Archiv der Kategorie: Zitate

cogito ergo sum

„Ich setze also voraus, daß alles, was ich sehe, falsch ist, ich glaube, daß nichts jemals existiert hat, was das trügerische Gedächtnis mir darstellt: ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Ort sind nichts als Chimären. Was also bleibt Wahres übrig? Vielleicht nur dies eine, daß nichts gewiß ist.

Indessen, ich habe mir eingeredet, daß es schlechterdings nichts in der Welt gibt: keinen Himmel, keine Erde, keine denkenden Wesen, keine Körper, also doch auch wohl mich selbst nicht? Keineswegs; sicherlich war ich, wenn ich mir etwas eingeredet habe.- Aber es gibt einen, ich weiß nicht welchen, allmächtigen und höchst verschlagenen Betrüger, der mich geflissentlich stets täuscht. – Nun, wenn er mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin. Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertigbringen, daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas sei.“

[René Descartes in „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“, 1642 veröffentlicht in „Meditationes de prima Philosophia“, hrsg. von Lüder Gäbe, Hamburg, 1959, S. 43]

Hauptsache: Bedenken!

„Wir wollen gehört werden, denn wir reden als Warner, und immer ist die Stimme des Warners, wer es auch sei und wo sie auch immer erklinge, in ihrem Rechte.“

[Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 302]

Kinder…

„haben gegenüber Erwachsenen einen unschätzbaren Vorteil: Sie richten ihr Handeln nicht ständig an einem schon vorab gegebenen Sinn aus, sondern lassen sich vorurteilslos auf das Erleben des unendlichen Potenzials der Gegenwart ein.

Und diese Offenheit lohnt sich. Denn wenn die üblichen Denkschablonen fallen, öffnet sich der Blick für die außergewöhnlichen, verstörenden und mitunter auch wunderbaren Seiten des Daseins.“

[Ulrich Schnabel im Artikel „Wundert euch! Eine Hamburger Ausstellung lehrt, das Außergewöhnliche im Selbstverständllichen zu entdecken“, ZEIT-Ausgabe vom 6. Oktober 2011, S.64]

Das Buch als Hafen

„Der buchbezogene Text ist mein Zuhause, und die Gemeinschaft der biblionomen Leser sind die Menschen, die ich mit wir meine.

Dieses Zuhause ist jetzt genauso veraltet wie es mein erstes Zuhause war, als einige wenige Glühbirnen begannen, die Kerze zu ersetzen. In jedem Computer lauert ein Bulldozer mit den englisch verfaßten Versprechen, neue Wege zu data, replacements, inversions und instant print zu eröffnen. Eine neue Art Text formt den Verstand meiner Studenten, ein Aus-Druck, der keinen Anker hat, der keinen Anspruch darauf erheben kann, eine Metapher oder ein Original von der Hand eines Autors zu sein. Seine Schriftzeichen werden willkürlich geformt, sind wie die Signale eines Phantomschiffs, geistern auf dem Bildschirm herum und verschwinden wieder. Immer weniger Menschen gehen an das Buch als Hafen des Sinns heran.“

[Ivan Illich, Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand, aus dem Englischen überstetzt von Ylva Eriksson-Kuchenbuch, Frankfurt/Main, 1991, S. 125]

de.mut

„Der Anfang der sittlichen Disziplin aber ist die Demut. Deren Lehren sind zahlreich, für den Studenten aber sind besonders diese drei wichtig: erstens, daß er kein Wissen und kein Schriftwerk geringschätzen soll; zweitens, daß er sich bei niemandem schämen soll, von ihm zu lernen; drittens, daß er, wenn er selbst Gelehrtheit erreicht hat, die anderen nicht verachten soll.“

(Hugo von St.Viktor um 1127 im „Didascalicon„, aus dem Lateinischen übersetzt von Thilo Offergeld]

das erinnert mich an einen schönen Satz aus der Mischna: „Wer ist weise? Der von allen Menschen lernt.“ 

Vor dem Anfang war die Stille

„Religion – denke ich – hat, in einem systematischen Sinne, an ihrem Anfang zunächst einmal, wenn wir sie unter dem Aspekt des Kommunikativen betrachten, die Nicht-Kommunikation zur Voraussetzung, das Verstummen. Dieses Verstummen geschieht vor dem, was, wenn auch vergleichsweise pauschal, als „das Numinose“ bezeichnet wird. Religion bearbeitet dieses Verstummen in einer spezifischen Weise. Am Anfang  jeder religiösen Kommunikation steht eine solche Bearbeitung in der göttlichen Zusage des „Fürchte Dich nicht!“. Dieser Anruf, das „´al tira`‘ das Alten Testamentes von der Genesis an bis hin zum „me phobeisthe“ im Neuen Testament, ist eine zentrale Umwandlungsform des Verstummens und der damit einhergehenden kommunikativen Verstörung in einer Begegnung mit etwas Inkommensurablem, das, als von außen kommend, in jede mögliche Kommunikation einbricht.“

[Konrad Ehlich in „Sprache und sprachliches Handeln“, Band 3, S. 286, Berlin/New York, 2007]

Welt und Selbst verpolstert

„Wir waren in den Schlüsselposten, als das Fernsehen den Alltag entrückte. Ich selbst habe mich dafür geschlagen, dass regensicher, auf jedem Dorfplatz von Puerto Rico, der Universitäts-Sender strahlen musste. Ich wusste damals noch nicht, wie sehr damit die Reichweite der Sinne schrumpfen musste, und der Horizont mit verwalteten Darstellungsmöbeln verrammelt würde. Ich dachte nicht daran, dass bald das europäische Wetter aus der Abendschau schon den ersten Morgenblick durchs Fenster einfärben würde…

Immer tiefer sinkt die sinnliche Wirklichkeit unter die Folien von Seh-, Hör- und Schmeck-Befehlen. Die Erziehung zum unwirklichen Machwerk beginnt mit den Lehrbüchern, deren Text auf Legenden zu Graphik-Kästen zusammengeschrumpft ist, und endet mit dem Sich-Festhalten des Sterbenden an ermunternden Test-Resultaten über seinen Zustand. Erregende, seelisch besetzende Abstrakta haben sich wie plastische Polsterüberzüge auf die Wahrnehmung von Welt und Selbst gelegt. Ich merke es, wenn ich zu jungen Leuten über die Auferstehung vom Tode spreche: Ihre Schwierigkeit besteht nicht an einem Mangel an Vertrauen, sondern an der Entkörperung ihrer Wahrnehmung, ihr Leben in konstanter Ablenkung vom Fleisch.“

[Ivan Illich in „Verlust von Welt und Fleisch“, 1992]

…und Illich hatte tatsächlich noch keine Ahnung von facebook, „Gefällt mir“-Buttons oder Google-Street-View…