Archiv der Kategorie: Zitate

muß: ein Verdammungswort

„Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand, aber es war mir unmöglich, nur ein Wort zu schreiben. Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muß ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muß ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an Deine Brust legen! …“

[Georg Büchner in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé, Januar 1834 via gutenberg.spiegel.de]

Gegensätze als Tragik des menschlichen Lebens

«In der Zeit der Übergänge, in denen die neuen Gedanken mit den alten in Streit lagen, hatte ich manchmal das Gefühl einer Art von Verrat an meinen liberalen Freunden, das um so schmerzhafter war, als sie mir im persönlichen Umgang immer die gemäßesten – also auch die liebsten – blieben. Heute habe ich dieses Gefühl des Zwiespalts nicht mehr. Ich fühle mich fähig, entgegengesetzte Elemente in mir zu beherbergen und jedem (der Mutter, dem Vater, der eigenen Generation) zu seiner Stunde sein Recht zu gewähren. Der Preis dafür ist, dass ich auf die Frage, ob ich links oder rechts, konservativ, liberal oder revolutionär sei, keine Antwort weiß. Das ist nicht die Bereitschaft zu einer Abfolge von faulen Kompromissen. Es entspringt der Überzeugung, dass wir im Ausharren in der Polarität der Gegensätze die unauflösliche Tragik des menschlichen Lebens erfahren können, die nicht mit gutem Willen und nicht mit dem Verstand zu überwinden ist, in der wir aber, sofern wir sie anerkennen, wenn auch noch so selten, einmal den Schlüssel finden mögen, der die Gegensätze bindet und löst.»

[Margret Boveri in "Der Verrat im 20. Jahrhundert." Das Standardwerk in einer Gesamtausgabe, Hamburg, 1976, S. 777]

 

Wert statt Präsenz: die Welt auf dem Kopf

„…mit der Ersetzung der Rede durch die Schrift tritt zugleich der Wert an die Stelle der Präsenz. Dem auf diese Weise preisgegebenen ich bin oder ich bin anwesend wird ein was ich bin oder was ich gelte vorgezogen. ‚Wäre ich anwesend, hätte man nie in Erfahrung bringen können, was ich gelte.‘ [Zitat von Jean-Jacques Rousseau aus dessen „Confessiones“] Ich verzichte auf mein gegenwärtiges Leben, auf meine tatsächliche und konkrete Existenz, um in der Idealität der Wahrheit und des Wertes anerkannt zu werden. Ein hinreichend vertrautes Schema. Der Krieg findet in mir statt, durch ihn will ich mich über mein Leben erheben, immer über ihm wachend, um mich der Anerkennung zu erfreuen, während die Schrift die besondere Erscheinungsform dieses Krieges ist.

[…]

Daß das Zeichen, das Bild oder der Repräsentant zu Kräften werden, mit deren Hilfen ‚die Welt in Bewegung gesetzt‘ wird, das ist der Skandal.

Dieser Skandal und die durch ihn hervorgerufenen Schäden sind zuweilen so irreparabel, daß die Welt auf dem Kopf zu stehen scheint…“

[Jacques Derrida in „Grammatologie“ (1967), Frankfurt am Main. 1996, S. 244 und S. 254]

 

 

 

 

 

 

 

lesen können

„Schlägt man die Bibel auf, stößt man schnell auf Vertrautes, und selbst wenn man sie nicht aufschlägt, meint man doch wenigstens ungefähr zu wissen, worum es geht. Schaut man aber genauer hin, so findet man Mehr, Anderes und Überraschendes. Das fängt schon an, wenn man von den bekannten Stellen ein  Stück vor- oder zurückblättert und etwa nach dem triumphalen Durchzug durch das Rote Meer plötzlich auf das gegen Gott murrende Volk Israel stößt. Aber auch die vertrauten Geschichten erweisen sich bei näherem Hinsehen oft als recht rätselhaft: Eigentlich geht es in ihnen nie so einfach zu, wie man es in Erinnerung hatte, oder die Einfachheit ist selbst bemerkenswert, ja staunenswert, wenn man sie unbefangen ansieht. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, reicht es daher nicht aus, zu wiederholen, was sie sagen oder was man über sie weiß, man muss auch beschreiben, wie sie sagen, was sie sagen: man muss sie lesen können.“

[Daniel Weidner in „Einleitung: Zugänge zum Buch der Bücher“ in „Bibel als Literatur“ hg. von Hans-Peter Schmidt und Daniel Weidner, München, 2008, S. 7]

 

Beobachtungen sind immer einseitig

„Es ist – wer würde das bestreiten? – davon auszugehen, daß alles Beobachten und Beschreiben eine aktuelle, real durchgeführte Operaton ist und ferner: daß diese Operation das, was sie beobachtet bzw. beschreibt, muß unterscheiden können. Dies gilt nicht nur für wissenschaftliche Analyse, sondern auch für die internen Prozesse der Organisationen. Es gilt für innerpsychische Operationen ebenso wie für Kommunikationen. Es gilt für Erleben ebenso wie für Handeln. Immer erfordert Beobachten in diesem sehr allgemeinen Sinn ein Herausgreifen von etwas im Unterschied zu anderem. Also die Benutung einer Unterscheidung, die aber nur auf der einen (der bezeichneten) und nicht auf der anderen Seite zur Anknüpfung weiterer Operationen verwendet werden kann.
Beobachten ist somit zwangsläufig eine Operation mit eingebauter Asymmetrie. Die Forderung, beide Seiten der jeweils beobachtungsleitenden Unterscheidung zugleich zu bezeichnen, läuft deshalb auf die Paradoxie einer einseitigen und zweiseitigen Aktualisierung hinaus.Andererseits muß ein Zugleichfungieren der Unterscheidung als „Form“ des Beboachtens vorausgesetzt werden.Jede Beobachtung verwendet also eine Unterscheidung zugleich zweiseitig und einseitig. Sie braucht (und kann) diese Eigenart jedoch nicht selber beobachten. Sie ist also paradox fundiert, bleibt aber trotzdem operationsfähig, weil sie ihre Paradoxie durch die Faktizität ihres Vollzugs verdeckt – verdecken kann, verdecken muß. Sie sieht nicht, daß sie nicht sieht, was sie nicht sieht, und das ist, wenn man noch einmal transzendentaltheoretisch formulieren will, eine Bedingung ihrer Möglichkeit. Nur ein Beobachter eines Beobachters kann die Paradoxie bezeichnen, die dem beobachteten Beobachten zugrunde liegt; aber dies nur mit einer ebenfalls paradox fundierten Beobachtung.“

[Niklas Luhmann in „Die Paradoxie des Entscheidens“ in der Zeitschrift „Verwaltungs-Archiv: Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik“, 84. Band, Heft 3 vom 1. Juli 1993, S. 293/294]

reality is what you make of it

„»Die Welt ist meine Vorstellung:« – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektirte abstrakte Bewußtseyn bringen kann: und thut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung daist, d.h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist.[…]

Keine Wahrheit ist also gewisser, von allen andern unabhängiger und eines Beweises weniger bedürftig, als diese, daß Alles, was für die Erkenntniß daist, also die ganze Welt, nur Objekt in Beziehung auf das Subjekt ist, Anschauung des Anschauenden, mit Einem Wort, Vorstellung. Natürlich gilt Dieses, wie von der Gegenwart, so auch von jeder Vergangenheit und jeder Zukunft, vom Fernsten, wie vom Nahen: denn es gilt von Zeit und Raum selbst, in welchen allein sich dieses alles unterscheidet. Alles, was irgend zur Welt gehört und gehören kann, ist unausweichbar mit diesem Bedingtseyn durch das Subjekt behaftet, und ist nur für das Subjekt da. Die Welt ist Vorstellung.“

[Arthur Schopenhauer in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, Zürcher Ausgabe. Werke in zehn Bänden. Band 1, Zürich 1977, via zeno.org]

Rousseaus Bekenntnisse

„Diese mit der äußersten Lebhaftigkeit des Empfindens verbundene Langsamkeit des Denkens ist mir nicht nur im Gespräch eigen, sondern auch, wenn ich allein bin und wenn ich arbeite. Die Gedanken ordnen sich in meinem Kopfe nur mit der unglaublichsten Schwierigkeit; sie schwanken dumpf darin auf und nieder und fangen an zu gären, wodurch sie mich aufregen, erhitzen und mir Herzklopfen verursachen, und inmitten dieser großen Erregung sehe ich doch nichts deutlich und würde nicht ein einziges Wort niederzuschreiben wissen. Ich muß warten. Unmerklich beschwichtigt sich dieses große Durcheinander, das Chaos klärt sich, und jedes Ding kommt, wenn auch langsam und nach einem langen und wirren Streben an seinen Platz.“

[Jean-Jacques Rousseau in „Bekenntnisse“ aus dem Französischen übersetzt von Ernst Hardt, Frankfurt.am Main/Leipzig, 1985, S. 179]