Archiv der Kategorie: Zitate

Individualität und Dauer

„Man frage sich ehrlich, ob die Schwalbe des heurigen Frühlings eine ganz und gar andere, als die des ersten sei, und ob wirklich zwischen beiden das Wunder der Schöpfung aus Nichts sich Millionen Mal erneuert habe, um eben so oft absoluter Vernichtung in die Hände zu arbeiten.- Ich weiß wohl, daß, wenn ich Einen ernsthaft versicherte, die Katze, welche eben jetzt auf dem Hofe spielt, sei noch die selbe, welche dort vor dreihundert Jahren die nämlichen Sprünge und Schliche gemacht hat, er mich für toll halten würde; aber ich weiß auch, daß es sehr viel toller ist, zu glauben, die heutige Katze sei durch und durch und von Grund aus eine ganz andere, als jene vor dreihundert Jahren.“

[Arthur Schopenhauer in „Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, 3.Auflage von 1859]

disengagement through writing?

„Writing fosters abstractions that disengage knowledge from the arena where human beings struggle with one another. It seperates the knower from the known. By keeping knowledge embedded in the human lifeworld, orality situates knowledge within a context of struggle. Proverbs and riddles are not used simply to store knowledge but to engage others in verbal and intellectual combat: utterance of one proverb or riddle challenges hearers to top it with a more apposite or a contradictory one.

Writing seperates the  knower from the known and thus sets up conditions for ‚objectivity‘, in the sense of personal disengagement or distancing.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

 

Wer von uns kennt sie nicht, die Beziehungsgeschichten, in denen durch sms „Schluß gemacht“ wird. Und erst kürzlich erzählte mir jemand, dass ihre Freundin heikle Gespräche am liebsten per sms oder skype führt, im Austausch von Angesicht zu Angesicht dagegen sehr stumm ist, was den Partner wiederum nahe an den Wahnsinn treibt. Dieses mündliche Schweigen und gleichzeitig schriftliche Sprechen kann natürlich viele Gründe haben…

Ich frage mich jedenfalls, ob die Schriftlichkeit neben einer vergrößerten zwischenmenschlichen Distanz, die Ong beschreibt, und die ja zuweilen auch sehr erwünscht sein kann, nicht auch den Schein erhöhter Objektivität oder sogar Kompetenz erweckt und damit zur Selbsttäuschung einlädt.

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דיבר oder Das Wort als Ereignis

„Oral peoples commonly think of names (one kind of words) as conveying power over things. Explanations of Adam’s naming of the animals in Genesis 2:20 usually call condescending attention to this presumably quaint archaic belief. Such a belief is in fact far less quaint than it seems to unreflective chirographic and typographic folk.

First of all, names do give human beings power over what they name: without learning a vast store of names, one is simply powerless to understand, for example, chemistry and to practice chemical engineering. And so with all other intellectual knowledge. Secondly, chirographic and typographic folk tend to think of names as labels, written or printed tags imaginatively affixed to an object named. Oral folk have no sense of a name as a tag, for they have no idea of a name as something that can be seen. Written or printed representations of words can be labels; real, spoken words cannot be.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

wissen-glauben-meinen

„Unsere Überzeugungen beruhen außerhalb der beiden Höhengebiete unserer Kultur [Vierkandt bezieht sich hier auf Wissenschaft und Wirtschaft] durchweg nicht auf kritischer Abwägung, nicht auf besonnener Prüfung des Für und Wider, sondern auf dem bloßen Impuls, der seinerseits auf ererbtes Denken, auf Gewohnheiten, plumpe Analogien, auf den Einfluß drastischer Anschauungen und auf Einwirkungen unserer Zu- und Abneigungen hinweist. Man erwäge z.B. die Art, wie öffentliche Meinungen entstehen; welche Rolle Gerüchte, Vorurteile und Parteileidenschaft dabei spielen. Überall gilt bei uns noch hier wie im privaten Leben der Satz, daß der beredste Anwalt nicht die Vernunft, sondern der Appel an die Leidenschaft ist.“

[Alfred Vierkandt in „Die Stetigkeit im Kulturwandel“, 1908]

vierkandt spricht im vorhergehenden abschnitt davon, dass menschen, die beruflich z.b. wissenschaftlich arbeiten und sich dadurch selbst verpflichtet haben, ihre überzeugungen nach rationalen überlegungen zu wählen, im privaten durchaus völlig irrational entscheiden können ohne dass sie das selbst bemerken.

 

 

 

darwin lässt grüßen

„Unsere Gesellschaft ist dringend auf jedes einzelne Kind angewiesen – aber es wird so getan, als ginge es immer nur um die Stärksten und Schlausten. Als könnten wir auf alle anderen Kinder verzichten.“

[Henning Sussebach in „Liebe Marie“, einem offenen Brief über den „bildungspolitischen Irrsinn“ des G-8-Gymnasiums an seine zehnjährige Tochter, in der ZEIT vom 26. Mai 2010]

Der Weg der Seele zu sich selbst

„Der Geist erzeugt unzählige Gebilde, die in einer eigentümlichen Selbständigkeit fortexistieren, unabhängig von der Seele, die sie geschaffen hat, wie von jeder anderen, die sie aufnimmt oder ablehnt.

So sieht sich das Subjekt der Kunst wie dem Recht gegenüber, der Religion wie der Technik, der Wissenschaft wie der Sitte – nicht nur von ihrem Inhalt bald angezogen, bald abgestoßen, jetzt mit ihnen verschmolzen wie mit einem Stück – des Ich, bald in Fremdheit und Unberührbarkeit gegen sie; sondern es ist die Form der Festigkeit, des Geronnenseins, der beharrenden Existenz, mit der der Geist, so zum Objekt geworden, sich der strömenden Lebendigkeit, der inneren Selbstverantwortung, den wechselnden Spannungen der subjektiven Seele entgegenstellt; als Geist dem Geiste innerlichst verbunden, aber eben darum unzählige Tragödien an diesem tiefen Formgegensatz erlebend: zwischen dem subjektiven Leben, das rastlos, aber zeitlich endlich ist, und seinen Inhalten, die, einmal geschaffen, unbeweglich, aber zeitlos gültig sind.

Mitten in diesem Dualismus wohnt die Idee der Kultur.“

[Georg Simmel in „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ in „Philosophische Kultur“, 1911]

 

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