Archiv der Kategorie: Zitate

doppelte Welt

„Man lebt sozusagen in einer doppelten Welt: über der Welt der Fakten liegt, ohne daß diese damit aufgehoben würde, eine zweite Welt, die Welt der Bedeutungen. Möglich und wahr wird eine solche Interpretation unter der Voraussetzung, daß Gott bei der Schöpfung diese Bedeutungen in die Dinge gelegt hat bzw. daß er die Geschichte so lenkt, daß sie auf das Heilsgeschehen verweist. Doch diesen Sinn aufzudecken, dazu bedarf es im Prinzip der Inspiration durch den Heiligen Geist. Der Anruf an den Heiligen Geist, der für die Einleitungen zu diesen moralisch-allegorischen Dichtungen charakteristisch ist, muß, so topisch er klingen mag, als ihr eigentlicher theoretischer Angelpunkt angesehen werden. Und in diesem Bezug ist selbstverständlich der Hörer als dritte Größe mitgesetzt, denn auch er versteht die Sinngebung im Prinzip nur, wenn er sich vom Prozeß der Interpretation der Welt auf das Heilsgeschehen hin erfassen läßt: Verstehen heißt hier ja nicht ein bloß unverbindliches Spiel mit Bedeutungen, es heißt vielmehr Betroffensein von der Allgegenwart des göttlichen Weltplans.“

[Walter Haug in seinem Essay „Schriftlichkeit und Reflexion“, in dem Haug die Entwicklung  eines deutschsprachigen Schrifttums im Mittelalter beschreibt, aufgezeichnet in Assmann/Hardmeier, Schrift und Gedächtnis, 1983].

 

Der ausgewählte Abschnitt bezieht sich auf die volkssprachliche Schriftentwicklung im 11. Jahrhundert und deren enge Verbindung mit geistlichen Inhalten.

Schrift = Wörter, die sich in der Welt herumtreiben

„Und jedes Wort, das einmal geschrieben ist, treibt sich in der Welt herum, – gleichermaßen bei denen, die es verstehen, wie bei denen, die es in keiner Weise angeht, und es weiß nicht, zu wem es sprechen soll und zu wem nicht. Wird es mißhandelt oder zu Unrecht getadelt, dann bedarf es des Vaters immer als Helfers; denn selber hat es sich zu wehren oder sich zu helfen nicht die Kraft.“

[Platon in „Phaidros“ enstanden zwischen 387 und 367 v. Chr., zitiert aus A u. J. Assmann, „Schrift und Gedächtnis“, München, 1983]

Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

„Was ist mein Traum? Die Musik, das Theater, die Poesie – kurz: die Kunst – transportieren die Menschen jenseits ihrer selbst. Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung. Sie trifft den Menschen in seinem Innersten, bewegt in ihm ungeahnte Emotionen.

Und plötzlich bricht die Defensiv-Mauer seiner Selbstgerechtigkeit zusammen. Der neoliberale Profitwahn zerfällt in Staub und Asche. Ins Bewusstsein dringt die Realität, dringen die sterbenden Kinder. Wunder könnten in Salzburg geschehen: Das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens! Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen! Ich erwache. Mein Traum könnte wirklichkeitsfremder nicht sein! Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst. ‚Unsterbliche gigantische Personen‘ nennt Noam Chomsky die Konzerne….“

[Jean Ziegler in der Süddeutschen Zeitung am 24.7.2011 unter dem Aritkel „Nichtgehaltene Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele“]

 

Im Weinberg des Textes

„Die Wandlung des Buchs von einem Verweis auf die Welt zu einem Verweis auf den Verstand läßt sich auf zwei verschiedenartige, aber dennoch verwandte Neuerungen zurückführen; einerseits auf die Entwurzelung des Textes von den Manuskriptseiten und andererseits auf die Loslösung des Buchstabens aus seiner Jahrtausende alten Dienstbarkeit für das Lateinische.

Man konnte den Text seitdem als etwas vom Buch vollkommen Getrenntest sehen. Er wird zu einem Gegenstand, der auch mit geschlossenem Auge visualisiert werden kann.

Die Seite hat nicht mehr die Eigenschaft eines Ackers, in dem die Buchstaben verwurzelt sind. Der neue Text ist ein Gespinst auf den Seiten des Buchs, das in ein eigenständiges Dasein abhebt. Dieser neue Text hat zwar eine materielle Existenz, aber nicht die Existenz gewöhnlicher Dinge; er ist weder hier noch dort. Nur sein Schatten erscheint auf der Seite dieses oder jenes konkreten Buchs. Daraus folgt, daß das Buch nicht mehr das Fenster zu Welt oder zu Gott ist; es ist nicht mehr die durchscheinende optische Einrichtung, mittels derer der Leser einen Zugang zur Schöpfung findet. Soweit es noch ein optisches Instrument bleibt, hat sich das Buch um 180 Grad gedreht, so, als wäre eine konvexe durch eine konkave Linse ersetzt worden.

Aus dem Symbol für kosmische Wirklichkeit ist ein Symbol für das Denken hervorgegangen. Statt des Buchs wird jetzt der Text zum Gegenstand, in dem Gedanken gesammelt und gespiegelt werden.“

[Ivan Illich, „Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand“, 1991 aus dem Englischen von Ylva Eriksson-Kuchenbuch]

 

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„Print encourages a sense of closure, a sense that what is found in a text has been finalized, has reached a state of completion. This sense affects literary creations and it affects analytic philosophical or scientific work.

Before print, writing itself encouraged some sense of noetic closure. By isolating thought on a written surface, detached from any interlocutor, making utterance in this sense autonomous and indifferent to attack, writing presents utterance and thought as uninvolved with all else, somehow self-contained, complete.“

 

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

 

Heimat und Fremde

„Für diejenigen, die philosophieren, ist die ganze Welt eine Fremde. Dennoch , wie ein Dichter sagt:

Durch ein eigentümliches Gefühl der Süße zieht der heimatliche Boden alle an und läßt sie nie seiner vergessen.

Es ist daher eine wichtige Grundlage für die Tugend, daß der Geist in allmählicher Übung zunächst lernt, die sichtbaren und vergänglichen Dinge zu vertauschen, um sie dann später sogar ganz aufgeben zu können. Wem sein Heimatland lieb ist, der ist noch zu verwöhnt; wem jedes Land Heimat ist, der ist schon stark; wem aber die ganze Welt Fremde ist, der ist vollkommen. Der erste hat seine Liebe an eine bestimmte Stelle der Welt geheftet, der zweite hat sie auf die ganze Welt ausgedehnt, der dritte hat sie ganz ausgetilgt. Ich selbst habe schon seit meiner Kindheit in der Fremde gelebt, und ich weiß, mit welchem Kummer die Seele mitunter den kärglichen Fleck einer armen Hütte verläßt, ich weiß aber auch, mit welcher Freiheit sie später die marmornen Wohnsitze und die getäfelten Säle verachtet.“

[Hugo von Sankt Viktor im 3. Buch des „Didascalicon de studio legendi“ in deutscher Übersetzung, Mitte der 1120er Jahre]

γνῶθι σεαυτόν

Unter allem, was erstrebenswert ist, ist das höchste die Weisheit, in der die Form des vollkommenen Guten existiert. Die Weisheit erleuchtet den Menschen, so daß er sich selbst erkennen kann – denn er war den übrigen Geschöpfen gleich, solange er nicht erkannte, daß er als ein ihnen überlegenes Wesen erschaffen wurde. Sein unsterblicher Geist aber, von der Weisheit erleuchtet, betrachtet seinen eigenen Ursprung und erkennt, wie unangemessen es für ihn ist, irgend etwas außerhalb seiner selbst zu suchen, wenn doch das, was er selber ist, ihm genug sein könnte.“

[Hugo von Sankt Viktor zu Beginn des „Didascalicon de studio legendi“ in deutscher Übersetzung, Mitte der 1120er Jahre]