{"id":175519034,"date":"2015-07-05T12:24:50","date_gmt":"2015-07-05T10:24:50","guid":{"rendered":"http:\/\/posterous.kauda.de\/?p=175519034"},"modified":"2015-07-07T11:31:50","modified_gmt":"2015-07-07T09:31:50","slug":"sich-selbst-erneuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/posterous.quaerito.de\/?p=175519034","title":{"rendered":"sich selbst erneuern&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Man liebt es, sich zuzeiten aufs Land, ins Gebirge, an die See zur\u00fcckzuziehn.  Auch du sehnst dich vielleicht dahin. Im Grunde genommen aber steckt dahinter eine gro\u00dfe Beschr\u00e4nktheit. Es steht dir ja frei, zu jeglicher Stunde dich in dich selbst zur\u00fcckzuziehn, und nirgends finden wir eine so friedliche und ungest\u00f6rte Zuflucht als in der eignen Seele, sobald wir nur etwas von dem in uns tragen, was wir nur anzuschauen brauchen, um uns in eine vollkommen ruhige und gl\u00fcckliche Stimmung versetzt zu sehn \u2014 \u00adeine Stimmung, die nach meiner Ansicht freilich ein anst\u00e4ndiges, sittliches Wesen bedingt. <\/p>\n<p>Auf diese Weise also ziehe dich best\u00e4ndig zur\u00fcck, um dich immer wieder auf zufrischen. Einfach und klar und bestimmt aber seien jene Ideen, die aus deiner Seele so manches hinweg sp\u00fclen, wenn du sie dir vergegenw\u00e4rtigst, und dir eine Zuflucht schaffen sollen, aus der du nicht \u00fcbel launisch zur\u00fcckkehrst. Und was sollte dich auch alsdann verdrie\u00dfen?  <\/p>\n<p>\u201cDie Schlechtigkeit der Menschen?\u201d Aber wenn du bedenkst, da\u00df die vern\u00fcnftigen Wesen f\u00fcreinander geboren sind, da\u00df das Ertragen des Unrechts zur Gerechtigkeit geh\u00f6rt, da\u00df die Menschen unfreiwillig s\u00fcndigen, und dann \u2014 \u00adwie viel streits\u00fcchtige, argw\u00f6hnische, geh\u00e4ssige und gewaltt\u00e4tige Menschen dahin gemu\u00dft haben und nun ein Raub der Verwesung sind \u2014 \u00adwirst du da deine Abneigung nicht los werden?  <\/p>\n<p>\u201cOder ist es dein Schicksal?\u201d So erinnere dich nur jenes Zwiefachen: entweder wir sagen: es gibt eine Vorsehung, oder: wir sehen uns als Teile und Glieder eines Ganzen an, und unserer Betrachtug der Welt liegt die Idee eines Reiches zugrunde. <\/p>\n<p>\u201cOder ist es dein Leib, der irgendwie schmerzt?\u201d Aber du wei\u00dft ja, der Geist, wenn er sich selbst begriffen und seine Macht kennen gelernt hat, h\u00e4ngt nicht ab von sanfteren oder rauheren L\u00fcften; auch wei\u00dft du, wie wir \u00fcber Schmerz und Freude denken, und bist einverstanden damit. <\/p>\n<p>\u201cOder macht dir der Ehrgeiz zu schaffen?\u201d Aber wie schnell breitet Vergessenheit \u00fcber alles ihren Schleier! wie unabl\u00e4ssig dr\u00e4ngt eins das andere in dieser Welt ohne Anfang und ohne Ende! Wie nichtig ist jeder Nachklang unseres Tuns! wie ver\u00e4nderlich und wie urteilslos jede Meinung, die sich \u00fcber uns bildet und wie eng der Kreis, in dem sie sich bildet!  Die ganze Erde ist ja nur ein Punkt im All, und wie klein ist nun wieder der Winkel auf ihr, wo von uns die Rede sein kann! Wie viele k\u00f6nnen es sein, und was f\u00fcr welche, die unsern Ruhm verk\u00fcnden?  <\/p>\n<p>In der Tat also gilt es sich zur\u00fcckzuziehen auf eben diesen kleinen Raum, der unser ist, und hier sich weder zerstreuen, noch einspannen zu lassen, sondern sich frei zu bewegen und die Dinge anzusehen wie ein Mensch, wie ein Glied der Gesellschaft, wie ein sterbliches Wesen. Unter allen Wahrheiten aber, die dir am gel\u00e4ufigsten sind, m\u00fcssen jedenfalls die beiden sein: die eine: da\u00df Au\u00dfendinge die Seele nicht ber\u00fchren d\u00fcrfen, sondern wirklich Au\u00dfendinge sein und bleiben m\u00fcssen. Denn Widerw\u00e4rtigkeiten gibt es nur f\u00fcr den, der sie daf\u00fcr h\u00e4lt. Die andere:  da\u00df alles, was du siehst, sich bald verwandeln und nicht mehr sein werde, wie du selbst schon eine Menge Wandlungen durchgemacht hast. Mit einem Wort:  die Welt ist ein ewiger Wechsel, das Leben ein Wahn!<\/p>\n<p>[Marc Aurel, Selbstbetrachtungen 4. Buch, Kapitel 3, zitiert nach Ebook-Ver\u00f6ffentlichung des Gutenberg-Projekts vom February 12, 2005 (EBook #15028), die \u00dcbersetzung folgt Schneider (1862) und Cle\u00df (1866)]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Man liebt es, sich zuzeiten aufs Land, ins Gebirge, an die See zur\u00fcckzuziehn. Auch du sehnst dich vielleicht dahin. Im Grunde genommen aber steckt dahinter eine gro\u00dfe Beschr\u00e4nktheit. 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