Archiv der Kategorie: Zitate

persönlichkeit

„Nun: ob jemand wissenschaftliche Eingebungen hat, das hängt ab von uns verborgenen Schicksalen, außerdem aber von »Gabe«. Nicht zuletzt auf Grund jener zweifellosen Wahrheit hat nun eine ganz begreiflicherweise gerade bei der Jugend sehr populäre Einstellung sich in den Dienst einiger Götzen gestellt, deren Kult wir heute an allen Straßenecken und in allen Zeitschriften sich breit machen finden. Jene Götzen sind: die »Persönlichkeit« und das »Erleben«. Beide sind eng verbunden: die Vorstellung herrscht, das letztere mache die erstere aus und gehöre zu ihr. Man quält sich ab zu erleben – denn das gehört ja zur standesgemäßen Lebensführung einer Persönlichkeit –, und gelingt es nicht, dann muss man wenigstens so tun, als habe man diese Gnadengabe. Früher nannte man dies »Erlebnis« auf deutsch: »Sensation«. Und von dem, was »Persönlichkeit« sei und bedeute, hatte man eine – ich glaube – zutreffendere Vorstellung.“

[Max Weber in einem Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“, 1919]

Dissoziation?

„By removing words from the world of sound where they had first had their origin in active human interchange and relegating them definitively to visual surface, and by otherwise exploiting visual space for the management of knowledge, print encouraged human beings to think of their own interior conscious and unconscious resources as more and more thing-like, impersonal and religiously neutral. Print encouraged the mind to sense that its possessions were held in some sort of inert mental space.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

Stabilität contra Gerechtigkeit

„Niemals sollten wir vergessen, daß alles, was Adolf Hitler in Deutschland tat <gesetzmäßig>, und daß alles, was die ungarischen Freiheitskämpfer vollbrachten, <gesetzwidrig> war. …

Ich muß Ihnen, meine christlichen und jüdischen Brüder, zwei ehrliche Bekenntnisse ablegen. Zunächst muß ich gestehen, daß mich im Laufe der jüngsten Jahre am tiefsten die Haltung der weißen <Gemäßigten> enttäuscht hat. Fast bin ich zu dem betrüblichen Schlusse gezwungen worden, daß das große Hindernis für den Neger auf seinem Weg zur Freiheit nicht aus Männern des „White Citizen’s Council“ oder des Ku-Klux-Klan besteht, und es scheint, daß der <gemäßigte> Weiße der Idee der <Ordnung> größere Verehrung entgegenbringt als der Gerechtigkeit an sich. Der weiße <Gemäßigte> zieht einen negativen Frieden (die Abwesenheit von Spannung) einem positiven Frieden (der Herrschaft der Gerechtigkeit) vor. …

Das schale Verhältnis, das Menschen guten Willens einem entgegenbringen, behindert mehr als die absolute Verständnislosigkeit der Übelgesonnenen. Die lauwarme Zustimmung verwirrt viel stärker als die ausgesprochene Ablehnung….“

[Martin Luther King in „Warum wir nicht warten können“, 1964]

Das Prinzip Verantwortung

„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

[Hans Jonas‘ Ökologischer Imperativ in „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“, 1979]

v-erkennen

„Es gibt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, daß es »unmittelbare Gewißheiten« gebe, zum Beispiel »ich denke«, oder, wie es der Aberglaube Schopenhauers war, »ich will«: gleichsam als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als »Ding an sich«, und weder von seiten des Subjekts, noch von seiten des Objekts eine Fälschung stattfände. Daß aber »unmittelbare Gewißheit«, ebenso wie »absolute Erkenntnis« und »Ding an sich«, eine contradictio in adjecto in sich schließt, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verführung der Worte losmachen!“

[Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“, 1886]

Was zur Hölle ist Wasser?

„Die Kultur unserer Gegenwart hat diese Kräfte eingespannt und so außerordentlichen Reichtum, Annehmlichkeit und persönliche Freiheit gewonnen. Die Freiheit, die Herren unserer eigenen winzigen, schädelgroßen Königreiche zu sein, allein im Zentrum aller Schöpfung. Und für diese Art Freiheit spricht viel.

Aber natürlich gibt es viele verschiedene Formen von Freiheit, und über die kostbarste werden Sie draußen in der großen Welt des Gewinnens und Erreichens und Herzeigens nicht viel zu hören kriegen. Zu der wirklich wichtigen Form von Freiheit gehören Aufmerksamkeit und Bewusstheit und Disziplin und Bemühen und die Fähigkeit, sich anderen Menschen wahrhaftig zuzuwenden und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, jeden Tag, auf Myriaden von Arten, die trivial, klein und unsexy sind. Das ist wirkliche Freiheit.

Die Alternative ist Bewusstlosigkeit, die Standardeinstellung, die „Tretmühle“ – das ständige nagende Gefühl, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.“

[David Foster Wallace in einer Rede vor den Absolventen des Kenyon College in Ohio, 2005 übersetzt von Wieland Freund]

Tragödie der Kultur

„Was man als die Behangenheit und Überladung unseres Lebens mit tausend Überflüssigkeiten beklagt, von denen wir uns doch nicht befreien können, als das fortwährende „Angeregtsein“ des Kulturmenschen“, den all dies doch nicht zu eigenem Schöpfertum anregt, als das bloße Kennen oder Genießen von tausend Dingen, die unsere Entwicklung nicht in sich einbeziehen kann und die als Ballast in ihr liegen bleiben – all diese oft formulierten spezifischen Kulturleiden sind nichts anderes, als die Phänomene jener Emanzipation des objektivierten Geistes.

Dass diese besteht, bedeutet eben, dass die Kulturinhalte schließlich einer von ihrem Kulturzweck unabhängigen und von ihm immer weiter abführenden Logik folgen, ohne dass doch der Weg des Subjektes von all diesem, qualitativ und quantitativ unangemessen gewordenen, entlastet wäre.

Vielmehr, da dieser Weg, als kultureller, durch das Selbständig- und Objektivwerden der seelischen Inhalte bedingt ist, so entsteht die tragische Situation, dass die Kultur eigentlich schon in ihrem ersten Daseinsmomente diejenige Form ihrer Inhalte in sich birgt, die ihr inneres Wesen: den Weg der Seele von sich als der unvollendeten zu sich selbst als der vollendeten – wie durch eine immanente Unvermeidlichkeit abzulenken, zu belasten, ratlos und zwiespältig zu machen bestimmt ist.“

[Georg Simmel in „Philosophische Kultur“, 1919]