Archiv der Kategorie: Zitate

Die ethische Irrationalität der Welt ertragen?

Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann »gesinnungsethisch« oder »verantwortungsethisch« orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: »Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim« –, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. … Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm [dem Gesinnungsethiker] nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder – der Wille des Gottes, der sie so schuf. Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, – er hat, wie FICHTE richtig gesagt hat, gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. »Verantwortlich« fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z.B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.

Aber auch damit ist das Problem noch nicht zu Ende. Keine Ethik der Welt kommt um die Tatsache herum, dass die Erreichung »guter« Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, dass man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt, und keine Ethik der Welt kann ergeben: wann und in welchem Umfang der ethisch gute Zweck die ethisch gefährlichen Mittel und Nebenerfolge »heiligt«…“

 

[aus Max Webers, „Politik als Beruf“, 1919]

 

repose – oder die Kunst, demütig ohne nachgiebig zu sein

ZEIT: „Sie hatten im Urwald zwei Bücher, die Bibel und die Enzyklopädie Le Grand Larousse. Wie hätten Sie sich entschieden, wenn die Rebellen Sie gezwungen hätten, zwischen diesen Büchern zu wählen?“

Betancour: „Ich weiß nicht. Der Larousse half mir, eine Brücke zu finden zu den Dingen des Lebens, die ich verloren hatte. Die Bibel las ich immerzu, ich vertiefte mich in die einzelnen Kapitel. Jetzt, wo Sie fragen, verstehe ich, dass ich nur durch Sprache, durch das Wort, überlebt habe.“

ZEIT: „Waren Sie vorher religiös?“

Betancour: „Ich dachte, dass es Gott vermutlich gäbe. Im Urwald habe ich vestanden, dass wir durch Gottes Gnade leben.“

ZEIT: „Wie haben Sie das erlebt?“

Betancour: „Als – repose. Verstehen Sie? Ich kann es nur auf Französisch sagen – repose wie <Ruhe>.

ZEIT: Sie hätten Anlass gehabt, zu denken, dass Gott Sie strafen wollte für den Übermut, nach den Sternen zu greifen. Erste Präsidentin Kolumbiens!“

Bentacour: „Das habe ich lange gedacht. Ich habe mit Gott gerechtet. Gewütet. Dann habe ich verstanden, dass man demütig sein muss.“

ZEIT: „Aber nicht auch die andere Wange hinhalten?“

Bentacour: „Auch darüber habe ich nachgedacht. In dieser Haltung liegt keine Nachgiebigkeit. Sie wächst aus der Stärke der Einsicht, dass nichts, was jemand tut, einen mehr verletzen kann.“

 

[aus dem ZEIT-Interview der Ausgabe vom 23.9.2010 mit der Politikerin Ingrid Bentacourt, die von 2002-2008 in Geiselhaft im kolumbianischen Urwald lebte]

Die Spur Gottes

„Der Gott, der vorbeigegangen ist, ist nicht das Urbild, von dem das Antlitz das Abbild wäre. Nach dem Bilde Gottes sein heißt nicht, Ikone Gottes sein, sondern sich in seiner Spur befinden. Der geoffenbarte Gott unserer jüdisch-christlichen Spiritualität bewahrt die ganze Unendlichkeit seiner Abwesenheit, die in der personalen Ordnung selbst ist. Er zeigt sich nur in seiner Spur, wie in Kapitel 33 des Exodus. Zu ihm hingehen heißt nicht, dieser Spur, die kein Zeichen ist, folgen, sondern auf die Andern zugehen, die sich in der Spur halten.“

[Emmanuel Lévinas in „Die Spur des Anderen“, München, 1998, S. 235]

 

Tragik des Seins

„Die Furcht vor dem Nichts ist nur das Maß für unser Engagement im Sein. Nicht aufgrund ihrer Endlichkeit, sondern durch sich selber birgt das Sein eine Tragik, die der Tod nicht zu lösen vermag.“

[Emmanuel Lévinas, „Vom Sein zum Seienden“ , 1947]

 

ein guter Satz für alle vermeintlichen Todessehnsüchtler…

Freiheit und Wille

„Alle Menschen denken sich dem Willen nach als frei. Daher kommen alle Urteile über Handlungen als solche, die hätten geschehen sollen, ob sie gleich nicht geschehen sind.

Freiheit aber ist eine bloße Idee, deren objektive Realität auf keine Weise nach Naturgesetzen, mithin auch nicht in irgend einer möglichen Erfahrung dargetan werden kann, die also darum, weil ihr selbst niemals nach irgend einer Analogie ein Beispiel untergelegt werden mag, niemals begriffen oder auch nur eingesehen werden kann. Sie gilt nur als notwendige Voraussetzung der Vernunft in einem Wesen, das sich eines Willens, d.i. eines vom bloßen Begehrungsvermögen noch verschiedenen Vermögens (nämlich sich zum Handeln als Intelligenz, mithin nach Gesetzen der Vernunft, unabhängig von Naturinstinkten zu bestimmen) bewußt zu sein glaubt. Wo aber Bestimmung nach Naturgesetzen aufhört, da hört auch alle Erklärung auf, und es bleibt nichts übrig als Verteidigung, d.i. Abtreibung der Einwürfe derer, die tiefer in das Wesen der Dinge geschaut zu haben vorgeben und darum die Freiheit dreist für unmöglich erklären.“

[Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785]

Moral: das ist, wenn man moralisch ist

In der Tat ist es schlechterdings unmöglich, durch Erfahrung einen einzigen Fall mit völliger Gewißheit auszumachen, da die Maxime einer sonst pflichtmäßigen Handlung lediglich auf moralischen Gründen und auf der Vorstellung seiner Pflicht beruht habe. Denn es ist zwar bisweilen der Fall, daß wir bei der schärfsten Selbstprüfung gar nichts antreffen, was außer dem moralischen Grunde der Pflicht mächtig genug hätte sein können, um zu dieser oder jener guten Handlung und so großer Aufopferung zu bewegen; es kann aber daraus gar nicht mit Sicherheit geschlossen werden, daß wirklich gar kein geheimer Antrieb der Selbstliebe unter der bloßen Vorspiegelung jener Idee die eigentliche bestimmende Ursache des Willens gewesen sei; dafür wir denn gerne uns mit einem uns fälschlich angemaßten edleren Bewegungsgrund schmeicheln, in der Tat aber selbst durch die angestrengteste Prüfung hinter die geheimen Triebfedern niemals völlig kommen können, weil, wenn vom moralischen Werte die Rede ist, es nicht auf die Handlungen ankommt, die man sieht, sondern auf jene inneren Prinzipien derselben, die man nicht sieht.“

[Immanuel Kant in „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, 1785]

 

Die Toten sind stumm

„Nun aber wird Geschichte bekanntlich nur von Überlebenden geschrieben. Die Toten sind stumm. Und für den, der zuletzt übrig bleibt, ist eben alles, was vor ihm dagewesen ist, immer sinnvoll gewesen, insofern er es auf seine Existenzform bezieht und beziehen muß, d.h. sich selbst und sein Sinnsystem eben nur aus der gesamten Vorgeschichte seiner Art begreifen kann. Immer schreiben Sieger die Geschichte von Besiegten, Lebendgebliebene die von Toten. Somit ist die Geschichte die egozentrische Selbstbezüglichkeit des Geistes, der aus Geschichte herausgeboren, zuletzt Geschichte als Vorstufe seiner eigenen Gegenwart begreift.“

[Theodor Lessing in „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“, München 1983, Originalausgabe 1919, S. 63]