Archiv des Autors: k.

Freiheit und Wille

„Alle Menschen denken sich dem Willen nach als frei. Daher kommen alle Urteile über Handlungen als solche, die hätten geschehen sollen, ob sie gleich nicht geschehen sind.

Freiheit aber ist eine bloße Idee, deren objektive Realität auf keine Weise nach Naturgesetzen, mithin auch nicht in irgend einer möglichen Erfahrung dargetan werden kann, die also darum, weil ihr selbst niemals nach irgend einer Analogie ein Beispiel untergelegt werden mag, niemals begriffen oder auch nur eingesehen werden kann. Sie gilt nur als notwendige Voraussetzung der Vernunft in einem Wesen, das sich eines Willens, d.i. eines vom bloßen Begehrungsvermögen noch verschiedenen Vermögens (nämlich sich zum Handeln als Intelligenz, mithin nach Gesetzen der Vernunft, unabhängig von Naturinstinkten zu bestimmen) bewußt zu sein glaubt. Wo aber Bestimmung nach Naturgesetzen aufhört, da hört auch alle Erklärung auf, und es bleibt nichts übrig als Verteidigung, d.i. Abtreibung der Einwürfe derer, die tiefer in das Wesen der Dinge geschaut zu haben vorgeben und darum die Freiheit dreist für unmöglich erklären.“

[Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785]

Moral: das ist, wenn man moralisch ist

In der Tat ist es schlechterdings unmöglich, durch Erfahrung einen einzigen Fall mit völliger Gewißheit auszumachen, da die Maxime einer sonst pflichtmäßigen Handlung lediglich auf moralischen Gründen und auf der Vorstellung seiner Pflicht beruht habe. Denn es ist zwar bisweilen der Fall, daß wir bei der schärfsten Selbstprüfung gar nichts antreffen, was außer dem moralischen Grunde der Pflicht mächtig genug hätte sein können, um zu dieser oder jener guten Handlung und so großer Aufopferung zu bewegen; es kann aber daraus gar nicht mit Sicherheit geschlossen werden, daß wirklich gar kein geheimer Antrieb der Selbstliebe unter der bloßen Vorspiegelung jener Idee die eigentliche bestimmende Ursache des Willens gewesen sei; dafür wir denn gerne uns mit einem uns fälschlich angemaßten edleren Bewegungsgrund schmeicheln, in der Tat aber selbst durch die angestrengteste Prüfung hinter die geheimen Triebfedern niemals völlig kommen können, weil, wenn vom moralischen Werte die Rede ist, es nicht auf die Handlungen ankommt, die man sieht, sondern auf jene inneren Prinzipien derselben, die man nicht sieht.“

[Immanuel Kant in „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, 1785]

 

Die Toten sind stumm

„Nun aber wird Geschichte bekanntlich nur von Überlebenden geschrieben. Die Toten sind stumm. Und für den, der zuletzt übrig bleibt, ist eben alles, was vor ihm dagewesen ist, immer sinnvoll gewesen, insofern er es auf seine Existenzform bezieht und beziehen muß, d.h. sich selbst und sein Sinnsystem eben nur aus der gesamten Vorgeschichte seiner Art begreifen kann. Immer schreiben Sieger die Geschichte von Besiegten, Lebendgebliebene die von Toten. Somit ist die Geschichte die egozentrische Selbstbezüglichkeit des Geistes, der aus Geschichte herausgeboren, zuletzt Geschichte als Vorstufe seiner eigenen Gegenwart begreift.“

[Theodor Lessing in „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“, München 1983, Originalausgabe 1919, S. 63]

Schönes Buch

„Es war schon dunkel als ich in Bonn ankam, ich zwang mich, meine Ankunft nicht mit der Automatik ablaufen zu lassen, die sich in fünfjährigem Unterwegssein herausgebildet hat: Bahnsteigtreppe runter, Bahnsteigtreppe rauf, Reisetasche abstellen, Fahrkarte aus der Manteltasche nehmen, Reisetasche aufnehmen, Fahrkarte abgeben, zum Zeitungsstand, Abendzeitung kaufen, nach draußen gehen und ein Taxi heranwinken. Fünf Jahre lang bin ich fast jeden Tag irgendwo abgefahren und irgendwo angekommen…“

[der Anfang von Heinrich Bölls, „Ansichten eines Clowns“, 1963]

Sapere aude!

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen…“

[Immanuel Kant, 1784 in der Berlinischen Monatsschrift als Beantwortung der Frage: „Was ist Aufklärung?“]

 

an diesen Text kann man sich gar nicht oft genug erinnern…

 

Die Entdeckung des Alphabets

„Der Alte war so mit Begeisterung bei der Sache, daß er nachts von ihnen träumte, von Wörtern, die in Büchern geschrieben standen, auf Mauern, am Himmel, groß und flammend wie das gestirnte All. Gewisse Wörter gefielen ihm besser als andere, und er versuchte, sie auch seiner Frau beizubringen. Dann lernte er, sie miteinander zu verbinden, und eines Tages schrieb er: >>Landwirtschaftliche Genossenschaft der Provinz Parma<<.

Ambanelli zählte die Wörter, die er gelernt hatte, wie man die Säcke voll Korn zählt, die aus der Dreschmaschine kommen, und als er hundert beisammen hatte, meinte er, ein schönes Stück Arbeit geleistet zu haben. >>Jetzt, scheint mir, reicht es für mein Alter.<<

Auf alten Stücken Zeitungspapier suchte Ambanelli die Wörter, die er kannte, und wenn er eines fand, war er zufrieden, als hätte er einen Freund getroffen.“

[Luigi Malerba in Die Entdeckung des Alphabets. Erzählungen, aus dem Italienischen von Joachim A. Frank, 1963]

Literarische Schönheit

„Doch nun senkt sich bereits das Abenddunkel auf die Stadt. Das bleiche Laternenlicht macht lebhaften Farben Platz, und auf den Straßen wird das Getriebe lärmender.   …

Jonas Augen eilen unruhig und gequält über die Menschenmenge hin, die zu beiden Seiten der Straße vorüber hastet: ist unter all den Tausenden nicht ein einziger, der ihn anhören möchte? Doch die Menschen eilen dahin und bemerken ihn und seinen Kummer nicht… Sein Kummer aber ist riesengroß und grenzenlos. Würde plötzlich Jonas Brust zerreißen und der Kummer aus ihr ausströmen, so würde er wohl die ganze Welt überschwemmen – aber dennoch sieht man ihn nicht.“

[A.P.Tschechow 1860 -1904 in „Meistererzählungen“, aus dem Russischen von Reinholt Trautmann]