{"id":175519026,"date":"2015-05-14T22:57:42","date_gmt":"2015-05-14T20:57:42","guid":{"rendered":"http:\/\/posterous.kauda.de\/?p=175519026"},"modified":"2015-05-14T23:34:37","modified_gmt":"2015-05-14T21:34:37","slug":"lesebemuhungen-und-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/posterous.quaerito.de\/?p=175519026","title":{"rendered":"&#8222;Lesebem\u00fchungen&#8220; und Liebe"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ohne Zweifel ist ein t\u00e4uschendes Bewu\u00dftsein auf seine Weise allm\u00e4chtig, da niemand Einflu\u00df auf die unersch\u00f6pfliche Tiefe der pers\u00f6nlichen Vergangenheit hat. In jeder Einsamkeit erkenne ich folglich eine unendliche und nahezu \u00fcbernat\u00fcrliche Kraft, eine Geheimhaltungskraft, st\u00e4rker als der Tod [&#8230;] <\/p>\n<p>Alles l\u00e4\u00dft sich sagen, wenn nicht gar machen, denn wenn man, dem Determinismus zuwider, auch keinen Einflu\u00df auf die physische Welt hat, so steht doch die Sprache selbst zu unserer selbstherrlichen Verf\u00fcgung und ist uns auf Gnade und Ungnade vollkommen ausgeliefert&#8230; Wo wird der L\u00fcgner innehalten? Wer kann ihn daran hindern, sich seiner falschen Klaviatur zu bedienen und die Handhabung der Zeichen nach Gutd\u00fcnken zu verdrehen? Dies ist ein Spiel, bei dem jeder von uns ein souver\u00e4ner Gebieter ist. [&#8230;] <\/p>\n<p>Die W\u00f6rter sind von Natur aus disponibel, und man kann sie ungestraft mi\u00dfbrauchen, ohne da\u00df sie Schaden nehmen; wenn man am Telefon l\u00fcgt, gibt es keinen Kurzschlu\u00df, und der Strom flie\u00dft f\u00fcr die L\u00fcgen ebenso wie f\u00fcr die Wahrheit. Diese Straffheit, diese Gleichg\u00fcltigkeit der >immanenten Gerechtigkeit< welche die Pessismisten von jeher als Argument gegen die VORSEHUNG und die Theodizee benutzen, definieren sie nicht im Gegenteil unsere Verantwortlichkeit als Menschen? [...] \n\nDer L\u00fcgner kann sich noch so sehr verkleiden, er kann gar nicht anders, als durch seinen Verkleidungen selbst eine bestimmte Art der Wahrheit abzubilden: die Wahrheit der L\u00fcge, die genauso unvermeidbar ist wie die Intelligibilit\u00e4t des Absurden oder die Ordnung der Unordnung, die zwangsl\u00e4ufige Wahrheit, die sich unter den listen, die sie entstellen, unabl\u00e4ssig wiederherstellt. Letzten Endes ist der L\u00fcgner wohl, was er ist, obgleich er nicht das ist, was er vorgibt zu sein. [...] \n\nWelches Bewu\u00dftsein wird als erstes erm\u00fcden, das betr\u00fcgerische, das seine Buchstabenr\u00e4tsel immer weiter kompliziert, oder das detektivische, das sie eines nach dem anderen durchkreuzt? Man suche nicht l\u00e4nger: Es gibt nur die Liebe, der das letzte Wort geb\u00fchrt; die Liebe allein ist f\u00e4hig, die ganze indefinite Reihe der reflexiven Begrenzungen auf einmal zu umfassen und durch eine ersch\u00f6pfende Intuition jene Kontinuit\u00e4t der Zeit zu erfassen, auf die die Person begrenzt ist. Dies ist das >non plus ultra< des hochverfeinerten Zur\u00fcckgreifens, die wahre synthetische Gnosis, die sich gleichzeitig der Wahrheit, der L\u00fcge und ihrer selbst bewu\u00dft ist. Sogar wenn er ausgenutzt wird, genarrt und verraten, ist der Wohlt\u00e4ter nie der Geprellte.\"\n\n[Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch, Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie, Frankfurt, 2003, S. 103-108]\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ohne Zweifel ist ein t\u00e4uschendes Bewu\u00dftsein auf seine Weise allm\u00e4chtig, da niemand Einflu\u00df auf die unersch\u00f6pfliche Tiefe der pers\u00f6nlichen Vergangenheit hat. 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