„Ich glaube ungemein an Kompromisse. Ich weiß, dass das Wort Kompromiss in den idealistischen Kreisen Europas einen furchtbaren Ruf hat insbesondere bei den jungen Menschen. Kompromisse werden betrachtet als Mangel an Integrität, Mangel an moralischem Rückgrat, Mangel an Standhaftigkeit, an Ehrlichkeit. Kompromisse stinken, Kompromisse sind verlogen.
Nicht in meinem Vokabular. In meiner Welt sind Kompromisse ein Synonym für das Wort Leben. Und wo Leben ist, da gibt es Kompromisse. Das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Integrität, und das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Idealismus und nicht Entschlossenheit. Das Gegenteil von Kompromissen sind Fanatismus und Tod. Ich bin seit zweiundvierzig Jahren mit derselben Frau verheiratet, ich weiß das eine oder andere über Kompromisse. Und lassen Sie mich gleich hinzufügen, wenn ich von Kompromissen rede, dann meine ich nicht Kapitulation, ich rede nicht davon, einem Rivalen, einem Feind oder einer Ehefrau die andere Wange hinzuhalten. Ich rede davon, dem anderen auf halben Weg entgegenzukommen.
Und: es gibt keine glücklichen Kompromisse. Ein glücklicher Kompromiss ist ein Widerspruch, ein Oxymoron.“
[Amos Oz in „Wie man Fanatiker kuriert„, 2004]