Archiv der Kategorie: Zitate

„Wir lieben die abstrakten Ideen“

„Durch die Methode des ‚Wiederkäuens‘ und der Wiedererinnerung wird auch eine andere Tatsache erklärt, nämlich die außerordentliche Einbildungskraft der mittelalterlichen Menschen. Trotz ihrer Überschwenglichkeit erreicht dieses Vermögen bei ihnen eine Kraft und Genauigkeit, die wir nur schwer nachempfinden können. Wir sind gewohnt, gedruckte oder sich bewegende Bilder zu sehen, ohne sie wirklich zu betrachten, und selbst beim Sehen sind wir noch zerstreut. Wir lieben die abstrakten Ideen. Unsere Einbildungskraft ist erlahmt und gestattet uns fast nur noch zu träumen.

Aber bei den Menschen des Mittelalters war sie kraftvoll und lebendig. Mit ihrer Hilfe konnten sie sich die Gestalten vergegenwärtigen, sie ‚anwesend‘ machen, sie mit allen Einzelheiten, von denen die Texte berichten, schauen: die Dinge mit ihren Farben und Ausmaßen, die Menschen mit ihren Kleidern, ihrer Haltung und ihren Handlungen, also den ganzen Rahmen, in dem sie sich bewegen. Man machte sich ein Vergnügen daraus, sie zu beschreiben und sie sozusagen neu zu schaffen, indem man den Bildern und Gefühlen einen sehr lebhaften Ausdruck verlieh.“

[Jean Leclerq in „Wissenschaft und Gottverlangen. Zur Mönchstheologie des Mittelalters“, Düsseldorf, 1963 – aus dem französischen übersetzt von J.und N. Stöber, S. 88]

Faszination: Denkkollektiv

„Deshalb ist das Erkennen kein individueller Prozess eines theoretischen ‚Bewußtseins überhaupt‘; es ist Ergebnis sozialer Tätigkeit, da der jeweilige Erkenntnisbestand die einem Individuum gezogenen Grenzen überschreitet. … Der Satz ‚jemand erkennt etwas‘ verlangt [ ] einen Zusatz z.B: ‚auf Grund des bestimmten Erkenntnisbestandes‘ oder besser ‚als Mitglied eines bestimmten Kulturmilieus‘ oder am besten ‚in einem bestimmten Denkstil, in einem bestimmten Denkkollektiv‘. […]

Obwohl das Denkkollektiv aus Individuen besteht, ist es nicht deren einfache Summe. Das Individuum hat nie, oder fast nie das Bewußtsein des kollektiven Denkstiles, der fast immer einen unbedingten Zwang auf sein Denken ausübt und gegen den ein Widerspruch einfach undenkbar ist. […]

Das Erkennen stellt die am stärksten sozialbedingte Tätigkeit des Menschen vor und die Erkenntnis ist das soziale Gebilde katexochen. Schon in dem Aufbau der Sprache liegte eine zwingende Philosophie der Gemeinschaft, schon im einzelnen Worte sind verwickelte Theorien gegeben. Wessen Philosophien, wessen Theorien sind das?

Gedanken kreisen von Individuum zum Individuum, jedesmal etwas umgeformt, denn andere Individuen knüpfen andere Assoziationen an sie an. Streng genommen versteht der Empfänger den Gedanken nie vollkommen in dieser Weise, wie ihn der Sender verstanden haben wollte. Nach einer Reihe solcher Wanderungen ist praktisch nichts mehr vom ursprünglichen Inhalte vorhanden. Wessen Gedanke ist es, der weiter kreist? Ein Kollekitvgedanke eben, einer, der keinem Individuum angehört. Ob Erkenntnisse vom individuellen Standpunkte Wahrheit oder Irrtum, ob sie richtig oder mißverstanden scheinen, sie wandern innerhalb der Gemeinschaft, werden geschliffen, umgeformt, verstärkt oder abgeschwächt, beeinflussen andere Erkenntnisse, Begriffsbildungen, Auffassungen und Denkgewohnheiten.“

[Ludwik Fleck in „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“, Frankfurt/M. 1980, S. 54, 56 und 58]

irrlichterne Vergangenheit

„…ob wir wollen oder nicht, wir können nicht von der Vergangenheit – mit allen ihren Irrtümern – loskommen. Sie lebt in übernommenen Begriffen weiter, in Problemfassungen, in schulmäßiger Lehre, im alltäglichen Leben, in der Sprache und in Institutionen. Es gibt keine Generatio spontanea der Begriffe, sie sind, durch ihre Ahnen sozusagen, determiniert. Das Gewesene ist viel gefährlicher – oder eigentlich nur dann gefährlich – wenn die Bindung mit ihm unbewußt und unbekannt bleibt.“

[Ludwik Fleck in „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“, Frankfurt/M. 1980, S. 31]

Der Engel der Geschichte

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff , sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Munds steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

[Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“, 1940]

 

Zwei Welten

„Hierzulande gibt es keinen Unterschied zwischen dem wirtschaftlichen Schicksal und den Menschen selbst. Keiner ist etwas anderes als sein Vermögen, sein Einkommen, seine Stellung, seine Chancen. Die wirtschaftliche Charaktermasse und das, was darunter ist, decken sich im Bewußtsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fältchen. Jeder ist so viel wert wie er verdient, jeder verdient so viel er wert ist. Was er ist, erfährt er durch die Wechselfälle seiner wirtschaftlichen Existenz. Er kennt sich nicht als ein anderes. Hatte die materialistische Kritik der Gesellschaft dem Idealismus einst entgegengehalten, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein bestimme, daß die Wahrheit über die Gesellschaft nicht in ihren idealistischen Vorstellungen von sich selbst, sondern in ihrer Wirtschaft zu finden sei, so hat das zeitgemäße Selbstbewußtsein solchen Idealismus mittlerweile abgeworfen. Sie beurteilen ihr eigenes Selbst nach seinem Marktwert und lernen, was sie sind, aus dem, wie es ihnen in der kapitalistischen Wirtschaft ergeht. Ihr Schicksal, und wäre es das traurigste, ist ihnen nicht äußerlich, sie erkennen es an.“

[Horkheimer, Adorno 1947 in „Dialektik der Aufklärung“, Frankfurt/M. 2008, S.220]

saper vedere

„In der gewöhnlichen Erfahrung verbinden wir die Phänomene nach Kausalitäts-. oder Finalitätskategorien. Je nachdem, ob wir uns für die theoretischen Begründungen oder die praktischen Wirkungen der Dinge interessieren, betrachten wir sie als Ursachen oder als Mittel. So verlieren wir ihre unmittelbare Erscheinung meist aus dem Blick, bis wir sie überhaupt nicht mehr direkt wahrzunehmen vermögen. Auf der anderen Seite lehrt uns die Kunst, die Dinge zu visualisieren, statt sie nur zu konzeptualisieren und unter Nützlichkeitsgesichtspunkten anzusehen. Die Kunst gewährt uns ein reiches, anschauliches, farbiges Bild der Wirklichkeit und einen tiefen Einblick in ihre formale Struktur. Es ist kennzeichnend für den Menschen, daß er nicht auf einen einzigen, spezifischen Zugang zur Wirklichkeit festgelegt ist, sondern seinen Blickwinkel selbst wählen und auf diese Weise von einer Ansicht der Dinge zu einer anderen wechseln kann.“

[Ernst Cassirer, in „Versuch über den Menschen“, übesetzt von Reinhard Kaiser, Hamburg, 2007, S. 261]

verstehen = nicht-verstehen

„Keiner denkt bei dem Wort gerade das, was der andre, und die noch so kleine  Verschiedenheit zittert, wenn man die Sprache mit dem beweglichsten aller Elemente vergleichen will, durch die ganze Sprache fort. Bei jedem Denken und Empfinden kehrt, vermöge der Einerleiheit der Individualität, dieselbe Verschiedenheit zurück, und bildet eine Masse aus einzeln Unbemerkbarem. Alles Vestehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, eine Wahrheit, die man auch im praktischen Leben trefflich benutzen kann, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen.“

[Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus in „Schriften zur Sprachphilosophie, Werke in fünf Bänden, Bd. 3, hg. A. Filtner, K.Giel, Darmstadt, 1996, S. 228]