Archiv des Autors: k.

v-erkennen

„Es gibt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, daß es »unmittelbare Gewißheiten« gebe, zum Beispiel »ich denke«, oder, wie es der Aberglaube Schopenhauers war, »ich will«: gleichsam als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als »Ding an sich«, und weder von seiten des Subjekts, noch von seiten des Objekts eine Fälschung stattfände. Daß aber »unmittelbare Gewißheit«, ebenso wie »absolute Erkenntnis« und »Ding an sich«, eine contradictio in adjecto in sich schließt, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verführung der Worte losmachen!“

[Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“, 1886]

Was zur Hölle ist Wasser?

„Die Kultur unserer Gegenwart hat diese Kräfte eingespannt und so außerordentlichen Reichtum, Annehmlichkeit und persönliche Freiheit gewonnen. Die Freiheit, die Herren unserer eigenen winzigen, schädelgroßen Königreiche zu sein, allein im Zentrum aller Schöpfung. Und für diese Art Freiheit spricht viel.

Aber natürlich gibt es viele verschiedene Formen von Freiheit, und über die kostbarste werden Sie draußen in der großen Welt des Gewinnens und Erreichens und Herzeigens nicht viel zu hören kriegen. Zu der wirklich wichtigen Form von Freiheit gehören Aufmerksamkeit und Bewusstheit und Disziplin und Bemühen und die Fähigkeit, sich anderen Menschen wahrhaftig zuzuwenden und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, jeden Tag, auf Myriaden von Arten, die trivial, klein und unsexy sind. Das ist wirkliche Freiheit.

Die Alternative ist Bewusstlosigkeit, die Standardeinstellung, die „Tretmühle“ – das ständige nagende Gefühl, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.“

[David Foster Wallace in einer Rede vor den Absolventen des Kenyon College in Ohio, 2005 übersetzt von Wieland Freund]

Tragödie der Kultur

„Was man als die Behangenheit und Überladung unseres Lebens mit tausend Überflüssigkeiten beklagt, von denen wir uns doch nicht befreien können, als das fortwährende „Angeregtsein“ des Kulturmenschen“, den all dies doch nicht zu eigenem Schöpfertum anregt, als das bloße Kennen oder Genießen von tausend Dingen, die unsere Entwicklung nicht in sich einbeziehen kann und die als Ballast in ihr liegen bleiben – all diese oft formulierten spezifischen Kulturleiden sind nichts anderes, als die Phänomene jener Emanzipation des objektivierten Geistes.

Dass diese besteht, bedeutet eben, dass die Kulturinhalte schließlich einer von ihrem Kulturzweck unabhängigen und von ihm immer weiter abführenden Logik folgen, ohne dass doch der Weg des Subjektes von all diesem, qualitativ und quantitativ unangemessen gewordenen, entlastet wäre.

Vielmehr, da dieser Weg, als kultureller, durch das Selbständig- und Objektivwerden der seelischen Inhalte bedingt ist, so entsteht die tragische Situation, dass die Kultur eigentlich schon in ihrem ersten Daseinsmomente diejenige Form ihrer Inhalte in sich birgt, die ihr inneres Wesen: den Weg der Seele von sich als der unvollendeten zu sich selbst als der vollendeten – wie durch eine immanente Unvermeidlichkeit abzulenken, zu belasten, ratlos und zwiespältig zu machen bestimmt ist.“

[Georg Simmel in „Philosophische Kultur“, 1919]

Individualität und Dauer

„Man frage sich ehrlich, ob die Schwalbe des heurigen Frühlings eine ganz und gar andere, als die des ersten sei, und ob wirklich zwischen beiden das Wunder der Schöpfung aus Nichts sich Millionen Mal erneuert habe, um eben so oft absoluter Vernichtung in die Hände zu arbeiten.- Ich weiß wohl, daß, wenn ich Einen ernsthaft versicherte, die Katze, welche eben jetzt auf dem Hofe spielt, sei noch die selbe, welche dort vor dreihundert Jahren die nämlichen Sprünge und Schliche gemacht hat, er mich für toll halten würde; aber ich weiß auch, daß es sehr viel toller ist, zu glauben, die heutige Katze sei durch und durch und von Grund aus eine ganz andere, als jene vor dreihundert Jahren.“

[Arthur Schopenhauer in „Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, 3.Auflage von 1859]

disengagement through writing?

„Writing fosters abstractions that disengage knowledge from the arena where human beings struggle with one another. It seperates the knower from the known. By keeping knowledge embedded in the human lifeworld, orality situates knowledge within a context of struggle. Proverbs and riddles are not used simply to store knowledge but to engage others in verbal and intellectual combat: utterance of one proverb or riddle challenges hearers to top it with a more apposite or a contradictory one.

Writing seperates the  knower from the known and thus sets up conditions for ‚objectivity‘, in the sense of personal disengagement or distancing.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

 

Wer von uns kennt sie nicht, die Beziehungsgeschichten, in denen durch sms „Schluß gemacht“ wird. Und erst kürzlich erzählte mir jemand, dass ihre Freundin heikle Gespräche am liebsten per sms oder skype führt, im Austausch von Angesicht zu Angesicht dagegen sehr stumm ist, was den Partner wiederum nahe an den Wahnsinn treibt. Dieses mündliche Schweigen und gleichzeitig schriftliche Sprechen kann natürlich viele Gründe haben…

Ich frage mich jedenfalls, ob die Schriftlichkeit neben einer vergrößerten zwischenmenschlichen Distanz, die Ong beschreibt, und die ja zuweilen auch sehr erwünscht sein kann, nicht auch den Schein erhöhter Objektivität oder sogar Kompetenz erweckt und damit zur Selbsttäuschung einlädt.

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דיבר oder Das Wort als Ereignis

„Oral peoples commonly think of names (one kind of words) as conveying power over things. Explanations of Adam’s naming of the animals in Genesis 2:20 usually call condescending attention to this presumably quaint archaic belief. Such a belief is in fact far less quaint than it seems to unreflective chirographic and typographic folk.

First of all, names do give human beings power over what they name: without learning a vast store of names, one is simply powerless to understand, for example, chemistry and to practice chemical engineering. And so with all other intellectual knowledge. Secondly, chirographic and typographic folk tend to think of names as labels, written or printed tags imaginatively affixed to an object named. Oral folk have no sense of a name as a tag, for they have no idea of a name as something that can be seen. Written or printed representations of words can be labels; real, spoken words cannot be.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

wissen-glauben-meinen

„Unsere Überzeugungen beruhen außerhalb der beiden Höhengebiete unserer Kultur [Vierkandt bezieht sich hier auf Wissenschaft und Wirtschaft] durchweg nicht auf kritischer Abwägung, nicht auf besonnener Prüfung des Für und Wider, sondern auf dem bloßen Impuls, der seinerseits auf ererbtes Denken, auf Gewohnheiten, plumpe Analogien, auf den Einfluß drastischer Anschauungen und auf Einwirkungen unserer Zu- und Abneigungen hinweist. Man erwäge z.B. die Art, wie öffentliche Meinungen entstehen; welche Rolle Gerüchte, Vorurteile und Parteileidenschaft dabei spielen. Überall gilt bei uns noch hier wie im privaten Leben der Satz, daß der beredste Anwalt nicht die Vernunft, sondern der Appel an die Leidenschaft ist.“

[Alfred Vierkandt in „Die Stetigkeit im Kulturwandel“, 1908]

vierkandt spricht im vorhergehenden abschnitt davon, dass menschen, die beruflich z.b. wissenschaftlich arbeiten und sich dadurch selbst verpflichtet haben, ihre überzeugungen nach rationalen überlegungen zu wählen, im privaten durchaus völlig irrational entscheiden können ohne dass sie das selbst bemerken.