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Leben mit „i“

„Aber wenn auch eine bestimmte Lebensqualität Bedingung dafür sein kann, das Leben zu lieben, so ist es doch nicht diese Qualität, was wir lieben, sondern das Leben selbst. Wer das als erster präzise beschrieben hat, war Rousseau, wenn er in diesem Zusammenhang vom „sentiment de I’existence“ sprach, von dem Gefühl der Existenz.

Man kann sich diesen Sachverhalt am besten wieder klarmachen am Beispiel der Liebe. Wir würden nicht beginnen, einen Menschen zu lieben, ohne dass er bestimmte Qualitäten besäße, körperliche, seelische oder geistige Qualitäten, durch die hindurch er sich uns präsentiert. Aber es wäre ganz falsch zu sagen, wir liebten ihn wegen dieser Qualitäten, oder es seien eigentlich diese Qualitäten, die wir lieben. Wer nämlich wirklich liebt oder wirklich jemandes Freund ist, der kann auf die Frage, warum er diesen Menschen liebt oder was er an ihm liebt, in der Regel gar nicht wirklich antworten. Eine Person lieben wir zwar nicht ohne bestimmte Qualitäten, aber eine Person lieben heißt nicht, etwas lieben, sondern jemanden in dieser numerischen Identität. Dieser „Jemand“, dieses bestimmte, einmalige und unwiederholbare Leben ist uns, wenn wir lieben, wirklich geworden und damit Gegenstand einer bedingungslosen Zustimmung zu seinem Dasein.

Und umgekehrt liegt Glück darin, das eigene Leben als Ganzes zu empfinden und nicht nur einzelne Vorzüge und Leistungen als Gegenstand der Freude und der Zustimmung eines anderen zu wissen, zumal eines anderen, den wir selbst lieben. Lieben heißt,erfahren, dass das Leben selbst der Grund des Glückes ist und dass es keines weiteren Grundes bedarf, sondern nur der Wegräumung von Hindernissen, die dieser Erfahrung im Wege stehen und die Aufmerksamkeit ablenken. Die Musik findet immer schon statt. Glück besteht darin, dass die Ohren geöffnet werden. Dazu allerdings muss man wieder Glück haben.“

[Robert Spaemann in „Die Zweideutigkeit des Glücks“, 2005]

s.t.o.a.

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist z.B. der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so erschienen; sondern die Meinung von dem Tod, daß er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche. Wenn wir nun auf Hindernisse stoßen, oder beunruhigt, oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst, das heißt: unsere eigenen Meinungen. – Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Mißgeschicks anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen andern, noch sich selbst anzuklagen.“

[Epiktet 50-138 n. Chr in „Encheridion, Handbüchlein der stoischen Moral“ nach der Übersetzung von Carl Con]

Warum der Staat nicht für unser Glück zuständig ist

„…In Ansehung der ersteren (der Glückseligkeit) kann gar kein allgemein gültiger Grundsatz für Gesetze gegeben werden. Denn, so wohl die Zeitumstände, als auch der sehr einander widerstreitende und dabei immer veränderliche Wahn, worin jemand seine Glückseligkeit setzt (worin er sie aber setzen soll, kann ihm niemand vorschreiben), macht alle feste Grundsätze unmöglich, und zum Prinzip der Gesetzgebung für sich allein untauglich. Der Satz: Salus publica suprema civitatis lex est, bleibt in seinem unverminderten Wert und Ansehen; aber das öffentliche Heil, welches zuerst in Betrachtung zu ziehen steht, ist gerade diejenige gesetzliche Verfassung, die jedem seine Freiheit durch Gesetze sichert: wobei es ihm unbenommen bleibt, seine Glückseligkeit auf jedem Wege, welcher ihm der beste dünkt, zu suchen, wenn er nur nicht jener allgemeinen gesetzmäßigen Freiheit, mithin dem Rechte anderer Mituntertanen, Abbruch tut.“

[Immanuel Kant in „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“, 1793]

merke: Aristoteles hat immer recht

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. …

Schon von ihnen allen hatte Aristoteles ebenfalls behauptet, daß die Menschen von Natur keineswegs gleich wären, sondern die einen zur Sklaverei und die anderen zur Herrschaft geboren würden.

Aristoteles hatte recht, aber er hielt die Wirkung für die Ursache. Jeder in der Sklaverei geborene Mensch wird für die Sklaverei geboren; nichts ist gewisser. Die Sklaven verlieren in ihren Fesseln alles, sogar den Wunsch, sie abzuwerfen, sie lieben ihre Knechtschaft, wie die Gefährten des Odysseus ihren tierischen Zustand nach ihrer Verwandlung liebten. Wenn es also Sklaven von Natur gibt, so liegt der Grund darin, daß es schon vorher Sklaven wider die Natur gegeben hat. Die Gewalt hat die ersten Sklaven gemacht; ihre Feigheit hat sie beständig erhalten.“

[Jean-Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag,1762 nach der Übersetzung von Hermann Denhardt von 1880]

Der Schleier

„Gibt es einen Gott, über dessen Existenz kein Mensch zu entscheiden vermag, so ist der Zweifel an seiner Existenz nichts als der von Gott gewählte Schleier, den er vor sein Antlitz senkt, seine Existenz zu verbergen; gibt es ihn nicht, so sind die Worte, mit denen wir über ihn spekulieren, in den Wind gesprochen, der sie davonträgt wie alle menschlichen Worte.

Gott liegt gänzlich außerhalb jeder Rede, jeder Sprache, seine offenbarten Worte, unabhängig vom Glauben an sie und an ihn, auch wenn wir ihn nur fingieren als Wesen außerhalb der Welt, dringen in unsere Wortsphäre von außen, wie Meteore in die Erdatmosphäre, vom gänzlich Sprachlosen und Begriffslosen her: eine bedeutendere Sprachkonzeption, eine gewagtere Fiktion kann es nicht geben, ob es eine „wahre“ Konzeption ist, bleibt unbeweisbar, aber auch im Bereich des Logischen unwesentlich, der menschliche Geist verhält sich konzipierend, nicht „wahr“, er dringt in die „Wahrheit“ vermittels Konzeptionen, er ist nicht identisch mit der Wahrheit.

„Gott ist tot“ ist ein ebenso nebensächlicher Satz wie „Die Null ist tot“. Die „Wirklichkeit“ hat weder einen Gott noch die Null nötig, ebensowenig wie der Sternenhimmel die Teleskope.“

[Friedrich Dürrenmatt, „Zusammenhänge/Nachgedanken“, 1998]

 

 

versachlichtes Denken

„Sie [die mathematische Verfahrensweise] macht das Denken zur Sache, zum Werkzeug, wie sie es selber nennt. Mit solcher Mimesis aber, in der das Denken der Welt sich gleichmacht, ist nun das Tatsächliche so sehr zum Einzigen geworden, daß noch die Gottesleugnung dem Urteil über die Metaphysik verfällt. Dem Positivismus, der das Richteramt der aufgeklärten Vernunft antrat, gilt in intelligible Welten auszuschweifen nicht mehr bloß als verboten, sondern als sinnloses Geplapper. Er braucht – zu seinem Glück – nicht atheistisch zu sein, weil das versachlichte Denken nicht einmal die Frage stellen kann.“

[Horkheimer und Adorno in „Dialektik der Aufklärung“,1944]

Gerechtigkeit und Freiheit

"Die Freiheit und die Gerechtigkeit stellen die beiden Ideen dar, mit denen die Politik operiert, durch die sie den Menschen insoweit in den Griff bekommt, als sie beide Ideen berücksichtigt. Läßt die Politik eine der Ideen fallen, wird sie fragwürdig. Ohne Freiheit wird sie unmenschlich und ohne Gerechtigkeit ebenfalls. Dennoch ist die Beziehung der Freiheit zur Gerechtigkeit problematisch. Eine allgemeine Phrase definiert die Politik als die Kunst des Möglichen; sieht man jedoch genauer hin, erweist sie sich als die Kunst des Unmöglichen. Die Freiheit und die Gerechtigkeit bedingen einander nur scheinbar. Die existentielle Idee der Freiheit steht auf einer anderen Ebene als die logische Idee der Gerechtigkeit. Eine existentielle Idee ist emotional gegeben, eine logische Idee konzipiert. Es läßt sich eine Welt der absoluten Freiheit denken und eine Welt der absoluten Gerechtigkeit. Diese beiden Welten würden sich nicht decken, sondern einander widersprechen. Beide würden zwar eine Hölle darstellen, die Welt der absoluten Freiheit einen Dschungel, wo der Mensch wie ein Wild gejagt, die Welt der absoluten Gerechtigkeit ein Gefängnis, wo der Mensch zu Tode gefoltert wird. Die unmögliche Kunst der Politik besteht darin, die emotionale Idee der Freiheit mit der konzipierten Idee der Gerechtigkeit zu versöhnen; das ist nur auf der Ebene des Moralischen möglich und nicht auf der Ebene des Logischen. Anders gesagt: Die Politik vermag nie eine reine Wissenschaft zu sein."

[Friedrich Dürrenmatt in „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht“, 1969]