvoll und lebendig. Mit ihrer Hilfe konnten sie sich die Gestalten vergegenwärtigen, sie ‚anwesend‘ machen, sie mit allen Einzelheiten, von denen die Texte berichten, schauen: die Dinge mit ihren Farben und Ausmaßen, die Menschen mit ihren Kleidern, ihrer Haltung und ihren Handlungen, also den ganzen Rahmen, in dem sie sich bewegen. Man machte sich ein Vergnügen daraus, sie zu beschreiben und sie sozusagen neu zu schaffen, indem man den Bildern und Gefühlen einen sehr lebhaften Ausdruck verlieh.“

[Jean Leclerq in „Wissenschaft und Gottverlangen. Zur Mönchstheologie des Mittelalters“, Düsseldorf, 1963 – aus dem französischen übersetzt von J.und N. Stöber, S. 88]

Faszination: Denkkollektiv

„Deshalb ist das Erkennen kein individueller Prozess eines theoretischen ‚Bewußtseins überhaupt‘; es ist Ergebnis sozialer Tätigkeit, da der jeweilige Erkenntnisbestand die einem Individuum gezogenen Grenzen überschreitet. … Der Satz ‚jemand erkennt etwas‘ verlangt [ ] einen Zusatz z.B: ‚auf Grund des bestimmten Erkenntnisbestandes‘ oder besser ‚als Mitglied eines bestimmten Kulturmilieus‘ oder am besten ‚in einem bestimmten Denkstil, in einem bestimmten Denkkollektiv‘. […]

Obwohl das Denkkollektiv aus Individuen besteht, ist es nicht deren einfache Summe. Das Individuum hat nie, oder fast nie das Bewußtsein des kollektiven Denkstiles, der fast immer einen unbedingten Zwang auf sein Denken ausübt und gegen den ein Widerspruch einfach undenkbar ist. […]

Das Erkennen stellt die am stärksten sozialbedingte Tätigkeit des Menschen vor und die Erkenntnis ist das soziale Gebilde katexochen. Schon in dem Aufbau der Sprache liegte eine zwingende Philosophie der Gemeinschaft, schon im einzelnen Worte sind verwickelte Theorien gegeben. Wessen Philosophien, wessen Theorien sind das?

Gedanken kreisen von Individuum zum Individuum, jedesmal etwas umgeformt, denn andere Individuen knüpfen andere Assoziationen an sie an. Streng genommen versteht der Empfänger den Gedanken nie vollkommen in dieser Weise, wie ihn der Sender verstanden haben wollte. Nach einer Reihe solcher Wanderungen ist praktisch nichts mehr vom ursprünglichen Inhalte vorhanden. Wessen Gedanke ist es, der weiter kreist? Ein Kollekitvgedanke eben, einer, der keinem Individuum angehört. Ob Erkenntnisse vom individuellen Standpunkte Wahrheit oder Irrtum, ob sie richtig oder mißverstanden scheinen, sie wandern innerhalb der Gemeinschaft, werden geschliffen, umgeformt, verstärkt oder abgeschwächt, beeinflussen andere Erkenntnisse, Begriffsbildungen, Auffassungen und Denkgewohnheiten.“

[Ludwik Fleck in „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“, Frankfurt/M. 1980, S. 54, 56 und 58]

irrlichterne Vergangenheit

„…ob wir wollen oder nicht, wir können nicht von der Vergangenheit – mit allen ihren Irrtümern – loskommen. Sie lebt in übernommenen Begriffen weiter, in Problemfassungen, in schulmäßiger Lehre, im alltäglichen Leben, in der Sprache und in Institutionen. Es gibt keine Generatio spontanea der Begriffe, sie sind, durch ihre Ahnen sozusagen, determiniert. Das Gewesene ist viel gefährlicher – oder eigentlich nur dann gefährlich – wenn die Bindung mit ihm unbewußt und unbekannt bleibt.“

[Ludwik Fleck in „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“, Frankfurt/M. 1980, S. 31]

Der Engel der Geschichte

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff , sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Munds steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

[Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“, 1940]