Archiv des Autors: k.

wie wir die Wirklichkeit gliedern

„Weitaus die meisten Dinge und Vorgänge interessieren uns nur durch das, was sie mit anderen gemein haben und daher achten wir auch nur auf dieses Gemeinsame, obwohl tatsächlich jeder Teil der Wirklichkeit von jedem anderen individuell verschieden ist und nichts in der Welt sich genau wiederholt. …

Andererseits aber erschöpft die generalisierende Auffassung das, was uns an unserer Umgebung interessiert und was wir daher auch von ihr kennen, keineswegs. Dieser oder jener Gegenstand kommt vielmehr gerade durch das für uns in Betracht, was ihm allein  eigentümlich  ist und was ihn von allen anderen Objekten unterscheidet. Unser Interesse und unsere Kenntnis bezieht sich dann also gerade auf seine  Individualität,  auf das, was ihn unersetzlich macht und wenn wir auch wissen, daß er sich ebenso wie andere Objekte als Exemplar eines Gattungsbegriffes auffassen  läßt,  so  wollen  wir ihn doch nicht als gleich mit anderen Dingen ansehen, sondern ihn ausdrücklich aus seiner Gruppe herausheben, was sprachlich darin seinen Ausdruck findet, daß wir ihn nicht mit einem Gattungsnamen, sondern mit einem Eigennamen bezeichnen.

… Der dargestellte Unterschied muß das Interesse der Logik in hohem Maß erregen.“

[Heinrich Rickert in „Geschichtsphilosophie“ in Windelband: Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts, Festschrift für Kuno Fischer, Heidelberg, 1907]

 

kult.ur

„Obwohl das Phänomen einer Kultur, die wir uns vorstellen für uns eine Wirklichkeit ist, die irgendwann einmal bestanden hat oder sogar noch besteht, kann man es nicht als Entität betrachten. Kultur ist und bleibt eine Abstraktion, die von uns gegebene Bezeichnung für einen historischen Zusammenhang. […] Bei jeder Kultur fühlen wir das Bedürfnis, sie zu objektivieren und als etwas Wesenhaftes, als ein historisches Ganzes zu sehen; aber dieser Wunsch bleibt […] stets unbefriedigt.“

„Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, daß der Ausdruck ‚Kultur‘ nur ein Etikett ist, mit dem unser jetziger Verstand die Überlieferung der Vergangenheit versieht: ein Begriff, der uns entgleitet, sobald wir glauben, ihn unmittelbar zu erfassen.“

„Der Kulturbegriff bleibt, wie so viele andere historische Begriffe, nur deshalb gerechtfertigt und brauchbar, weil wir außerstande sind, einen besseren an seine Stelle zu setzen. Er verdankt seine Daseinsberechtigung allein einer gewissen oberflächlichen Verständlichkeit.“

[Johan Huizinga in „Wenn die Waffen schweigen“, Basel, 1945, S. 33, 38 f. und 62]

hinter den Kulissen

„Was ist das für eine überwältigende Macht! Schauen Sie sich dieses Leben an: die Unverfrorenheit und der Müßiggang der Schwachen, ringsum eine unmögliche Armut, Bedrängtheit, Entartung, Trunksucht, Heuchelei, Lügensucht… Dabei herrscht in allen Häusern und auf den Straßen Stille und Ruhe; von fünfzigtausend Stadtbewohnern nicht einer, der aufschreien und sich laut erregen würde. Wir sehen nur die, die auf den Markt gehen, um ihre Lebensmittel einzukaufen, die am Tage essen, in der Nacht schlafen, die all ihr dummes Zeug zusammenreden, sich verheiraten, alt werden und seelenruhig ihre Verstorbenen auf den Friedhof bringen; aber wir sehen und hören nichts von denen, die leiden, und das, was schrecklich am Leben ist, spielt sich irgendwo hinter den Kulissen ab. Alles geht still und ruhig vor sich, und nur die stumme Statistik protestiert: soundso viele sind wahnsinnig geworden, soundso viele Tonnen Schnaps wurden ausgetrunken, sounso viele Kinder kamen infolge Unterernährung um…“

[A.P. Tschechow – 1860-1904 in „Meistererzählungen“, unter dem Titel „Die Stachelbeeren“ nach der Übersetzung von Reinhold Trautmann, Leipzig, 1949, S. 308]

cogito ergo sum

„Ich setze also voraus, daß alles, was ich sehe, falsch ist, ich glaube, daß nichts jemals existiert hat, was das trügerische Gedächtnis mir darstellt: ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Ort sind nichts als Chimären. Was also bleibt Wahres übrig? Vielleicht nur dies eine, daß nichts gewiß ist.

Indessen, ich habe mir eingeredet, daß es schlechterdings nichts in der Welt gibt: keinen Himmel, keine Erde, keine denkenden Wesen, keine Körper, also doch auch wohl mich selbst nicht? Keineswegs; sicherlich war ich, wenn ich mir etwas eingeredet habe.- Aber es gibt einen, ich weiß nicht welchen, allmächtigen und höchst verschlagenen Betrüger, der mich geflissentlich stets täuscht. – Nun, wenn er mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin. Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertigbringen, daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas sei.“

[René Descartes in „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“, 1642 veröffentlicht in „Meditationes de prima Philosophia“, hrsg. von Lüder Gäbe, Hamburg, 1959, S. 43]

Hauptsache: Bedenken!

„Wir wollen gehört werden, denn wir reden als Warner, und immer ist die Stimme des Warners, wer es auch sei und wo sie auch immer erklinge, in ihrem Rechte.“

[Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 302]

Kinder…

„haben gegenüber Erwachsenen einen unschätzbaren Vorteil: Sie richten ihr Handeln nicht ständig an einem schon vorab gegebenen Sinn aus, sondern lassen sich vorurteilslos auf das Erleben des unendlichen Potenzials der Gegenwart ein.

Und diese Offenheit lohnt sich. Denn wenn die üblichen Denkschablonen fallen, öffnet sich der Blick für die außergewöhnlichen, verstörenden und mitunter auch wunderbaren Seiten des Daseins.“

[Ulrich Schnabel im Artikel „Wundert euch! Eine Hamburger Ausstellung lehrt, das Außergewöhnliche im Selbstverständllichen zu entdecken“, ZEIT-Ausgabe vom 6. Oktober 2011, S.64]

Das Buch als Hafen

„Der buchbezogene Text ist mein Zuhause, und die Gemeinschaft der biblionomen Leser sind die Menschen, die ich mit wir meine.

Dieses Zuhause ist jetzt genauso veraltet wie es mein erstes Zuhause war, als einige wenige Glühbirnen begannen, die Kerze zu ersetzen. In jedem Computer lauert ein Bulldozer mit den englisch verfaßten Versprechen, neue Wege zu data, replacements, inversions und instant print zu eröffnen. Eine neue Art Text formt den Verstand meiner Studenten, ein Aus-Druck, der keinen Anker hat, der keinen Anspruch darauf erheben kann, eine Metapher oder ein Original von der Hand eines Autors zu sein. Seine Schriftzeichen werden willkürlich geformt, sind wie die Signale eines Phantomschiffs, geistern auf dem Bildschirm herum und verschwinden wieder. Immer weniger Menschen gehen an das Buch als Hafen des Sinns heran.“

[Ivan Illich, Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand, aus dem Englischen überstetzt von Ylva Eriksson-Kuchenbuch, Frankfurt/Main, 1991, S. 125]