Tausche Gewißheit gegen Kontingenz

„Eben dieser metaphysischen Konvention des Hinausfragens über den Horizont des Humanen entgleitet die Kultur. Wer sich ihr zuwendet, muß den Maßstab des Absoluten aufgeben, um der Sinnfälligkeit daseinsweltlicher Erscheinungen nachzuspüren. Allerdings entfallen mit der Abwendung vom Idealismus der Wesensschau auch dessen Garantieleistungen. Das philosophische Interesse an der Kultur entspringt aus der Frage, was dem Menschen bleibt, nachdem er hat einsehen müssen, daß ihm „der Griff nach der reinen Evidenz“ (Blumenberg) mißlingt. Die philosophische Bearbeitung von Kultur setzt die Bereitschaft voraus, jenes reduktionistische, an die Erwartungen endgültiger Gewißheit gebundene Schema preiszugeben und sich der Kontingenz, aber auch dem Reichtum der Kulturwelt zu stellen.“

[Ralf Konersman, Kulturphilosophie. Zur Einführung, Hamburg, 2003, S.18]

immer zu wenig

„Zarathustra predigt: ‚So viel Güte, so viel Schwäche sehe ich. So viel Gerechtigkeit und Mitleiden, so viel Schwäche.‘ In der Tat hat Mitleid ein Moment, das der Gerechtigkeit widerstreitet, mit der Nietzsche freilich es zusammenwirft. Es bestätigt die Regel der Unmenschlichkeit durch die Ausnahme, die es praktiziert. Indem Mitleid die Aufhebung des Unrechts der Nächstenliebe in ihrer Zufälligkeit vorbehält, nimmt es das Gesetz der universalen Entfremdung, die es mildern möchte, als unabänderlich hin. Wohl vertritt der Mitleidige als Einzelner den Anspruch des Allgemeinen, nämlich den zu leben, gegen das Allgemeine, gegen Natur und Gesellschaft, die ihn verweigern. Aber die Einheit mit dem Allgemeinen, als dem Inneren, die der Einzelne betätigt, erweist an seiner eigenen Schwäche sich als trügerisch. Nicht die Weichheit sondern das Beschränkende am Mitleid macht es fragwürdig, es ist immer zu wenig.

[Horkheimer, Adorno 1947 in „Dialektik der Aufklärung“, Frankfurt/M. 2008, S.110]

gehorsam aufs wort

„Den im Protestantismus unternommenen Versuch des Glaubens, das ihm transzendente Prinzip der Wahrheit, ohne das er nicht bestehen kann, wie in der Vorzeit unmittelbar im Wort selbst zu finden und diesem die symbolische Gewalt zurückzugeben, hat er mit dem Gehorsam aufs Wort, und zwar nicht aufs heilige, bezahlt.“

[Max Horkheimer, Theodor W. Adorno 1947 in „Dialektik der Aufklärung“, Frankfurt/M. 2008, S. 26]

spielend das Leben leben

„Die menschlichen Angelegenheiten sind zwar großen Ernstes nicht wert, es ist aber nun einmal notwendig, ernst zu sein; ein Glück ist es jedoch nicht. … Man muß Ernst für das aufwenden, was ernst ist, und nicht umgekehrt. Von Natur ist Gott allen seligen Ernstes wert. Der Mensch aber ist dazu gemacht, ein Spielzeug Gottes zu sein, und das ist wirklich das Beste an ihm. So muß er denn dieser Weise folgend und die schönsten Spiele spielend das Leben leben, gerade umgekehrt gesinnt als jetzt.“

[Platon in Nomoi, VII, 803-804, zitiert nach J.Huizinga, „Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel“, Hamburg, 2001 S. 229]

Überdruss – Schade, dass Huizinga sich geirrt hat

„Nunmehr erhebt sich die Frage, ob der menschliche Geist zu lernen fähig ist, sich – in dieser belasteten und überladenen Welt – auf die allumfassenden und wahren Werte zurückzuziehen, und ob er geneigt ist, auf das Entbehrliche und Nutzlose, auf das Sinnlose und Geschmacklose zu verzichten. Es ist deutlich, daß eine solche Bereitschaft zu freiwilligem Verzicht auf viele angebliche Errungenschaften etwas ganz anderes bedeuten würde als das törichte Heimweh nach einer Vergangenheit, die man nach einem idealisierten Bilde wiederherstellen möchte.

Kann man aber eine geistige Entwicklung zu solchem Verzicht auf vermeintliche Vorteile für möglich oder gar wahrscheinlich halten? Am leichtesten könnte man sich noch vorstellen, daß bestimmte Sitten und Gewohnheiten unseres Kulturlebens auf die Dauer aus der Mode kämen, da man ihrer einfach überdrüssig wird. Es scheint doch beinahe unvermeidlich, daß die Menschheit von der geschwätzigen Oberflächlichkeit der Publizitätsmaschine einmal übersättigt sein wird. Die tägliche Überladung mit der durch Film und Radio gelieferten Kost muß schließlich auch den halbgebildeten Massen ein Gefühl des Überdrusses geben. Die politische und kommerzielle Reklame, dies Ungeheuer, das dem Schoße des technischen Zeitalters entsprang, muß doch irgendwann einmal durch den Widerwillen eines übersättigten Publikums ihre Wirkung verlieren.“

[Johan Huizinga in „Wenn die Waffen schweigen“, S. 182, Basel, 1945]

ein schönes Bild

„Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmässigen Strassen und mit einförmigen Häusern.“

[Ludwig Wittgenstein, §18, Philosophische Untersuchungen, 1945]

Bücher können Freunde sein…

„Wer daran denkt, wie gelegen ihm selbst zuweilen dies oder jenes Buch, ja auch nur dieser oder jener Gedanke eines Buches kam, welche Freude es ihm verschaffte, einen andern, von ihm entfernten und doch in seiner Tätigkeit ihm nahen Geist auf seiner eignen oder einer bessern Spur zu finden, wie uns oft ein solcher Gedanke jahrelang beschäftigt und weiterführet: der wird einem Schriftsteller, der zu ihm spricht und ihm sein Inneres mitteilet, nicht als einen Lohndiener, sondern als einen Freund betrachten, der auch mit unvollendeten Gedanken zutraulich hervortritt, damit der erfahrnere Leser mit ihm denke und sein Unvollkommenes der Vollkommenheit näher führe.“

[Johann Gottfried Herder, in der Vorrede zu „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“, 1784 via www.zeno.org]