{"id":52500196,"date":"2011-05-10T07:14:00","date_gmt":"2011-05-10T07:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kauda.posterous.com\/angst-vor-konvention"},"modified":"2013-05-14T17:40:05","modified_gmt":"2013-05-14T15:40:05","slug":"angst-vor-konvention","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/posterous.quaerito.de\/?p=52500196","title":{"rendered":"Angst vor Konvention"},"content":{"rendered":"<p class=\"zenoPLm4n0\">&#8222;Ich will nur geradezu von uns Deutschen der Gegenwart reden, die wir mehr als ein anderes Volk an jener Schw\u00e4che der Pers\u00f6nlichkeit und an dem Widerspruche von Inhalt und Form zu leiden haben. Die Form gilt uns Deutschen gemeinhin als eine Konvention, als Verkleidung und Verstellung und wird deshalb, wenn nicht geha\u00dft, so doch jedenfalls nicht geliebt; noch richtiger w\u00fcrde es sein, zu sagen, da\u00df wir eine au\u00dferordentliche Angst vor dem Worte Konvention und auch wohl vor der Sache Konvention haben. [&#8230;] Ein Kleidungsst\u00fcck, dessen Erfindung kein Kopfzerbrechen macht, dessen Anlegung keine Zeit kostet, also ein aus der Fremde entlehntes und m\u00f6glichst l\u00e4\u00dflich nachgemachtes Kleidungsst\u00fcck, gilt bei den Deutschen sofort als ein Beitrag zur deutschen Tracht. Der Formensinn wird von ihnen gerade zu ironisch abgelehnt \u2013 denn man hat ja <em>den Sinn des Inhaltes<\/em>: sind sie doch das ber\u00fchmte Volk der Innerlichkeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\">Nun gibt es aber auch eine ber\u00fchmte Gefahr dieser Innerlichkeit: der Inhalt selbst, von dem es angenommen ist, da\u00df er au\u00dfen gar nicht gesehen werden kann, m\u00f6chte sich gelegentlich einmal verfl\u00fcchtigen; au\u00dfen w\u00fcrde man aber weder davon noch von dem fr\u00fcheren Vorhandensein etwas merken. Aber denke man sich immerhin das deutsche Volk m\u00f6glichst weit von dieser Gefahr entfernt: etwas recht wird der Ausl\u00e4nder immer behalten, wenn er uns vorwirft, da\u00df unser Inneres zu schwach und ungeordnet ist, um nach au\u00dfen zu wirken und sich eine Form zu geben. Dabei kann es sich in seltenem Grade zart empf\u00e4nglich, ernst, m\u00e4chtig, innig, gut erweisen und vielleicht selbst reicher als das Innere anderer V\u00f6lker sein: aber als Ganzes bleibt es schwach, weil alle die sch\u00f6nen Fasern nicht in einen kr\u00e4ftigen Knoten geschlungen sind: so da\u00df die sichtbare Tat nicht die Gesamttat und Selbstoffenbarung dieses Inneren ist, sondern nur ein schw\u00e4chlicher oder roher Versuch irgendeiner Faser, zum Schein einmal f\u00fcr das Ganze gelten zu wollen. Deshalb ist der Deutsche nach einer Handlung gar nicht zu beurteilen und als Individuum auch nach dieser Tat noch v\u00f6llig verborgen. Man mu\u00df ihn bekanntlich nach seinen Gedanken und Gef\u00fchlen messen, und die spricht er jetzt in seinen B\u00fcchern aus.Wenn nur nicht gerade diese B\u00fccher neuerdings mehr als je einen Zweifel dar\u00fcber erweckten, ob die ber\u00fchmte Innerlichkeit wirklich noch in ihrem unzug\u00e4nglichen Tempelchen sitze: es w\u00e4re ein schrecklicher Gedanke, da\u00df sie eines Tages verschwunden sei und nun nur noch die \u00c4u\u00dferlichkeit, jene hochm\u00fctig t\u00e4ppische und dem\u00fctig bummelige \u00c4u\u00dferlichkeit als Kennzeichen des Deutschen zur\u00fcckbliebe.&#8220;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\">[Friedrich Nietzsche in &#8222;Vom Nutzen und Nachtheil der Historie f\u00fcr das Leben&#8220;, Leipzig, 1874]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich will nur geradezu von uns Deutschen der Gegenwart reden, die wir mehr als ein anderes Volk an jener Schw\u00e4che der Pers\u00f6nlichkeit und an dem Widerspruche von Inhalt und Form zu leiden haben. 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