{"id":175518469,"date":"2013-04-30T15:41:42","date_gmt":"2013-04-30T13:41:42","guid":{"rendered":"http:\/\/posterous.kauda.de\/?page_id=175518469"},"modified":"2020-05-20T13:55:46","modified_gmt":"2020-05-20T11:55:46","slug":"lyrik-selbstgebastelt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/posterous.quaerito.de\/?page_id=175518469","title":{"rendered":"selbstgebastelt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Morgengebet<\/strong><\/p>\n<p>Unsichbarer H\u00fcter der vergangenen Nacht,<br \/>\nL\u00e4\u00dft das Morgenrot aufschimmern<br \/>\nUnd zeigst mit jedem Himmelsglimmern<br \/>\nDie Wunder, mit denen Du die Welt bedacht:<br \/>\nUnergr\u00fcndlicher, geheimnisvoller Ewiger.<\/p>\n<p>Was immer diesen Tag belebt,<br \/>\nDeine Hand wird leise umhegen<br \/>\nUnd sich sch\u00fctzend um mich legen,<br \/>\nWenn Stunde um Stunde weiterstrebt:<br \/>\nUmsorgender, still helfender Begleiter.<\/p>\n<p>Was mir auch heute begegnet,<br \/>\nDeine Fl\u00fcsterstimme m\u00f6ge mich leiten,<br \/>\nMir die Spur weisen im Wirrwarr der Zeiten,<br \/>\n&#8212; Du bist&#8217;s, der mich segnet:<br \/>\nUmsichtiger, treuer Wegbereiter.<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola R\u00f6der, Mai 2020]<\/p>\n<p><strong>Trauer ohne Schmerz<\/strong><\/p>\n<p>Ein guter Bekannter aus fr\u00fcheren Tagen war unerwartet gestorben. Noch jung. In der Zeitung hatte sie\u2019s gelesen, sich die Augen reibend. Es schien so unwirklich. Dann durchzog sie der sichere Schreck: er war es \u2013 ganz sicher, niemand anders konnte es sein.<\/p>\n<p>Sie bl\u00e4tterte weiter und fand die Todesanzeige der Familie. Frau und Kind, Vater, Mutter und Gro\u00dfeltern standen darunter.<\/p>\n<p>Ziellos ging sie in der Wohnung umher, steckte sich eine Zigarette an, lies sie wieder verglimmen. Irgendwie war ihr als sollte sie jemanden anrufen. Jemandem erz\u00e4hlen, was passiert war. Da sie nicht wusste wen, nahm sie noch einmal ein Streichholz, hockte sich kauernd mit der Zigarette &#8211; Marke Stuyvesant &#8211; auf den Balkonsessel und paffte vor sich hin.<\/p>\n<p>[Winter 2011, in Erinnerung an den Herrn \u00d6]<\/p>\n<p><strong>eine sechszeilen-geschichte<\/strong><\/p>\n<p>noch beim einschlafen hatte sie diesen satz im sinn: &#8222;tr\u00e4ume nicht dein leben, lebe deinen traum&#8220;. den hatte sie vor etwa 10 stunden an der wand der kantine in der plastikfabrik gelesen. ein grotesker zusammenhang, dachte sie noch. dann fielen ihr die augen zu und sie tr\u00e4umte von seifendosen und zahnputzbechern in bunten farben, rot und gelb und blau. die fielen aus riesen containern, im himmel geparkt, laut scheppernd auf einen vorplatz. kinder spielten darin, als w\u00e4ren es gro\u00dfe sandd\u00fcnen am meer.<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola R\u00f6der, April 2013, (r)eine Spielerei]<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fchling <\/strong><\/p>\n<p>Komm, und zeige dich!<br \/>\nWirf dein blaues Band um mich.<br \/>\nWeb mich ein in deine D\u00fcfte<br \/>\nW\u00e4rm die kalten Winterl\u00fcfte.<br \/>\nBlas ins Horn<br \/>\nund z\u00f6gre nicht &#8211;<br \/>\nich warte schon so lang auf Dich.<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola R\u00f6der, M\u00e4rz 2011 &#8211;\u00a0 Eduard M\u00f6rike und so]<\/p>\n<p><strong>Die Rose<\/strong><\/p>\n<p>(oder: die Bezaubernde bewundern, ohne sich ihrer zu bem\u00e4chtigen)<\/p>\n<p>Sieh sie nur an!<br \/>\nIhr langarmiger Stiel<br \/>\nmit den Dornen daran<br \/>\nrankt an der Mauer hoch;<br \/>\ndem Himmel entgegen.<\/p>\n<p>Sie trotzt dem Regen,\u00a0 dem Wind;<br \/>\nschenkt dem schwindenden Herbst\u00a0 ihre Bl\u00fcte\u00a0 \u2013<\/p>\n<p>dem Wanderer, der nach ihr greift<br \/>\nverwehrt sie die G\u00fcte.<\/p>\n<p>Oh,<br \/>\nlass Dich nicht schmerzen ihr dorniges Kleid,<br \/>\nVerweile zu F\u00fc\u00dfen der schwindenden Pracht!<\/p>\n<p>Sieh,<br \/>\nwie sie Blatt um Blatt<br \/>\nihrer Sch\u00f6nheit verteilt;<br \/>\nunbeugsam gegen den Sturm<br \/>\nihr Gesicht wendet \u2013<br \/>\nund endet.<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola R\u00f6der, Okt 2010 &#8211; eine Antwort auf Robert Herrick (1591-1674):<\/p>\n<p><em>&#8222;Gather ye rose-buds while ye may,<\/em><br \/>\n<em>Old Time is still a-flying:<\/em><br \/>\n<em>And this same flower that smiles to-day,<\/em><br \/>\n<em>Tomorrow will be dying.<\/em><em>&#8222;<\/em>]<\/p>\n<p><strong>Sehn sucht<\/strong><\/p>\n<p>Wen sucht er?<\/p>\n<p>die Sonne, die Blumen, den Regen<br \/>\ndas Leben ganz generell<br \/>\nund die Liebe<\/p>\n<p>Ver\u00a0 st\u00f6rt<br \/>\nBe\u00a0 schw\u00f6rt<br \/>\nGe\u00a0 lehrt<\/p>\n<p>Doch keiner von ihnen wei\u00df was ich meine<\/p>\n<p>Auch dieses Jahr<br \/>\nbl\u00fchen die Rosen wieder<br \/>\nzarte Bl\u00fchten an stachligem Halm<\/p>\n<p>Ver weis<\/p>\n<p>Heim- und Fernweh meint manchmal das Gleiche<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola R\u00f6der, Mai 2009]<\/p>\n<p><strong>Ende der Baustelle<\/strong><\/p>\n<p>Sie war eine flei\u00dfige Ameise. Sie arbeitete von fr\u00fch bis sp\u00e4t und g\u00f6nnte sich tags\u00fcber kaum Ruhe. Bei aller Arbeit blieb sie stets freundlich und ausgeglichen &#8211; auch unter schweren Belastungen. Das galt als Besonderheit auf der Baustelle. In ihrer Kolonie war sie beliebt. Bei kleinen Verschnaufpausen wurden angenehme Worte gewechselt, die gute Zusammenarbeit gelobt und Pokerabende f\u00fcr den Feierabend verabredet. Ihre Genossinnen sahen sie gerne &#8211; bis zu dem Tag, an dem sie der Baustelle f\u00fcr immer den R\u00fccken kehrte. Ihre Last lag etwas verloren am gro\u00dfen, grauen Stein, gleich links neben dem Eingang zur Baustelle. Irgendjemand hatte sie noch weggehen sehen, wollte noch fragen wohin, aber da war sie schon in der weiten, gr\u00fcnen Blumenwiese verschwunden.<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola R\u00f6der, M\u00e4rz 2009]<\/p>\n<p><strong>k o m f o r m i s t <\/strong><\/p>\n<p>er ist nicht einsam<br \/>\nist manchmal allein<br \/>\ner ist nicht traurig<br \/>\nm\u00f6cht gl\u00fccklicher sein<\/p>\n<p>am abend zu haus<br \/>\nblickt er aus<br \/>\nund er sieht seine welt<\/p>\n<p>die morgen ihn treibt<br \/>\ngegen geld<br \/>\nseine seele zerreibt<br \/>\nihn gefangen h\u00e4lt<\/p>\n<p>und er klagt<br \/>\nund er zagt<\/p>\n<p>und er bleibt<br \/>\n[\u00a9 Karola R\u00f6der, Dez 2008 &#8211; eigentlich ein Gemeinschaftswerk mit dem Lieblingsehemann&#8230;]<\/p>\n<p><strong>Du bist<\/strong><\/p>\n<p>noch da, noch in Gedanken nah<\/p>\n<p>trotz Zeit und Strecke zwischen uns.<\/p>\n<p>Diesmal<\/p>\n<p>bist du nicht f\u00fcr immer weggegangen<\/p>\n<p>irgendetwas ist geblieben.<\/p>\n<p>Noch wei\u00df ich nicht was,<\/p>\n<p>doch ich bin sicher, dass<\/p>\n<p>du bleibst.<\/p>\n<p>[\u00a9 Karola Weber, Januar 1997]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgengebet Unsichbarer H\u00fcter der vergangenen Nacht, L\u00e4\u00dft das Morgenrot aufschimmern Und zeigst mit jedem Himmelsglimmern Die Wunder, mit denen Du die Welt bedacht: Unergr\u00fcndlicher, geheimnisvoller Ewiger. 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