Archiv der Kategorie: Zitate

Was ist ein Wert?

„Man macht sich selten klar, dass unser ganzes Leben, seiner Bewusstseinsseite nach, in Wertgefühlen und Wertabwägungen verläuft und überhaupt nur dadurch Sinn und Bedeutung bekommt, dass die mechanisch abrollenden Elemente der Wirklichkeit über ihren Sachgehalt hinaus unendlich mannigfaltige Maße und Arten von Wert für uns besitzen. 

In jedem Augenblick, in dem unsere Seele kein bloßer interesseloser Spiegel der Wirklichkeit ist – was sie vielleicht niemals ist, da selbst das objektive Erkennen nur aus einer Wertung seiner hervorgehen kann – lebt sie in der Welt der Werte, die die Inhalte der Wirklichkeit in eine völlig autonome Ordnung fasst.“

[Georg Simmel in „Philosophie des Geldes“, 1900] 

Das Recht des Stärkeren ist kein Recht

„Der Stärkste ist nie stark genug, um immerdar Herr zu bleiben, wenn er seine Stärke nicht in Recht und den Gehorsam nicht in Pflicht verwandelt. Daher entspringt das Recht des Stärksten, ein Recht, das scheinbar ironisch aufgefaßt und in der Tat doch als Prinzip anerkannt wird. Aber wird man uns dieses Wort denn nie erklären? Die Stärke ist ein physisches Vermögen; ich begreife nicht, welche sittliche Verpflichtung aus ihren Wirkungen hervorgehen kann. Der Stärke nachgeben ist eine Handlung der Notwendigkeit, nicht des Willens, höchstens eine Handlung der Klugheit. In welchem Sinne kann es eine Pflicht werden?

Lassen wir dieses angebliche Recht einen Augenblick gelten. Nach meiner Überzeugung ergibt sich daraus nur ein unlöslicher Wirrwarr von Begriffen, denn sobald die Stärke das Recht verleiht, so wird die Wirkung mit der Ursache verwechselt; jede Stärke, welche die erste übersteigt, ist die Erbin ihres Rechtes. Sobald man ungestraft nicht gehorchen braucht, besitzt man das Recht dazu, und da der Stärkste immer recht hat, handelt es sich nur darum, es so einzurichten, daß man der Stärkste ist. Was bedeutet nun aber ein Recht, das mit dem Aufhören der Stärke ungültig wird? Muß man aus Zwang gehorchen, so braucht man nicht aus Pflicht zu gehorchen, und wird man nicht mehr zum Gehorchen gezwungen, so ist man dazu auch nicht mehr verpflichtet. Man sieht also, daß das Wörtlein »Recht« der Stärke nichts verleiht; es ist hier vollkommen bedeutungslos.“

[Jean-Jaques Rousseau in „Der Gesellschaftsvertrag“, 1762 nach der Übersetzung von Hermann Denhardt von 1880]

Mitleid contra Ironie

„…Was aber heißt Mitleid genauer? In einem Gespräch sagt der alte Fähmel zu seinem Sohn: <Ich hoffe, du hast nicht in den Eisschränken der Ironie das Gefühl der Überlegenheit frisch erhalten, wie ich es immer tat.> Das ist Böll. Auch er wollte nicht das Gefühl der Überlegenheit, wollte es nicht in den Eisschränken der Ironie frisch erhalten. Der Ironiker hält sich aus allem heraus, er stellt sich über oder neben den ironisierten Gegenstand, als hätte er mit ihm nichts zu tun. In Bölls Humor hingegen erkennen wir eine Haltung, die sich als Teil des Zusammenhangs betrachtet, den sie belächelt. Wir können diese Haltung als christliche Caritas beschreiben, als absichtslose, vom eigenen Nutzen absehende Zuwendung. Das ist die Bedingung von Mitleid. Und dieses Mitleid ist nicht nur eine moralische Kategorie, sondern auch eine ästhetische. Ästhetik bedeutet zuallererst Wahrnehmung, und aus dem Ästhetischen folgt zwingend das Literarische, weshalb Böll sich immer geweigert hat, Moral und Ästhetik voneinander zu trennen.

Wer zum Mitleid imstande ist, der kennt auch den Zorn und die Empörung. Der Ironiker weiß nichts davon. Warum sollte er sich empören? Er hat ja seine Ironie. Böll allerdings war zornig bis zuletzt, und auch dieser Zorn ist eine ästhetische Kategorie, eine Kategorie der Wahrnehmung. Wir aber, wir leben in ironischen Zeiten. Wir sind bestens informiert, und wir lächeln ironisch über das, was die Informationen an Skandal enthalten. Es könnte aber sein, dass sich das Zeitalter der Ironie seinem Ende nähert, es könnte sein, dass wir wieder auf Heinrich Böll zurückkommen müssen, um von ihm zu lernen, was Mitleid heißt.“

[Ulrich Greiner in einem Artikel über das Werk Heinrich Bölls mit dem Titel „Der Schriftsteller des Mitleids“ in der ZEIT, Ausgabe vom 27.Januar 2011]

einfach wunderbar

„Nicht zuletzt wünsche ich der Kirche, dass sie aufhört, uns mit den Geheimnissen des Jenseits unter Druck zu setzen. Das Leben ist zu schön, um uns Menschen permanent mit kommendem Unglück zu drohen. Gottes Liebe und Hilfe – egal, wer oder was das auch sein möge – sind keine Erziehungsdrops. Die Liebe Gottes manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! In der Fähigkeit, sich selbst in seiner Eigenart lieben zu dürfen, und nicht nur in dem, was wir uns ständig an- und umhängen, um zu beweisen, dass wir wertvoll, klug, hübsch, erfolgreich sind. Nein! Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren.“

 

[Christoph Schlingensief am 24.3.2009 in den einleitenden Worten seines Buches „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein. Tagebuch einer Krebserkrankung“]

Leben mit „i“

„Aber wenn auch eine bestimmte Lebensqualität Bedingung dafür sein kann, das Leben zu lieben, so ist es doch nicht diese Qualität, was wir lieben, sondern das Leben selbst. Wer das als erster präzise beschrieben hat, war Rousseau, wenn er in diesem Zusammenhang vom „sentiment de I’existence“ sprach, von dem Gefühl der Existenz.

Man kann sich diesen Sachverhalt am besten wieder klarmachen am Beispiel der Liebe. Wir würden nicht beginnen, einen Menschen zu lieben, ohne dass er bestimmte Qualitäten besäße, körperliche, seelische oder geistige Qualitäten, durch die hindurch er sich uns präsentiert. Aber es wäre ganz falsch zu sagen, wir liebten ihn wegen dieser Qualitäten, oder es seien eigentlich diese Qualitäten, die wir lieben. Wer nämlich wirklich liebt oder wirklich jemandes Freund ist, der kann auf die Frage, warum er diesen Menschen liebt oder was er an ihm liebt, in der Regel gar nicht wirklich antworten. Eine Person lieben wir zwar nicht ohne bestimmte Qualitäten, aber eine Person lieben heißt nicht, etwas lieben, sondern jemanden in dieser numerischen Identität. Dieser „Jemand“, dieses bestimmte, einmalige und unwiederholbare Leben ist uns, wenn wir lieben, wirklich geworden und damit Gegenstand einer bedingungslosen Zustimmung zu seinem Dasein.

Und umgekehrt liegt Glück darin, das eigene Leben als Ganzes zu empfinden und nicht nur einzelne Vorzüge und Leistungen als Gegenstand der Freude und der Zustimmung eines anderen zu wissen, zumal eines anderen, den wir selbst lieben. Lieben heißt,erfahren, dass das Leben selbst der Grund des Glückes ist und dass es keines weiteren Grundes bedarf, sondern nur der Wegräumung von Hindernissen, die dieser Erfahrung im Wege stehen und die Aufmerksamkeit ablenken. Die Musik findet immer schon statt. Glück besteht darin, dass die Ohren geöffnet werden. Dazu allerdings muss man wieder Glück haben.“

[Robert Spaemann in „Die Zweideutigkeit des Glücks“, 2005]

s.t.o.a.

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist z.B. der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so erschienen; sondern die Meinung von dem Tod, daß er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche. Wenn wir nun auf Hindernisse stoßen, oder beunruhigt, oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst, das heißt: unsere eigenen Meinungen. – Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Mißgeschicks anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen andern, noch sich selbst anzuklagen.“

[Epiktet 50-138 n. Chr in „Encheridion, Handbüchlein der stoischen Moral“ nach der Übersetzung von Carl Con]

Warum der Staat nicht für unser Glück zuständig ist

„…In Ansehung der ersteren (der Glückseligkeit) kann gar kein allgemein gültiger Grundsatz für Gesetze gegeben werden. Denn, so wohl die Zeitumstände, als auch der sehr einander widerstreitende und dabei immer veränderliche Wahn, worin jemand seine Glückseligkeit setzt (worin er sie aber setzen soll, kann ihm niemand vorschreiben), macht alle feste Grundsätze unmöglich, und zum Prinzip der Gesetzgebung für sich allein untauglich. Der Satz: Salus publica suprema civitatis lex est, bleibt in seinem unverminderten Wert und Ansehen; aber das öffentliche Heil, welches zuerst in Betrachtung zu ziehen steht, ist gerade diejenige gesetzliche Verfassung, die jedem seine Freiheit durch Gesetze sichert: wobei es ihm unbenommen bleibt, seine Glückseligkeit auf jedem Wege, welcher ihm der beste dünkt, zu suchen, wenn er nur nicht jener allgemeinen gesetzmäßigen Freiheit, mithin dem Rechte anderer Mituntertanen, Abbruch tut.“

[Immanuel Kant in „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“, 1793]