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Authentizität contra Aufrichtigkeit

„In einer berühmten Vorlesungsreihe prägte der New Yorker Literaturkritiker Lionel Trilling 1970 zwei diametral entgegengesetzte kulturelle Leitbegriffe, die er mit den englischen Worten sincerity (Aufrichtigkeit) und authenticity (Authentizität) umschrieb.

Sincerity hieß für Trilling die Bemühung des Einzelnen, das äußere soziale und das innere private Leben ohne Selbstverstellung möglichst in Einklang zu bringen. Authenticity dagegen sei von der Suche nach Selbstbefreiung und -offenbarung geprägt. Sincerity impliziere ein gewisses Verständnis für die Erfordernisse des Gesellschaftlichen, für Tradition und für die Notwendigkeit des redlichen Rollenspiels. Authenticity dulde im Gegenteil ungern das Konventionelle; sie verlange das ungebundene Ausleben des Ichs.

In der Kulturgeschichte Westeuropas über die letzten 500 Jahre erkannte Trilling ein stetes Oszillieren zwischen diesen zwei ethischen Orientierungen. Spätestens seit der Romantik sei die westliche Moderne jedoch durch einen Siegeszug der Authentizität auf Kosten der alten Aufrichtigkeit gekennzeichnet gewesen.“

[Christopher Clark im Artikel „Keine von uns“ im Feuilleton der ZEIT vom 15. Juli 2010]

langsam gehen

„Der gesunde Verstand ist das, was in der Welt am besten vertheilt ist; denn Jedermann meint damit so gut versehen zu sein, dass selbst Personen, die in allen anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, doch an Verstand nicht mehr, als sie haben, sich zu wünschen pflegen.

Da sich schwerlich alle Welt hierin täuscht, so erhellt, dass das Vermögen, richtig zu urtheilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden, worin eigentlich das besteht, was man gesunden Verstand nennt, von Natur bei allen Menschen gleich ist, und dass mithin die Verschiedenheit der Meinungen nicht davon kommt, dass der Eine mehr Verstand als der Andere hat, sondern dass wir mit unseren Gedanken verschiedene Wege verfolgen und nicht dieselben Dinge betrachten.

Denn es kommt nicht blos auf den gesunden Verstand, sondern wesentlich auch auf dessen gute Anwendung an. Die grössten Geister sind der grössten Laster so gut wie der grössten Tugenden fähig, und auch die, welche nur langsam gehen, können doch weit vorwärts kommen, wenn sie den geraden Weg einhalten und nicht, wie Andere, zwar laufen, aber sich davon entfernen….“

[René Descartes in Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen; 1637. Text nach der Übersetzung durch Julius Heinrich von  Kirchmann von 1870]

 

Ich glaube, er meint das gar nicht ironisch.

Das Kreuz mit dem Kreuz

„Weshalb dann die Verbannung des Kreuzes? Zentrales Argument ist die These des Gerichts, das Kreuz sei „Symbol einer bestimmten religiösen Überzeugung und nicht etwa nur Ausdruck einer vom Christentum mitgeprägten abendländischen Kultur. Es hat appellativen Charakter und weist die von ihm symbolisierten Glaubensinhalte als vorbildhaft und befolgungswürdig aus.“ … „Welche Glaubensinhalte denn?“ … „Die großen Theologen haben gewußt, daß die Botschaft des Kreuzes immer von neuem gedeutet, erstritten und erkämpft werden muß. Cusanus hat gesagt: Multiplicatio sermonum perutilis est. Sehr frei übersetzt: Je mehr sich an der Auslegung beteiligen, desto besser.

 

Das Kreuz ist auch schon umgedreht und als Schwert mißbraucht worden. Es hat das Licht der Vernunft und die Wärme der Nächstenliebe verbreitet, es hat dem Totschlag und der Demagogie gedient. Es gibt kein anderes Symbol, das die Ambivalenz und die Widersprüche der europäischen Kultur derart geschichtsmächtig ausdrückt. Und es gibt keine andere als die christlich-abendländische Kultur, die derart streitbar und neugierig, bis an den Rand der Selbstpreisgabe, sich anderen Kulturen und anderem Denken öffnet. Das Christentum ist die Religion der Bestreitung schlechthin, seiner Gegner wie seiner selbst. Die Aufklärung, der wir die Trennung von Staat und Kirche verdanken, wäre ohne es nicht denkbar.

 

Wie seltsam phantasielos, wie kleinmütig doch die Karlsruher Richter (auch die dissentierenden) sind! Als dürfte das Kreuz nicht auch zum Widerspruch herausfordern, zur abweichenden Lesart oder gar zum tätigen Zorn, als müßte derjenige, der es erblickt, auf die Knie fallen. Nicht einmal der Gläubige muß das. Aber der Gebildete muß wissen, daß er dem Kreuz, als dem Zeichen der Geschichte, aus der wir kommen, nicht dadurch entrinnt, daß er es entfernt. Der Fleck bleibt an der Wand.“

[Ulrich Greiner 1995 in der ZEIT, Ausgabe 34 im Artikel Der Fleck an der Wand, ein Kommentar zum sog. Kruzifix-Urteil]

Das Glück des Lebens verwetten

„Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis des Irrtums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn stutzig. Bisweilen zeigt sich: daß er zwar Überredung genug, die auf einen Dukaten an Wert geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn besitze. Denn den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehnen wird er allererst inne, was er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl möglich sei, er habe sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt: man solle worauf das Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet unser triumphierendes Urteil gar sehr, wir werden überaus schüchtern und entdecken so allererst, daß unser Glaube soweit nicht zulange.

[Immanuel Kant in Kritik der reinen Vernunft, 1787; B 852]

Er hat wirklich „öfters“ geschrieben…

nochmal Wittgenstein

„Dieses Buch ist für solche geschrieben, die seinem Geist freundlich gegenüberstehen….

Ich möchte sagen >dieses Buch ist zur Ehre Gottes geschrieben<, aber das wäre heute eine Schurkerei, d.h. es würde nicht richtig vestanden werden. Es heißt, es ist in gutem Willen geschrieben und soweit es nicht mit gutem Willen, also aus Eitelkeit etc., geschrieben, soweit möchte der Verfasser es verurteilt wissen. Er kann es nicht weiter von diesen Ingredienzen reinigen, als er selbst davon rein ist.“

[Ludwig Wittgenstein im Vorwort zu „Philosophische Bemerkungen“, November 1930]

 

Wissen und sagen

„78. Vergleiche wissen und sagen:

wieviele m hoch der Mont-Blanc ist –

wie das Wort „Spiel“ gebraucht wird –

wie eine Klarinette klingt.

 

Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne, und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß nicht an einen wie den dritten.“

[Ludwig Wittgenstein, 1945 in Philosophische Untersuchungen, § 78]

Weisheit und Liebe

„Keiner der Götter philosophiert oder begehrt weise zu werden, denn sie sind es bereits; auch wenn sonst jemand weise ist, philosophiert er nicht. Ebensowenig philosophieren wiederum die Unverständigen, noch begehren sie weise zu werden. Denn das eben ist das Verderbliche am Unverstand, daß man, ohne schön, gut und verständig zu sein, dennoch sich selber genug dünkt. Wer nun nicht glaubt, bedürftig zu sein, der begehrt auch dessen nicht, wessen er nicht zu bedürfen glaubt.

Wer sind denn also, Diotima, fragte ich, die Philosophierenden, wenn es doch weder die Weisen noch die Unwissenden sind?

Das ist doch nun wohl auch einem Kinde klar, erwiderte sie, daß es die zwischen beiden in der Mitte Stehenden sind, und zu ihrer Zahl gehört nun wiederum auch Eros. Denn gewiß zählt doch die Weisheit zu dem Allerschönsten; die Liebe aber ist auf alles Schöne gerichtet: folglich ist Eros ein Philosoph; als Philosoph aber steht er in der Mitte zwischen einem Weisen und einem Unwissenden.“

[aus „Das Gastmahl“ von Platon, ca. 380 v. Chr. nach der deutschen Übersetzung von Franz Susemihl, 1855]

 

„Aber woher Sokrates, weißt du mir denn was schön ist und was schlecht?“