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Wahrheit und/oder Sicherheit

„Die Wahrheit ist objektiv und absolut: Das ist die Idee, die Alfred Tarski gegen den Relativismus verteidigt hat. Aber wir können niemals ganz sicher sein, daß wir die Wahrheit, die wir suchen, gefunden haben. Wir dürfen die Wahrheit nicht mit der Sicherheit, mit ihrem sicheren Besitz verwechseln. Die absolute Wahrheit wird manchmal erreicht; die Sicherheit nie: Die Suche nach Sicherheit ist verfehlt; aber wir können unsere Theorien immer strenger überprüfen.

Auch eine zweite Unterscheidung ist von größter Bedeutung: die zwischen Erkenntnis im subjektiven und objektiven Sinn. Die Erkenntnis ist das Werk von denkenden Menschen, mit ihren subjektiv erlebten Schwierigkeiten – den subjektiven Problemen – und ihren Hoffnungen, die sie zur Wahrheitssuche anspornen. Aber der Inhalt ihrer Gedanken, der sprachlich in Sätzen formuliert werden kann, ist etwas Objektives: Er ist objektiv wahr oder objektiv falsch. Wenn wir die Wahrheit suchen, so machen wir es zu unserer Aufgabe, die wahren Sätze von den falschen Sätzen zu unterscheiden, so gut wir es eben können…“

[Karl Raimund Popper, im Vorwort zur 4.Auflage von „Objektive Erkenntnis“ 1984]

 

 

Mythos Ehe

„Auch die Hochzeit war ein Ritus, der den stabilen Lauf der Welt markierte, doch ist er heute ausgehöhlt bis zur Unkenntlichkeit. Noch dem treuesten Schwur vor dem Altar ist das Scheitern eingeschrieben, per Ehevertrag wird nebenher geregelt, wem das Haus zufällt oder der VW Passat, wenn es zur Scheidung kommt, die man realistischerweise nicht auszuschließen vermag.

Wir sind abgeklärt, da wir die Zukunft als kontingent, als wechselhaft, als offen uns denken. Wer heiratet, heiratet heute immer paradox: Er denkt sich die Ewigkeit als eine mit Verfallsdatum.“

 

[aus dem Artikel „Über erneuerbare Liebe“ von Adam Soboczynski im Zeitmagazin, Ausgabe 22 vom 27.5.2010]

Kein reines Licht

„Der menschliche Verstand zieht in das, was er einmal als wahr angenommen hat, weil es von Alters her gilt und geglaubt wird, oder weil es gefällt, auch alles Andere hinein, um Jenes zu stützen und mit ihm übereinstimmend zu machen. Und wenn auch die Bedeutung und Anzahl der entgegengesetzten Fälle grösser ist, so bemerkt oder beachtet der Geist sie nicht oder beseitigt und verwirft sie mittelst Unterscheidungen zu seinem grossen Schaden und Verderben, nur damit das Ansehn jener alten fehlerhaften Verbindungen aufrecht erhalten bleibe….

Der menschliche Geist ist kein reines Licht, sondern erleidet einen Einfluss von dem Willen und den Gefühlen. Dies erzeugt jene »Wissenschaften für Alles, was man will«; denn was man am liebsten als das Wahre haben mag, das glaubt man am leichtesten. Der Geist verwirft deshalb das Schwere, weil ihm die Geduld zur Untersuchung fehlt; desgleichen das Maßhaltende, weil es die Hoffnungen beschränkt; das Höhere in der Natur aus Aberglauben; das Licht der Erfahrung aus Hochmuth und Anmaßung, damit es nicht scheine, als beschäftige sich der Geist mit Niedrigem und Vergänglichem; endlich das sonderbar Klingende wegen der Meinungen der Menge. Auf unzählige und oft unbemerkbare Weise drängt sich das Gefühl in das Denken und steckt es an…“

[aus Francis Bacon, Neues Organon, 1620 – in deutscher Übersetzung nach Julius Heinrich von Kirchmann von 1870]

Kein Weg zu weit

„Wieviele Kilometer bin ich in meinem Leben schon gegangen?“

Eine nur im ersten Augenblick harmlos anmutende kindliche Frage.

Wittgenstein würde sagen:

„Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.“

[Tractatus logico-philosophicus, unter 6.5., 1918]

 

Ich denke nicht, dass er recht hat.

Wahrheit contra Zeitgeist

„Für die philosophische Wahrheit, wie im Grunde für jede andere giebt es äußerlich nur Ein Criterium: die allgemeine Einstimmung, die Evidenz, mit der sie Jeden zwingt zu ihrer Anerkennung, welcher sie, bei angemessener Vorbildung, unpartheiisch prüfend in sich nachkonstruirt. Es kommt also nur darauf an, eine allgemeine unpartheiische Prüfung für eine neue Lehre zu erhalten: und wir werden eines vollgültigen Urtheils über dieselbe gewiß sein können.

Freilich wird hiezu die Bestimmung der denkenden Köpfe einer bestimmten Zeit, eines einzelnen Volkes noch nicht genügen: denn in Folge besonderer Conjunkturen kann eine falsche Gedankenverknüpfung für einen gewissen Zeitraum so aller Geister sich bemächtigt haben, daß sie jeden Versuch zu ihrer Prüfung sogleich herrisch unterdrückt;…“

[Friedrich Eduard Beneke in „Kant und die philosophische Aufgabe unserer Zeit. Eine Jubeldenkschrift auf die Kritik der reinen Vernunft“, 1832]

Mich verwundert (und erschreckt zum Teil) wie im aufgeklärten 19. Jahrhundert Menschen abgebügelt wurden, die sich gedanklich auf neue Wege fern des Mainstreams begaben. Beeindruckend wie idealistisch dabei Friedrich Eduard Beneke blieb. Er meinte auch mal „niemand steht so niedrig, daß ich nicht gern von ihm lernen möchte“. Das erinnert an einen schönen Satz aus dem Talmud: „Wer ist weise? Der von allen Menschen lernt.“

Phi Lo Sophie

„Was Philosophie sei und was sie wert sei, ist umstritten. Man erwartet von ihr außerordentliche Aufschlüsse oder läßt sie als gegenstandsloses Denken gleichgültig beiseite. Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemühen ungewöhnlicher Menschen oder verachtet sie als überflüssiges Grübeln von Träumern. Man hälst sie für eine Sache, die jedermann angeht und daher im Grunde einfach und verstehbar sein müßte, oder man hält sie für so schwierig, daß es hoffnungslos sei, sich mit ihr zu beschäftigen. Was unter dem Namen der Philosophie auftritt, liefert in der Tat Beispiele für so entgegengesetzte Beurteilungen.“

[Karl Japsers, Einführung in die Philosophie, 1957]

Armer Fichte, und wie sich die Zeiten ändern

„Die Beschuldigung der Gottlosigkeit ruhig ertragen, ist selbst eine der ärgsten Gottlosigkeiten. Wer mir sagt, du glaubst keinen Gott, sagt mir: du bist zu dem, was die Menschheit eigentlich auszeichnet und ihren wahren Unterscheidungscharakter bildet, unfähig; du bist nicht mehr als ein Tier.“

[Johann Gottlob Fichte in der National-Zeitung von 1798 St. 51

als Verteidigung gegen den Atheismus-Vorwurf unter dem Titel
„Appellation an das Publikum über die durch ein Kurfürstlich Sächsisches Konfiskationsreskript ihm beigemessenen atheistischen Äußerungen. Eine Schrift, die man erst zu lesen bittet, ehe man sie konfisziert“

in Fichte, sämmtliche Werke. Hg I. H. Fichte, Band 5, Berlin,1845/1846]