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Das europäische Sonderbewusstsein

„Es wäre zu beginnen mit der Beobachtung, daß nahezu alle Europäer – selbst die Verfechter eines nach den Maßstäben der jeweiligen Zeit weitgehenden kulturellen Relativismus – seit dem Beginn der überseeischen Expansion um 1500 den Angehörigen anderer Zivilisationen im Bewußtsein eigener Höherwertigkeit gegenübertraten. Die gesteigerte Weltoffenheit im Zeitalter der Aufklärung, das zugleich eine Epoche des sich formierenden Rassedenkens und virulenter Rechtfertigung der Sklaverei war (bis hin zur Wiedereinführung des Sklavenstatus in allen französischen Kolonien im Juli 1802), hat daran grundsätzlich nichts geändert; anschließend wurde im 19. Jahrhundert das größte Ausmaß an „weißer“ Distanzierung von den übrigen Kulturen erreicht. Dieses europäische Sonderbewußtsein, welches seinen Universalitätsanspruch über einen beliebigen, selbstverständlichen Ethnozentrismus heraushebt, speist sich ursprünglich aus vorneuzeitlichen Quellen: einer Kombination von hellenisistischen Barbarendiskurs und christlicher Heilsgewißheit, die später durch neue Bestätigungsstrategien ergänzt oder ersetzt wird: den Stolz auf die eigene Überlegenheit in der wissenschaftlich-technischen Beherrschung der Natur, die Überzeugung von der Beglaubigung der okzidentalen Ausnahmenstellung durch idealistische oder materialistischen Fortschrittsphilosophen, die Selbstzuschreibung eines globalen Zivilierungs- und Modernisierungsauftrags in der Vorstellungswelt des entwickelten Imperialismus.

Wie auch immer begründet, beruht das europäische Sonderbewußtsein, das sich in interkulturellen Kontaktsituationen am deutlichsten ausprägt und dort zu realen Abgrenzungspraktiken beiträgt, auf Ansichten darüber, was im einzelnen die kritische Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden ausmache. Es hat eine eigene Geschichte, die in der Antike beginnt, sich über die Translatio des Aristotelismus in die Neue Welt neuzeitlich forsetzt und mit dem Ende der Kolonialreiche keineswegs abgebrochen ist.“

[Jürgen Osterhammel, „Kulturelle Grenzen in der Expansion“ ersch. in: Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte ; 46 (1995), 1. Hj. – S.130/131]

Wunder im Mittelalter

>>Die moderne Forschung hat sich mit ihrem „hyperkritischen Rationalismus“[1] der Hagiographie gegenüber lange Zeit schwergetan. Oft hat sie aus der Viten- und Mirakelliteratur nur das historische Material herausgebrochen und dabei deren Genus verkannt. Hagiographisch wichtige Passagen, etwa die Visionen und Wunder, sind in den Ausgaben der >Monumenta Germaniae Historica< zuweilen einfach weggelassen.[2] In Wirklichkeit spiegelt diese Literatur ein bestimmtes Weltbild, innerhalb dessen sie eine konsequente Logik verfolgt. Man kann die Viten darum weder als Aberglauben abtun noch als Poesie verklären. Anstoß erregten insbesondere die Wunder: Das leichtgläubige und wundersüchtige Mittelalter! Heute fällt das Urteil vorsichtiger aus. Eine mentalitätsgeschichtliche Rekonstruktion der zeitgenössischen Vorstellungen und des dazugehörigen Weltbildes machen vieles ‚verständlich‘, in gewissem Maße auch die Wunder. „Es geht nicht an, die tausendfache Überlieferung von Wundern, unter denen Heilungsmirakel vorherrschen, ausschließlich damit zu erklären, daß hier entweder Legendenmotive übertragen oder wirkliche Vorkommnisse umstilisiert … wurden … Wir können nicht von vorherein ausschließen, daß im Umkreis der Heiligen sich Ereignisse abspielten, die über den Rahmen des üblichen Geschehens und vielleicht auch dessen, was der ‚aufgeklärte‘ Mensch heute im allgemeinen für möglich hält, hinausgingen und eben den Ruf der Heiligkeit und Auserwähltheit begründet haben.“[3]<<

 

[Arnold Angenendt in „Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München, 1994, S. 143]

[1] Lotter Friedrich, Methodisches zur Gewinnung historischer Erkenntnisse aus hagiogr. Quellen, in HZ 229 (1979), S. 305

[2] z.B. die Edition der Vita Aldegunis durch Levison

[3] Lotter, Severinus von Noricum. Legende und historische Wirklichkeit, Stuttgart, 1976, S. 92 f

inkulturierendes Christentum

„‚In der Tat ist eine der kaum beachteten Stärken des Christentums im späten vierten Jahrhundert die Feinfühligkeit, mit der es in seinem Denkmodell der Beziehungen zur anderen Welt die soziale Erfahrung des zeitgenössischen Römischen Reiches nachzubilden (replicate) vermochte. Was wir häufig am isolierten Detail als zahlreiche Beispiele literarischer, gesetzgeberischer und ikonographischer Anleihen an die säkulare Welt studieren, fügt sich, alles zusammengenommen, zu einem Schlüssel des Erfolgs der christlichen Kirche: Denn das Christentum konnte sich in Begriffen ausdrücken, die sich sehr schnell von der archaischen Sprache früherer Generationen lösten und frei machten; und eben dadurch gewann die christliche Frömmigkeit den unschätzbaren Vorteil, fest in der Erfahrung des Alltagslebens verwurzelt zu sein.“

[Peter Brown in „Die Heiligenverehrung. Ihre Entstehung und Funktion in der lateinischen Christenheit“, übersetzt und bearbeitet von Johannes Bernard, Leipzig, 1991, S. 66]

Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln

„Die Leute wollen nicht mehr wissen, warum irgendwas passiert ist, nur, dass es passierte und dass die Welt voller Leichtsinn, Gefahr, Bedrohung und Unglück ist, die unsereins nur streifen, dagegen die unachtsamen, vielleicht nicht auserwählten Mitmenschen ereilen und umbringen. Wir leben mühelos mit tausenderlei ungelösten Rätseln, die uns morgens zehn Minuten beschäftigen und dann vergessen werden, ohne Unbehagen, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Wir spüren die Notwendigkeit, uns in nichts mehr zu vertiefen, uns mit keinem Vorfall, keiner Geschichte länger aufzuhalten, unsere Aufmerksamkeit soll immer weiterhüpfen, sie will immer neues fremdes Unglück, als dächten wir bei jedem Einzelnen: ‚Natürlich, wie grauenvoll. Weiter. Welchen Schrecken sind wir noch entkommen? Wir müssen uns täglich als Überlebende, als Unsterbliche fühlen, den anderen zum Trotz, also her mit neuen Gräueln, die gestrigen haben wir schon verbraucht.'“

 

[Javier Marias im Roman „Die sterblich Verliebten“, aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange, Frankfurt/Main, 2012, S. 46]

Faszination: Denkkollektiv

„Deshalb ist das Erkennen kein individueller Prozess eines theoretischen ‚Bewußtseins überhaupt‘; es ist Ergebnis sozialer Tätigkeit, da der jeweilige Erkenntnisbestand die einem Individuum gezogenen Grenzen überschreitet. … Der Satz ‚jemand erkennt etwas‘ verlangt [ ] einen Zusatz z.B: ‚auf Grund des bestimmten Erkenntnisbestandes‘ oder besser ‚als Mitglied eines bestimmten Kulturmilieus‘ oder am besten ‚in einem bestimmten Denkstil, in einem bestimmten Denkkollektiv‘. […]

Obwohl das Denkkollektiv aus Individuen besteht, ist es nicht deren einfache Summe. Das Individuum hat nie, oder fast nie das Bewußtsein des kollektiven Denkstiles, der fast immer einen unbedingten Zwang auf sein Denken ausübt und gegen den ein Widerspruch einfach undenkbar ist. […]

Das Erkennen stellt die am stärksten sozialbedingte Tätigkeit des Menschen vor und die Erkenntnis ist das soziale Gebilde katexochen. Schon in dem Aufbau der Sprache liegte eine zwingende Philosophie der Gemeinschaft, schon im einzelnen Worte sind verwickelte Theorien gegeben. Wessen Philosophien, wessen Theorien sind das?

Gedanken kreisen von Individuum zum Individuum, jedesmal etwas umgeformt, denn andere Individuen knüpfen andere Assoziationen an sie an. Streng genommen versteht der Empfänger den Gedanken nie vollkommen in dieser Weise, wie ihn der Sender verstanden haben wollte. Nach einer Reihe solcher Wanderungen ist praktisch nichts mehr vom ursprünglichen Inhalte vorhanden. Wessen Gedanke ist es, der weiter kreist? Ein Kollekitvgedanke eben, einer, der keinem Individuum angehört. Ob Erkenntnisse vom individuellen Standpunkte Wahrheit oder Irrtum, ob sie richtig oder mißverstanden scheinen, sie wandern innerhalb der Gemeinschaft, werden geschliffen, umgeformt, verstärkt oder abgeschwächt, beeinflussen andere Erkenntnisse, Begriffsbildungen, Auffassungen und Denkgewohnheiten.“

[Ludwik Fleck in „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“, Frankfurt/M. 1980, S. 54, 56 und 58]

saper vedere

„In der gewöhnlichen Erfahrung verbinden wir die Phänomene nach Kausalitäts-. oder Finalitätskategorien. Je nachdem, ob wir uns für die theoretischen Begründungen oder die praktischen Wirkungen der Dinge interessieren, betrachten wir sie als Ursachen oder als Mittel. So verlieren wir ihre unmittelbare Erscheinung meist aus dem Blick, bis wir sie überhaupt nicht mehr direkt wahrzunehmen vermögen. Auf der anderen Seite lehrt uns die Kunst, die Dinge zu visualisieren, statt sie nur zu konzeptualisieren und unter Nützlichkeitsgesichtspunkten anzusehen. Die Kunst gewährt uns ein reiches, anschauliches, farbiges Bild der Wirklichkeit und einen tiefen Einblick in ihre formale Struktur. Es ist kennzeichnend für den Menschen, daß er nicht auf einen einzigen, spezifischen Zugang zur Wirklichkeit festgelegt ist, sondern seinen Blickwinkel selbst wählen und auf diese Weise von einer Ansicht der Dinge zu einer anderen wechseln kann.“

[Ernst Cassirer, in „Versuch über den Menschen“, übesetzt von Reinhard Kaiser, Hamburg, 2007, S. 261]

Triumph der Reklame

„Alle sind frei, zu tanzen und sich zu vergnügen, wie sie, seit der geschichtlichen Neutralisierung der Religion, frei sind, in eine der zahllosen Sekten einzutreten. Aber die Freiheit in der Wahl der Ideologie, die stets den wirtschaftlichen Zwang zurückstrahlt, erweist sich in allen Sparten als die Freiheit zum Immergleichen.

Die Art, in der ein junges Mädchen das obligatorische date annimmt und absolviert, der Tonfall am Telephon und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im Gespräch, ja, das ganze nach den Ordnungsbegriffen der heruntergekommenen Tiefenpsychologie aufgeteilte Innenleben bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu machen, der bis in die Treibregungen hinein dem von der Kulturindustrie präsentierten Modell entpricht.

Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommen verdinglicht, daß die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen.

Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“

[Horkheimer, Adorno 1947 in „Dialektik der Aufklärung“, Frankfurt/M. 2008, S.176]