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Beobachtungen sind immer einseitig

„Es ist – wer würde das bestreiten? – davon auszugehen, daß alles Beobachten und Beschreiben eine aktuelle, real durchgeführte Operaton ist und ferner: daß diese Operation das, was sie beobachtet bzw. beschreibt, muß unterscheiden können. Dies gilt nicht nur für wissenschaftliche Analyse, sondern auch für die internen Prozesse der Organisationen. Es gilt für innerpsychische Operationen ebenso wie für Kommunikationen. Es gilt für Erleben ebenso wie für Handeln. Immer erfordert Beobachten in diesem sehr allgemeinen Sinn ein Herausgreifen von etwas im Unterschied zu anderem. Also die Benutung einer Unterscheidung, die aber nur auf der einen (der bezeichneten) und nicht auf der anderen Seite zur Anknüpfung weiterer Operationen verwendet werden kann.
Beobachten ist somit zwangsläufig eine Operation mit eingebauter Asymmetrie. Die Forderung, beide Seiten der jeweils beobachtungsleitenden Unterscheidung zugleich zu bezeichnen, läuft deshalb auf die Paradoxie einer einseitigen und zweiseitigen Aktualisierung hinaus.Andererseits muß ein Zugleichfungieren der Unterscheidung als „Form“ des Beboachtens vorausgesetzt werden.Jede Beobachtung verwendet also eine Unterscheidung zugleich zweiseitig und einseitig. Sie braucht (und kann) diese Eigenart jedoch nicht selber beobachten. Sie ist also paradox fundiert, bleibt aber trotzdem operationsfähig, weil sie ihre Paradoxie durch die Faktizität ihres Vollzugs verdeckt – verdecken kann, verdecken muß. Sie sieht nicht, daß sie nicht sieht, was sie nicht sieht, und das ist, wenn man noch einmal transzendentaltheoretisch formulieren will, eine Bedingung ihrer Möglichkeit. Nur ein Beobachter eines Beobachters kann die Paradoxie bezeichnen, die dem beobachteten Beobachten zugrunde liegt; aber dies nur mit einer ebenfalls paradox fundierten Beobachtung.“

[Niklas Luhmann in „Die Paradoxie des Entscheidens“ in der Zeitschrift „Verwaltungs-Archiv: Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik“, 84. Band, Heft 3 vom 1. Juli 1993, S. 293/294]

reality is what you make of it

„»Die Welt ist meine Vorstellung:« – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektirte abstrakte Bewußtseyn bringen kann: und thut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung daist, d.h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist.[…]

Keine Wahrheit ist also gewisser, von allen andern unabhängiger und eines Beweises weniger bedürftig, als diese, daß Alles, was für die Erkenntniß daist, also die ganze Welt, nur Objekt in Beziehung auf das Subjekt ist, Anschauung des Anschauenden, mit Einem Wort, Vorstellung. Natürlich gilt Dieses, wie von der Gegenwart, so auch von jeder Vergangenheit und jeder Zukunft, vom Fernsten, wie vom Nahen: denn es gilt von Zeit und Raum selbst, in welchen allein sich dieses alles unterscheidet. Alles, was irgend zur Welt gehört und gehören kann, ist unausweichbar mit diesem Bedingtseyn durch das Subjekt behaftet, und ist nur für das Subjekt da. Die Welt ist Vorstellung.“

[Arthur Schopenhauer in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, Zürcher Ausgabe. Werke in zehn Bänden. Band 1, Zürich 1977, via zeno.org]

Rousseaus Bekenntnisse

„Diese mit der äußersten Lebhaftigkeit des Empfindens verbundene Langsamkeit des Denkens ist mir nicht nur im Gespräch eigen, sondern auch, wenn ich allein bin und wenn ich arbeite. Die Gedanken ordnen sich in meinem Kopfe nur mit der unglaublichsten Schwierigkeit; sie schwanken dumpf darin auf und nieder und fangen an zu gären, wodurch sie mich aufregen, erhitzen und mir Herzklopfen verursachen, und inmitten dieser großen Erregung sehe ich doch nichts deutlich und würde nicht ein einziges Wort niederzuschreiben wissen. Ich muß warten. Unmerklich beschwichtigt sich dieses große Durcheinander, das Chaos klärt sich, und jedes Ding kommt, wenn auch langsam und nach einem langen und wirren Streben an seinen Platz.“

[Jean-Jacques Rousseau in „Bekenntnisse“ aus dem Französischen übersetzt von Ernst Hardt, Frankfurt.am Main/Leipzig, 1985, S. 179]

Vernunft versus Offenbarung?

„Letztlich wird man sagen müssen, daß Art und Möglichkeit des christlichen Heiligenbildes engstens mit dem personalen Theismus verknüpft sind: Sofern sich Gott als Herr der Welt und Freund der Menschen offenbart und über den Tod hinausführt, gibt es auch „seine Heiligen“. So entscheidet das Gottesbild notwendig über Art und Sein der Heiligen. Schon wenn man das biblische Gottesbild neben das griechische stellt, ergeben sich deutliche Unterschiede mit Auswirkung auch auf den Gottesmenschen: Im Griechentum ist die Gottheit Geist (nous), und wegen dieser Geisthaftigkeit dominiert die Bindung an die vernünftige Ordnung. Für die Gottheit sind darum nicht alle Dinge möglich; Willkür ist ausgeschlossen. Der Mensch hat mit seinem Nous den göttlichen Funken in sich; wenn er ihn freilegt und reinigt, kann er zur Göttlichkeit aufsteigen, ja sich im Göttlichen verschmelzen. Es ist der Weg der Aufstiegsmystik.

Anders die Bibel; ihr zufolge steht Gott über Mensch uns Welt, bleibt in jeder Hinsicht der überlegene Herr; denn er verkörpert Macht und Willen. Gleichzeitig ist alles von ihm abhängig, doch hat er ein gnädiges Herz. Für das menschliche Handeln ergibt sich daraus: Nicht Einsicht und Verschmelzung mittels des Nous, „sondern Gehorsam gegenüber Jahwes erlassenen Geboten wie auch seinen einmaligen Befehlen befähigen den Heiligen zum richtigen Handeln.“

Mit ihren  unterschiedlichen Akzentuierungen haben beide Gottesbilder spezifische Stärken und auch Schwächen: Das griechische Gottesbild ist kosmisch interpretierbar, daß nämlich in Welt und Mensch Geist von Gottes Art wirkt, der beide verbindet. Menschlicher Gottesdienst zielt darum vorrangig auf Erkenntnis, ist „Theoria“-Schau, um so die Teilhabe an Gott zu gewinnen. Aber es bleibt die Frage, ob „das Göttliche sich um die Menschen, um den einzelnen Menschen kümmert“; das ist die bleibende „Wunde“.

Wie aber der griechische Beter sich mit dem göttlichen Geist vereint, so obliegt es dem biblischen Beter, sich mit Gottes Willen zu identifizieren: „Dein Wille geschehe“ (Mt. 6,10). Gehorsam ist darum nach biblischer Auffassung das erste, das dem Menschen abverlangt wird, selbst wenn es gegen seine Einsicht geht. Überhaupt ist Gottes Wille grundsätzlich nicht „“ausdenkbar“, er muß sich vielmehr offenbaren, und der Mensch hat zu folgen; darum die Verdemütigung und der Gehorsam.“

[Arnold Angenendt in „Heilige und Reliquien.Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart“, München, 1994, S. 349/350]

 

Der Vorteil von Schubladen und Etiketten

„Es ist falsch, absurd und schmerzlich, wenn irgendjemand behauptet, dass diejenigen, die Kritik am israelischen Staat üben, antisemitisch oder, falls jüdisch, voller Selbsthass seien.

Man versucht, diejenigen, die eine kritische Auffassung vorbringen, zu dämonisieren und so ihre Sichtweise zu diskreditieren. Es handelt sich um eine Taktik, die darauf abzielt, Menschen zum Schweigen zu bringen: Was immer man sagt, es ist von vornherein abzulehnen oder so zu verdrehen, dass die Triftigkeit des Sprechakts geleugnet wird. Mit dieser Art von Vorwurf weigert man sich, die kritische Sichtweise zu erörtern, ihre Gültigkeit zu diskutieren, ihre Belege zu prüfen und zu einer vernünftig begründeten Schlussfolgerung zu kommen. Der Vorwurf ist nicht nur ein Angriff auf Menschen mit Ansichten, die manche verwerflich finden, sondern auch ein Angriff auf den vernünftigen Austausch an sich.

Wenn eine Gruppe Juden eine andere Gruppe Juden als „antisemitisch“ bezeichnet, dann versucht sie, das Recht, im Namen der Juden zu sprechen, zu monopolisieren. …“

[Judith Butler, Anwärterin auf den diesjährigen Adorno-Preis der Stadt Frankfurt in ihrer Antwort auf ihre Kritiker, am 29.8.2012 übersetzt und veröffentlicht in der ZEIT, vollständig lesbar unter http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-08/judith-butler-kritik-israel-antwort]

Wunder im Mittelalter

>>Die moderne Forschung hat sich mit ihrem „hyperkritischen Rationalismus“[1] der Hagiographie gegenüber lange Zeit schwergetan. Oft hat sie aus der Viten- und Mirakelliteratur nur das historische Material herausgebrochen und dabei deren Genus verkannt. Hagiographisch wichtige Passagen, etwa die Visionen und Wunder, sind in den Ausgaben der >Monumenta Germaniae Historica< zuweilen einfach weggelassen.[2] In Wirklichkeit spiegelt diese Literatur ein bestimmtes Weltbild, innerhalb dessen sie eine konsequente Logik verfolgt. Man kann die Viten darum weder als Aberglauben abtun noch als Poesie verklären. Anstoß erregten insbesondere die Wunder: Das leichtgläubige und wundersüchtige Mittelalter! Heute fällt das Urteil vorsichtiger aus. Eine mentalitätsgeschichtliche Rekonstruktion der zeitgenössischen Vorstellungen und des dazugehörigen Weltbildes machen vieles ‚verständlich‘, in gewissem Maße auch die Wunder. „Es geht nicht an, die tausendfache Überlieferung von Wundern, unter denen Heilungsmirakel vorherrschen, ausschließlich damit zu erklären, daß hier entweder Legendenmotive übertragen oder wirkliche Vorkommnisse umstilisiert … wurden … Wir können nicht von vorherein ausschließen, daß im Umkreis der Heiligen sich Ereignisse abspielten, die über den Rahmen des üblichen Geschehens und vielleicht auch dessen, was der ‚aufgeklärte‘ Mensch heute im allgemeinen für möglich hält, hinausgingen und eben den Ruf der Heiligkeit und Auserwähltheit begründet haben.“[3]<<

 

[Arnold Angenendt in „Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München, 1994, S. 143]

[1] Lotter Friedrich, Methodisches zur Gewinnung historischer Erkenntnisse aus hagiogr. Quellen, in HZ 229 (1979), S. 305

[2] z.B. die Edition der Vita Aldegunis durch Levison

[3] Lotter, Severinus von Noricum. Legende und historische Wirklichkeit, Stuttgart, 1976, S. 92 f

schizophrenes Christentum

„Face a là violence des comportements et à la militarisation de la societé, L’Église n’a guère que des armes spirituelles. Mais leur caractère de chantage au salut leur donne une force incomparable: contre les agissments qui menacent son autorité ou l’intégrité de ses biens, elle exclut – par l’excommunication ou la malédiction – les coupalbes de la mémoire d’Église e du cimetière des chrétiens, dont le caractère d’asile est encore accentué par le mouvement de Paix de Dieu.“

[Beobachtungen von Cécile Treffort über die Kirche im 10. Jahrhundert in „L’Èglise carolingienne et la mort“, Lyon, 1996, S. 189]

 

Angesichts der steigenden Gewalt und Militarisierung der Gesellschaft, hatte die Kirche höchstens spirituelle Waffen zu bieten. Doch die Möglichkeit, die Menschen mit dem ewigen Heil zu erpressen, gab der Kirche eine unvergleichliche Macht: gegen Machenschaften, die ihren Einfluss oder ihre Besitztümer bedrohten schloss sie die Schuldigen durch Exkommunikation oder Fluch aus dem Gedenken der Kirche und aus dem Friedhof der Christen aus; nur das Asylrecht bleibt in der Bewegung des „Paix de Dieu“ bestehen.