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Herz und Vernunft

„Das Herz hat seine Gründe, welche die Vernunft nicht kennt; man fühlt es auf tausenderlei Weise. Es liebt von Natur das höchste Wesen und sich selbst, je nachdem es sich jenen Gründen hingiebt, und es verhärtet sich gegen das eine und das andre, nach seiner Wahl. Du hast eine verworfen und das andre behalten, ist das aus Gründen?“

[Blaise Pascal: Gedanken über die Religion, entstanden etwa zwischen 1656 und 1662. Der Text folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840]

wahres Glück?

„Aber unglücklich wie wir sind und unglücklicher als wenn es nichts Großes in unserm Wesen gäbe, haben wir eine Vorstellung vom Glück und können nicht dahin gelangen, wir empfinden einen Schimmer von Wahrheit und besitzen nur die Lüge, gleich unfähig nicht zu wissen und zuverlässig zu wissen, so sehr ist es offenbar, daß wir auf einer Stufe von Vollkommenheit gewesen sind, von der wir unglücklich herabfallen.


Was predigt uns denn dies heiße Verlangen und dieses Unvermögen, was anders als, daß es einstmals im Menschen ein wahres Glück gab, von welchem ihm jetzt nichts übrig ist als die Erinnerung und die ganz leere Spur, die er vergebens mit allem, was ihn umgiebt, aus zu füllen unternimmt, indem er in den Dingen, die nicht da sind, die Hilfe sucht, welche er von den gegenwärtigen nicht erhält und welche weder die einen noch die andern im Stande sind ihm zu geben, weil dieser unendliche Abgrund nur ausgefüllt werden kann durch einen unendlichen und unveränderlichen Gegenstand?“

 

[Blaise Pascal: Gedanken über die Religion, entstanden etwa zwischen 1656 und 1662. Der Text folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840]

 

unfaßbar

„Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfaßbar ist der Mensch, den man liebt -…

Unsere Meinung, daß wir das alles kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muß es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfaßbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, daß unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: „wofür ich dich gehalten habe.“

Und wofür hat man sich denn gehalten?

Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“

 

[Max Frisch,“Du sollst Dir kein Bildnis machen“, Tagebuch 1946–1949, in „Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. 2.Band“)

nie mehr heimatlos

„Die Vorstellungen vom Göttlichen wechseln mit denen vom Heiligen und Menschlichen. Eins bleibt für alle Religiosität charakteristisch: sie schafft ein Definitivum. Das, was dem Menschen Natur und Geist nicht geben können, das Letzte: so ist es -, will sie ihm geben. Letzte Bindung und Einordnung, den Ort seines Lebens und seines Todes, Geborgenheit, Versöhnung mit dem Schicksal, Deutung der Wirklichkeit, Heimat schenkt nur Religion.“

[Helmuth Plessner in „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ 1928]

i.c.h.

„We commonly do not remember that it is, after all, always the first person that is speaking. I should not talk so much about myself if there were any body else whom I knew as well. Unfortunately, I am confined to this theme by the narrowness of my experience.“

[Henry David Thoreau in „Walden; or, life in the woods“, 1854]

 

 

wesentlich leben

„Manchmal möchte ich zu einer beschwerlichen, ernstzunehmenden Wanderung aufbrechen, ein wesentlicheres Leben führen, eine tiefe Erfahrung machen, mich bei Hitze und Kälte, Tag und Nacht im Freien aufhalten; mehr leben, mehr Luft verbrauchen, mich ermüden.

Doch dann stellt sich rasch der Gedanke ein: Schweife nicht so weit ab von deinen Wegen um eines echteren Lebens willen, sondern halte dich an den Pfad, den dein Genius dir weist. Tu die Dinge, die dir am nächsten liegen, aber schwierig sind. Lebe ein ursprünglicheres, bewussteres und mühevolleres Leben, sei wahrhaftiger zu deinen Freunden und Nachbarn, sei nachsichtiger und großzügiger.

Das wäre besser als ein stürmischer Aufbruch.“

[Aus den Tagebüchern Henry David Thoreaus, 1817-1862, übersetzt und herausgegeben von Susanne Schaup]

„Ich habe mich selbst gesucht.“

„Das Denken ist der größte Vorzug,

und die Weisheit besteht darin,

die Wahrheit zu sagen und

nach der Natur zu handeln,

auf sie hinhörend.

Allen Menschen ist es gegeben sich selbst zu erkennen und klug zu sein.“

 

[Heraklit aus Ephesus ((ca.550 v. Chr. – ca.475 v. Chr.) in „Fragmente“ nach der Übersetzung von Hermann Diels, 1901]