„Religion – denke ich – hat, in einem systematischen Sinne, an ihrem Anfang zunächst einmal, wenn wir sie unter dem Aspekt des Kommunikativen betrachten, die Nicht-Kommunikation zur Voraussetzung, das Verstummen. Dieses Verstummen geschieht vor dem, was, wenn auch vergleichsweise pauschal, als „das Numinose“ bezeichnet wird. Religion bearbeitet dieses Verstummen in einer spezifischen Weise. Am Anfang jeder religiösen Kommunikation steht eine solche Bearbeitung in der göttlichen Zusage des „Fürchte Dich nicht!“. Dieser Anruf, das „´al tira`‘ das Alten Testamentes von der Genesis an bis hin zum „me phobeisthe“ im Neuen Testament, ist eine zentrale Umwandlungsform des Verstummens und der damit einhergehenden kommunikativen Verstörung in einer Begegnung mit etwas Inkommensurablem, das, als von außen kommend, in jede mögliche Kommunikation einbricht.“
[Konrad Ehlich in „Sprache und sprachliches Handeln“, Band 3, S. 286, Berlin/New York, 2007]