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Wahrheit spricht mit leiser Stimme

„Es gibt heute eine gewisse Einsicht in die Tatsache, dass ein extremer relativistischer Individualismus eine soziale Katastrophe bedeutet und dass keine Zivilisation bestehen kann ohne einen gewissen Wertekonsens. Aber wo Erziehung im Sinne dieses Konsenses tätig ist ohne den Glauben an die Wahrheit dessen, was sie vermittelt, da handelt es sich nur um eine Konditionierung zugunsten eines Autoritarismus, der sich heute in der Regel als „political correctness“ präsentiert. Er zielt auf Anpassung, nicht auf Wahrheit.

Einsicht in Wahrheit aber gibt es nur in Freiheit. Verhalten kann und muss gelegentlich erzwungen werden. Wahrheitseinsicht und Glauben können nicht erzwungen werden. Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme.“

[Robert Spaemann im Artikel „Wahrheit spricht mit leiser Stimme“ im Kölner Stadtanzeiger, Online-Veröffentlichung am 12.06.2008]

Glückliche Kompromisse??

„Ich glaube ungemein an Kompromisse. Ich weiß, dass das Wort Kompromiss in den idealistischen Kreisen Europas einen furchtbaren Ruf hat insbesondere bei den jungen Menschen. Kompromisse werden betrachtet als Mangel an Integrität, Mangel an moralischem Rückgrat, Mangel an Standhaftigkeit, an Ehrlichkeit. Kompromisse stinken, Kompromisse sind verlogen.

Nicht in meinem Vokabular. In meiner Welt sind Kompromisse ein Synonym für das Wort Leben. Und wo Leben ist, da gibt es Kompromisse. Das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Integrität, und das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Idealismus und nicht Entschlossenheit. Das Gegenteil von Kompromissen sind Fanatismus und Tod. Ich bin seit zweiundvierzig Jahren mit derselben Frau verheiratet, ich weiß das eine oder andere über Kompromisse. Und lassen Sie mich gleich hinzufügen, wenn ich von Kompromissen rede, dann meine ich nicht Kapitulation, ich rede nicht davon, einem Rivalen, einem Feind oder einer Ehefrau die andere Wange hinzuhalten. Ich rede davon, dem anderen auf halben Weg entgegenzukommen.

Und: es gibt keine glücklichen Kompromisse. Ein glücklicher Kompromiss ist ein Widerspruch, ein Oxymoron.“

[Amos Oz in „Wie man Fanatiker kuriert„, 2004]

Preis oder Würde

„Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.

Was sich auf die allgemeinen menschlichen Neigungen und Bedürfnisse bezieht, hat einen Marktpreis; das, was, auch ohne ein Bedürfnis vorauszusetzen, einem gewissen Geschmacke, d.i. einem Wohlgefallen am bloßen zwecklosen Spiel unserer Gemütskräfte, gemäß ist, einen Affektionspreis; das aber, was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d.i. einen Preis, sondern einen innern Wert, d.i. Würde.“

 [Immanuel Kant in „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, 1785]

Die ethische Irrationalität der Welt ertragen?

Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann »gesinnungsethisch« oder »verantwortungsethisch« orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: »Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim« –, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. … Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm [dem Gesinnungsethiker] nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder – der Wille des Gottes, der sie so schuf. Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, – er hat, wie FICHTE richtig gesagt hat, gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. »Verantwortlich« fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z.B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.

Aber auch damit ist das Problem noch nicht zu Ende. Keine Ethik der Welt kommt um die Tatsache herum, dass die Erreichung »guter« Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, dass man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt, und keine Ethik der Welt kann ergeben: wann und in welchem Umfang der ethisch gute Zweck die ethisch gefährlichen Mittel und Nebenerfolge »heiligt«…“

 

[aus Max Webers, „Politik als Beruf“, 1919]

 

repose – oder die Kunst, demütig ohne nachgiebig zu sein

ZEIT: „Sie hatten im Urwald zwei Bücher, die Bibel und die Enzyklopädie Le Grand Larousse. Wie hätten Sie sich entschieden, wenn die Rebellen Sie gezwungen hätten, zwischen diesen Büchern zu wählen?“

Betancour: „Ich weiß nicht. Der Larousse half mir, eine Brücke zu finden zu den Dingen des Lebens, die ich verloren hatte. Die Bibel las ich immerzu, ich vertiefte mich in die einzelnen Kapitel. Jetzt, wo Sie fragen, verstehe ich, dass ich nur durch Sprache, durch das Wort, überlebt habe.“

ZEIT: „Waren Sie vorher religiös?“

Betancour: „Ich dachte, dass es Gott vermutlich gäbe. Im Urwald habe ich vestanden, dass wir durch Gottes Gnade leben.“

ZEIT: „Wie haben Sie das erlebt?“

Betancour: „Als – repose. Verstehen Sie? Ich kann es nur auf Französisch sagen – repose wie <Ruhe>.

ZEIT: Sie hätten Anlass gehabt, zu denken, dass Gott Sie strafen wollte für den Übermut, nach den Sternen zu greifen. Erste Präsidentin Kolumbiens!“

Bentacour: „Das habe ich lange gedacht. Ich habe mit Gott gerechtet. Gewütet. Dann habe ich verstanden, dass man demütig sein muss.“

ZEIT: „Aber nicht auch die andere Wange hinhalten?“

Bentacour: „Auch darüber habe ich nachgedacht. In dieser Haltung liegt keine Nachgiebigkeit. Sie wächst aus der Stärke der Einsicht, dass nichts, was jemand tut, einen mehr verletzen kann.“

 

[aus dem ZEIT-Interview der Ausgabe vom 23.9.2010 mit der Politikerin Ingrid Bentacourt, die von 2002-2008 in Geiselhaft im kolumbianischen Urwald lebte]

Die Spur Gottes

„Der Gott, der vorbeigegangen ist, ist nicht das Urbild, von dem das Antlitz das Abbild wäre. Nach dem Bilde Gottes sein heißt nicht, Ikone Gottes sein, sondern sich in seiner Spur befinden. Der geoffenbarte Gott unserer jüdisch-christlichen Spiritualität bewahrt die ganze Unendlichkeit seiner Abwesenheit, die in der personalen Ordnung selbst ist. Er zeigt sich nur in seiner Spur, wie in Kapitel 33 des Exodus. Zu ihm hingehen heißt nicht, dieser Spur, die kein Zeichen ist, folgen, sondern auf die Andern zugehen, die sich in der Spur halten.“

[Emmanuel Lévinas in „Die Spur des Anderen“, München, 1998, S. 235]

 

Tragik des Seins

„Die Furcht vor dem Nichts ist nur das Maß für unser Engagement im Sein. Nicht aufgrund ihrer Endlichkeit, sondern durch sich selber birgt das Sein eine Tragik, die der Tod nicht zu lösen vermag.“

[Emmanuel Lévinas, „Vom Sein zum Seienden“ , 1947]

 

ein guter Satz für alle vermeintlichen Todessehnsüchtler…