Archiv des Autors: k.

nicht fensterlos

„Ich wollte nicht gehören zu ihnen, den gläubigen Kameraden, aber ich hätte mir gewünscht, zu sein wie sie, unerschütterlich, ruhig, stark. Was ich damals zu begreifen glaubte, erscheint mir immer noch als Gewißheit: Der im weitesten Sinne gläubige Mensch, sei sein Glaube ein metaphysischer oder ein immanenzgebundener, überschreitet sich selbst. Er ist nicht der Gefangene seiner Individualität, sondern gerhört einem geistigen Kontinuum an, das nirgends, und auch in Auschwitz nicht, unterbrochen wird. Er ist zugleich wirklichkeitsfremder und wirklichkeitsnäher als der Glaubenslose. Wirklichkeitsfremder, da er doch in seiner finalistischen Grundhaltung die gegebenen Realitätsinhalte links liegen läßt und darum seinerseits kraftvoll auf sie einwirken kann. Dem glaubensfreien Menschen ist die Wirklichkeit im schlimmen Fall eine Gewalt, der er sich überläßt, im günstigen ist sie ihm Material für die Analyse. Dem Gläubigen ist sie Ton, den er formt Aufgabe, die er löst.“

[Jean Améry in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, Stuttgart, 1977, S. 39]

„Der Stoff, aus dem Helden sind“

„Zusammenfassend könnte man also sagen: Was uns zu »Helden« macht, ist nicht so sehr unsere Person oder der Glaube an die »richtige« Sache, sondern eher die Fähigkeit, auch in scheinbar alternativlosen Szenarien Handlungsmöglichkeiten zu erkennen; dazu die Kunst, die richtigen Freunde und Netzwerke zu finden, sowie der Mut, den ersten Schritt zu wagen. Moralische Unterscheidungsfähigkeit wächst, wenn man sie nutzt.“

[Natalie Knapp im Artikel „Der Stoff, aus dem Helden sind“, Online-Ausgabe der ZEIT vom 12.3.2013]

Welt als

Buch?

„Der Diskurs ist nicht in ein Spiel von vorgängigen Bedeutungen aufzulösen. Wir müssen uns nicht einbilden, daß uns die Welt ein lesbares Gesicht zuwendet, welches wir nur zu entziffern haben. Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis. Es gibt keine prädiskursive Vorsehung, welche uns die Welt geneigt macht. Man muß den Diskurs als eine Gewalt begreifen, die wir den Dingen antun; jedenfalls als eine Praxis, die wir ihnen aufzwingen. In dieser Praxis finden die Ereignisse des Diskurses das Prinzip ihrer Regelhaftigkeit.“

[Michel Foucault in „Die Ordnung des Diskurses“, Frankfurt/M., 1991, S. 34]

muß: ein Verdammungswort

„Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu schreiben. Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muß ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an Deine Brust legen! …“

[Georg Büchner in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé, Januar 1834 via gutenberg.spiegel.de]

Gegensätze als Tragik des menschlichen Lebens

«In der Zeit der Übergänge, in denen die neuen Gedanken mit den alten in Streit lagen, hatte ich manchmal das Gefühl einer Art von Verrat an meinen liberalen Freunden, das um so schmerzhafter war, als sie mir im persönlichen Umgang immer die gemäßesten – also auch die liebsten – blieben. Heute habe ich dieses Gefühl des Zwiespalts nicht mehr. Ich fühle mich fähig, entgegengesetzte Elemente in mir zu beherbergen und jedem (der Mutter, dem Vater, der eigenen Generation) zu seiner Stunde sein Recht zu gewähren. Der Preis dafür ist, dass ich auf die Frage, ob ich links oder rechts, konservativ, liberal oder revolutionär sei, keine Antwort weiß. Das ist nicht die Bereitschaft zu einer Abfolge von faulen Kompromissen. Es entspringt der Überzeugung, dass wir im Ausharren in der Polarität der Gegensätze die unauflösliche Tragik des menschlichen Lebens erfahren können, die nicht mit gutem Willen und nicht mit dem Verstand zu überwinden ist, in der wir aber, sofern wir sie anerkennen, wenn auch noch so selten, einmal den Schlüssel finden mögen, der die Gegensätze bindet und löst.»

[Margret Boveri in "Der Verrat im 20. Jahrhundert." Das Standardwerk in einer Gesamtausgabe, Hamburg, 1976, S. 777]

 

Wert statt Präsenz: die Welt auf dem Kopf

„…mit der Ersetzung der Rede durch die Schrift tritt zugleich der Wert an die Stelle der Präsenz. Dem auf diese Weise preisgegebenen ich bin oder ich bin anwesend wird ein was ich bin oder was ich gelte vorgezogen. ‚Wäre ich anwesend, hätte man nie in Erfahrung bringen können, was ich gelte.‘ [Zitat von Jean-Jacques Rousseau aus dessen „Confessiones“] Ich verzichte auf mein gegenwärtiges Leben, auf meine tatsächliche und konkrete Existenz, um in der Idealität der Wahrheit und des Wertes anerkannt zu werden. Ein hinreichend vertrautes Schema. Der Krieg findet in mir statt, durch ihn will ich mich über mein Leben erheben, immer über ihm wachend, um mich der Anerkennung zu erfreuen, während die Schrift die besondere Erscheinungsform dieses Krieges ist.

[…]

Daß das Zeichen, das Bild oder der Repräsentant zu Kräften werden, mit deren Hilfen ‚die Welt in Bewegung gesetzt‘ wird, das ist der Skandal.

Dieser Skandal und die durch ihn hervorgerufenen Schäden sind zuweilen so irreparabel, daß die Welt auf dem Kopf zu stehen scheint…“

[Jacques Derrida in „Grammatologie“ (1967), Frankfurt am Main. 1996, S. 244 und S. 254]

 

 

 

 

 

 

 

lesen können

„Schlägt man die Bibel auf, stößt man schnell auf Vertrautes, und selbst wenn man sie nicht aufschlägt, meint man doch wenigstens ungefähr zu wissen, worum es geht. Schaut man aber genauer hin, so findet man Mehr, Anderes und Überraschendes. Das fängt schon an, wenn man von den bekannten Stellen ein  Stück vor- oder zurückblättert und etwa nach dem triumphalen Durchzug durch das Rote Meer plötzlich auf das gegen Gott murrende Volk Israel stößt. Aber auch die vertrauten Geschichten erweisen sich bei näherem Hinsehen oft als recht rätselhaft: Eigentlich geht es in ihnen nie so einfach zu, wie man es in Erinnerung hatte, oder die Einfachheit ist selbst bemerkenswert, ja staunenswert, wenn man sie unbefangen ansieht. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, reicht es daher nicht aus, zu wiederholen, was sie sagen oder was man über sie weiß, man muss auch beschreiben, wie sie sagen, was sie sagen: man muss sie lesen können.“

[Daniel Weidner in „Einleitung: Zugänge zum Buch der Bücher“ in „Bibel als Literatur“ hg. von Hans-Peter Schmidt und Daniel Weidner, München, 2008, S. 7]