Archiv der Kategorie: Zitate

Schönes Buch

„Es war schon dunkel als ich in Bonn ankam, ich zwang mich, meine Ankunft nicht mit der Automatik ablaufen zu lassen, die sich in fünfjährigem Unterwegssein herausgebildet hat: Bahnsteigtreppe runter, Bahnsteigtreppe rauf, Reisetasche abstellen, Fahrkarte aus der Manteltasche nehmen, Reisetasche aufnehmen, Fahrkarte abgeben, zum Zeitungsstand, Abendzeitung kaufen, nach draußen gehen und ein Taxi heranwinken. Fünf Jahre lang bin ich fast jeden Tag irgendwo abgefahren und irgendwo angekommen…“

[der Anfang von Heinrich Bölls, „Ansichten eines Clowns“, 1963]

Sapere aude!

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen…“

[Immanuel Kant, 1784 in der Berlinischen Monatsschrift als Beantwortung der Frage: „Was ist Aufklärung?“]

 

an diesen Text kann man sich gar nicht oft genug erinnern…

 

Die Entdeckung des Alphabets

„Der Alte war so mit Begeisterung bei der Sache, daß er nachts von ihnen träumte, von Wörtern, die in Büchern geschrieben standen, auf Mauern, am Himmel, groß und flammend wie das gestirnte All. Gewisse Wörter gefielen ihm besser als andere, und er versuchte, sie auch seiner Frau beizubringen. Dann lernte er, sie miteinander zu verbinden, und eines Tages schrieb er: >>Landwirtschaftliche Genossenschaft der Provinz Parma<<.

Ambanelli zählte die Wörter, die er gelernt hatte, wie man die Säcke voll Korn zählt, die aus der Dreschmaschine kommen, und als er hundert beisammen hatte, meinte er, ein schönes Stück Arbeit geleistet zu haben. >>Jetzt, scheint mir, reicht es für mein Alter.<<

Auf alten Stücken Zeitungspapier suchte Ambanelli die Wörter, die er kannte, und wenn er eines fand, war er zufrieden, als hätte er einen Freund getroffen.“

[Luigi Malerba in Die Entdeckung des Alphabets. Erzählungen, aus dem Italienischen von Joachim A. Frank, 1963]

Literarische Schönheit

„Doch nun senkt sich bereits das Abenddunkel auf die Stadt. Das bleiche Laternenlicht macht lebhaften Farben Platz, und auf den Straßen wird das Getriebe lärmender.   …

Jonas Augen eilen unruhig und gequält über die Menschenmenge hin, die zu beiden Seiten der Straße vorüber hastet: ist unter all den Tausenden nicht ein einziger, der ihn anhören möchte? Doch die Menschen eilen dahin und bemerken ihn und seinen Kummer nicht… Sein Kummer aber ist riesengroß und grenzenlos. Würde plötzlich Jonas Brust zerreißen und der Kummer aus ihr ausströmen, so würde er wohl die ganze Welt überschwemmen – aber dennoch sieht man ihn nicht.“

[A.P.Tschechow 1860 -1904 in „Meistererzählungen“, aus dem Russischen von Reinholt Trautmann]

Herz und Vernunft

„Das Herz hat seine Gründe, welche die Vernunft nicht kennt; man fühlt es auf tausenderlei Weise. Es liebt von Natur das höchste Wesen und sich selbst, je nachdem es sich jenen Gründen hingiebt, und es verhärtet sich gegen das eine und das andre, nach seiner Wahl. Du hast eine verworfen und das andre behalten, ist das aus Gründen?“

[Blaise Pascal: Gedanken über die Religion, entstanden etwa zwischen 1656 und 1662. Der Text folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840]

wahres Glück?

„Aber unglücklich wie wir sind und unglücklicher als wenn es nichts Großes in unserm Wesen gäbe, haben wir eine Vorstellung vom Glück und können nicht dahin gelangen, wir empfinden einen Schimmer von Wahrheit und besitzen nur die Lüge, gleich unfähig nicht zu wissen und zuverlässig zu wissen, so sehr ist es offenbar, daß wir auf einer Stufe von Vollkommenheit gewesen sind, von der wir unglücklich herabfallen.


Was predigt uns denn dies heiße Verlangen und dieses Unvermögen, was anders als, daß es einstmals im Menschen ein wahres Glück gab, von welchem ihm jetzt nichts übrig ist als die Erinnerung und die ganz leere Spur, die er vergebens mit allem, was ihn umgiebt, aus zu füllen unternimmt, indem er in den Dingen, die nicht da sind, die Hilfe sucht, welche er von den gegenwärtigen nicht erhält und welche weder die einen noch die andern im Stande sind ihm zu geben, weil dieser unendliche Abgrund nur ausgefüllt werden kann durch einen unendlichen und unveränderlichen Gegenstand?“

 

[Blaise Pascal: Gedanken über die Religion, entstanden etwa zwischen 1656 und 1662. Der Text folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840]

 

unfaßbar

„Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfaßbar ist der Mensch, den man liebt -…

Unsere Meinung, daß wir das alles kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muß es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfaßbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, daß unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: „wofür ich dich gehalten habe.“

Und wofür hat man sich denn gehalten?

Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“

 

[Max Frisch,“Du sollst Dir kein Bildnis machen“, Tagebuch 1946–1949, in „Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. 2.Band“)