Archiv des Autors: k.

Tod, wo ist dein Stachel?

„Du wirst von der Sünde loskommen.
Du wirst von der Trübsal befreit
und von der Wut der Theologen.
Du wirst zum Licht gelangen.
Du wirst Gott sehen.
Du wirst den Sohn Gottes schauen.
Du wirst die wunderbaren Geheimnisse
erfahren, die du in diesem Leben
nicht begreifen konntest, nämlich warum
wir so, wie wir sind, geschaffen
wurden und wie die beiden Naturen
[die göttliche und die menschliche]
in Christus miteinander verbunden sind.“

[Philipp Melanchton im April 1560; kurz vor seinem Tod]

Der Wahrnehmungskäfig

„Ich war zunehmend verwirrt: Nicht nur dass sich dieselben Fakten der verschiedenen Konflikte in dieser Weltgegend aus arabischer Perspektive zu komplett anderen Bildern zusammensetzten – offensichtlich war das, was uns im nachchristlichen Abendland als Meinungsvielfalt erschien, nur ein sehr begrenzter Ausschnitt aus einem viel größeren Spektrum der Weltanschauungsmöglichkeiten. Es gab fundamental andere Positionsbestimmungen des Menschen in Raum und Zeit, die trotzdem in sich schlüssig waren. Zugleich merkte ich, wie sehr all diese Sichtweisen, einschließlich meiner eigenen, durch Medien und Meinungsmacher des jeweiligen Kulturraums geformt waren. Der Blick auf politische Ereignisse, religiöse und soziale Strukturen bewegte sich hier wie dort im Rahmen der Beschreibungsmuster und Deutungskonzepte, mittels derer sich unsere jeweiligen Gesellschaften tagaus, tagein ihrer Leitlinien vergewisserten. Diese Leitlinien bildeten das Gestänge des Wahrnehmungskäfigs, in dem jeder eingeschlossen war. Selbst wenn ich sah, dass es um mich herum andere Käfige gab, konnte ich aus meinem doch nicht heraus. Immer seltener war ich imstande, zu glauben, dass ich einfach mal recht hatte, dass es recht und unrecht überhaupt gab – von „der Wahrheit“ ganz zu schweigen.“

[Christoph Peters im Artikel Kairoer Aufklärung der Zeit-Sonderbeilage „Zeit-Reisen“ Nr. 10 vom März 2010. Peters beschreibt die bleibenden Eindrücke einer Reise zum Verwandtenbesuch in Ägypten im Jahr 1993.]

Kleiner, bedeutender Unterschied

„Most people live for love and admiration. But it is by love and admiration that we should live.“

[Oscar Wilde in De Profundis, ein Brief aus dem Gefängnis an einen Freund, 1905 posthum veröffentlicht.]

Beschaulichkeit

„Wir erleben die Zeit der Großstädte. Freiwillig amputierte man der Welt, was ihre Dauer bewirkt: die Natur, das Meer, die Hügel, die Beschaulichkeit der Abende.“

(Albert Camus in „Heimkehr nach Tipasa“ (orginal französisch „L’Été“ 1938)

Antagonismus der menschlichen Natur

„Ich verstehe hier unter dem Antagonism die ungesellige Geselligkeit der Menschen, d.i. den Hang derselben in Gesellschaft zu treten, der doch mit einem durchgängigen Widerstande, welcher diese Gesellschaft beständig zu trennen droht, verbunden ist. Hierzu liegt die Anlage offenbar in der menschlichen Natur. Der Mensch hat eine Neigung sich zu vergesellschaften: weil er in einem solchen Zustande sich  mehr als Mensch, d.i. die Entwickelung seiner Naturanlagen, fühlt. Er hat aber auch einen großen Hang sich zu vereinzelnen (isoliren): weil er in sich zugleich die ungesellige Eingenschaft antrifft, alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen, und daher allerwärts Widerstand erwartet, so wie er von sich selbst weiß, daß er seinerseits zum Widerstand gegen andere geneigt ist. Dieser Widerstand ist es nun, welcher alle Kräfte des Menschen erweckt, ihn dahin bringt seinen Hang zur Faulheit zu überwinden und, getrieben von Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht, sich einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen, die er nicht wohl leiden, von denen er aber auch nicht lassen kann.“

(aus Immanuel Kant, „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“, 1784)

fascination foucault

„Ich denke niemals völlig das gleiche, weil meine Bücher für mich Erfahrungen sind. Erfahrungen im vollsten Sinne, den man diesem Ausdruck beilegen kann. Eine Erfahrung ist etwas, aus dem man verändert hervorgeht. Wenn ich ein Buch schreiben soll, um das mitzuteilen, was ich schon gedacht habe, ehe ich es zu schreiben begann, hätte ich niemals die Courage, es in Angriff zu nehmen. Ich schreibe nur, weil ich noch nicht genau weiß, was ich von dem halten soll, was mich so sehr beschäftigt. So dass das Buch ebenso mich verändert wie das, was ich denke … Ich bin ein Experimentator in dem Sinne, dass ich schreibe, um mich selbst zu verändern und nicht mehr dasselbe zu denken wie zuvor.“

(Michel Foucault „Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori“, Frankfurt/M. 1997, S.24)

Im Namen der Vernunft

„Wer im Namen der Vernunft spricht, widerspricht sich selbst. Denn vernünftig ist es, die Begrenztheit der eigenen Einsicht zu wissen und eben dadurch besserer Einsicht fähig zu sein, komme sie, woher immer … Immer besteht die Vernunft darin, auf dem für wahr Gehaltenen nicht blindlings zu bestehen, sondern sich kritisch an ihm zu betätigen.“

[Hans-Georg Gadamer, „Lob der Theorie“. Frankfurt/M. 1991, S. 65]