Archiv der Kategorie: Zitate

spielend das Leben leben

„Die menschlichen Angelegenheiten sind zwar großen Ernstes nicht wert, es ist aber nun einmal notwendig, ernst zu sein; ein Glück ist es jedoch nicht. … Man muß Ernst für das aufwenden, was ernst ist, und nicht umgekehrt. Von Natur ist Gott allen seligen Ernstes wert. Der Mensch aber ist dazu gemacht, ein Spielzeug Gottes zu sein, und das ist wirklich das Beste an ihm. So muß er denn dieser Weise folgend und die schönsten Spiele spielend das Leben leben, gerade umgekehrt gesinnt als jetzt.“

[Platon in Nomoi, VII, 803-804, zitiert nach J.Huizinga, „Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel“, Hamburg, 2001 S. 229]

Überdruss – Schade, dass Huizinga sich geirrt hat

„Nunmehr erhebt sich die Frage, ob der menschliche Geist zu lernen fähig ist, sich – in dieser belasteten und überladenen Welt – auf die allumfassenden und wahren Werte zurückzuziehen, und ob er geneigt ist, auf das Entbehrliche und Nutzlose, auf das Sinnlose und Geschmacklose zu verzichten. Es ist deutlich, daß eine solche Bereitschaft zu freiwilligem Verzicht auf viele angebliche Errungenschaften etwas ganz anderes bedeuten würde als das törichte Heimweh nach einer Vergangenheit, die man nach einem idealisierten Bilde wiederherstellen möchte.

Kann man aber eine geistige Entwicklung zu solchem Verzicht auf vermeintliche Vorteile für möglich oder gar wahrscheinlich halten? Am leichtesten könnte man sich noch vorstellen, daß bestimmte Sitten und Gewohnheiten unseres Kulturlebens auf die Dauer aus der Mode kämen, da man ihrer einfach überdrüssig wird. Es scheint doch beinahe unvermeidlich, daß die Menschheit von der geschwätzigen Oberflächlichkeit der Publizitätsmaschine einmal übersättigt sein wird. Die tägliche Überladung mit der durch Film und Radio gelieferten Kost muß schließlich auch den halbgebildeten Massen ein Gefühl des Überdrusses geben. Die politische und kommerzielle Reklame, dies Ungeheuer, das dem Schoße des technischen Zeitalters entsprang, muß doch irgendwann einmal durch den Widerwillen eines übersättigten Publikums ihre Wirkung verlieren.“

[Johan Huizinga in „Wenn die Waffen schweigen“, S. 182, Basel, 1945]

ein schönes Bild

„Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmässigen Strassen und mit einförmigen Häusern.“

[Ludwig Wittgenstein, §18, Philosophische Untersuchungen, 1945]

Bücher können Freunde sein…

„Wer daran denkt, wie gelegen ihm selbst zuweilen dies oder jenes Buch, ja auch nur dieser oder jener Gedanke eines Buches kam, welche Freude es ihm verschaffte, einen andern, von ihm entfernten und doch in seiner Tätigkeit ihm nahen Geist auf seiner eignen oder einer bessern Spur zu finden, wie uns oft ein solcher Gedanke jahrelang beschäftigt und weiterführet: der wird einem Schriftsteller, der zu ihm spricht und ihm sein Inneres mitteilet, nicht als einen Lohndiener, sondern als einen Freund betrachten, der auch mit unvollendeten Gedanken zutraulich hervortritt, damit der erfahrnere Leser mit ihm denke und sein Unvollkommenes der Vollkommenheit näher führe.“

[Johann Gottfried Herder, in der Vorrede zu „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“, 1784 via www.zeno.org]

 

wie wir die Wirklichkeit gliedern

„Weitaus die meisten Dinge und Vorgänge interessieren uns nur durch das, was sie mit anderen gemein haben und daher achten wir auch nur auf dieses Gemeinsame, obwohl tatsächlich jeder Teil der Wirklichkeit von jedem anderen individuell verschieden ist und nichts in der Welt sich genau wiederholt. …

Andererseits aber erschöpft die generalisierende Auffassung das, was uns an unserer Umgebung interessiert und was wir daher auch von ihr kennen, keineswegs. Dieser oder jener Gegenstand kommt vielmehr gerade durch das für uns in Betracht, was ihm allein  eigentümlich  ist und was ihn von allen anderen Objekten unterscheidet. Unser Interesse und unsere Kenntnis bezieht sich dann also gerade auf seine  Individualität,  auf das, was ihn unersetzlich macht und wenn wir auch wissen, daß er sich ebenso wie andere Objekte als Exemplar eines Gattungsbegriffes auffassen  läßt,  so  wollen  wir ihn doch nicht als gleich mit anderen Dingen ansehen, sondern ihn ausdrücklich aus seiner Gruppe herausheben, was sprachlich darin seinen Ausdruck findet, daß wir ihn nicht mit einem Gattungsnamen, sondern mit einem Eigennamen bezeichnen.

… Der dargestellte Unterschied muß das Interesse der Logik in hohem Maß erregen.“

[Heinrich Rickert in „Geschichtsphilosophie“ in Windelband: Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts, Festschrift für Kuno Fischer, Heidelberg, 1907]

 

kult.ur

„Obwohl das Phänomen einer Kultur, die wir uns vorstellen für uns eine Wirklichkeit ist, die irgendwann einmal bestanden hat oder sogar noch besteht, kann man es nicht als Entität betrachten. Kultur ist und bleibt eine Abstraktion, die von uns gegebene Bezeichnung für einen historischen Zusammenhang. […] Bei jeder Kultur fühlen wir das Bedürfnis, sie zu objektivieren und als etwas Wesenhaftes, als ein historisches Ganzes zu sehen; aber dieser Wunsch bleibt […] stets unbefriedigt.“

„Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, daß der Ausdruck ‚Kultur‘ nur ein Etikett ist, mit dem unser jetziger Verstand die Überlieferung der Vergangenheit versieht: ein Begriff, der uns entgleitet, sobald wir glauben, ihn unmittelbar zu erfassen.“

„Der Kulturbegriff bleibt, wie so viele andere historische Begriffe, nur deshalb gerechtfertigt und brauchbar, weil wir außerstande sind, einen besseren an seine Stelle zu setzen. Er verdankt seine Daseinsberechtigung allein einer gewissen oberflächlichen Verständlichkeit.“

[Johan Huizinga in „Wenn die Waffen schweigen“, Basel, 1945, S. 33, 38 f. und 62]

hinter den Kulissen

„Was ist das für eine überwältigende Macht! Schauen Sie sich dieses Leben an: die Unverfrorenheit und der Müßiggang der Schwachen, ringsum eine unmögliche Armut, Bedrängtheit, Entartung, Trunksucht, Heuchelei, Lügensucht… Dabei herrscht in allen Häusern und auf den Straßen Stille und Ruhe; von fünfzigtausend Stadtbewohnern nicht einer, der aufschreien und sich laut erregen würde. Wir sehen nur die, die auf den Markt gehen, um ihre Lebensmittel einzukaufen, die am Tage essen, in der Nacht schlafen, die all ihr dummes Zeug zusammenreden, sich verheiraten, alt werden und seelenruhig ihre Verstorbenen auf den Friedhof bringen; aber wir sehen und hören nichts von denen, die leiden, und das, was schrecklich am Leben ist, spielt sich irgendwo hinter den Kulissen ab. Alles geht still und ruhig vor sich, und nur die stumme Statistik protestiert: soundso viele sind wahnsinnig geworden, soundso viele Tonnen Schnaps wurden ausgetrunken, sounso viele Kinder kamen infolge Unterernährung um…“

[A.P. Tschechow – 1860-1904 in „Meistererzählungen“, unter dem Titel „Die Stachelbeeren“ nach der Übersetzung von Reinhold Trautmann, Leipzig, 1949, S. 308]