Archiv der Kategorie: Zitate

nie mehr heimatlos

„Die Vorstellungen vom Göttlichen wechseln mit denen vom Heiligen und Menschlichen. Eins bleibt für alle Religiosität charakteristisch: sie schafft ein Definitivum. Das, was dem Menschen Natur und Geist nicht geben können, das Letzte: so ist es -, will sie ihm geben. Letzte Bindung und Einordnung, den Ort seines Lebens und seines Todes, Geborgenheit, Versöhnung mit dem Schicksal, Deutung der Wirklichkeit, Heimat schenkt nur Religion.“

[Helmuth Plessner in „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ 1928]

i.c.h.

„We commonly do not remember that it is, after all, always the first person that is speaking. I should not talk so much about myself if there were any body else whom I knew as well. Unfortunately, I am confined to this theme by the narrowness of my experience.“

[Henry David Thoreau in „Walden; or, life in the woods“, 1854]

 

 

wesentlich leben

„Manchmal möchte ich zu einer beschwerlichen, ernstzunehmenden Wanderung aufbrechen, ein wesentlicheres Leben führen, eine tiefe Erfahrung machen, mich bei Hitze und Kälte, Tag und Nacht im Freien aufhalten; mehr leben, mehr Luft verbrauchen, mich ermüden.

Doch dann stellt sich rasch der Gedanke ein: Schweife nicht so weit ab von deinen Wegen um eines echteren Lebens willen, sondern halte dich an den Pfad, den dein Genius dir weist. Tu die Dinge, die dir am nächsten liegen, aber schwierig sind. Lebe ein ursprünglicheres, bewussteres und mühevolleres Leben, sei wahrhaftiger zu deinen Freunden und Nachbarn, sei nachsichtiger und großzügiger.

Das wäre besser als ein stürmischer Aufbruch.“

[Aus den Tagebüchern Henry David Thoreaus, 1817-1862, übersetzt und herausgegeben von Susanne Schaup]

„Ich habe mich selbst gesucht.“

„Das Denken ist der größte Vorzug,

und die Weisheit besteht darin,

die Wahrheit zu sagen und

nach der Natur zu handeln,

auf sie hinhörend.

Allen Menschen ist es gegeben sich selbst zu erkennen und klug zu sein.“

 

[Heraklit aus Ephesus ((ca.550 v. Chr. – ca.475 v. Chr.) in „Fragmente“ nach der Übersetzung von Hermann Diels, 1901]

Authentizität contra Aufrichtigkeit

„In einer berühmten Vorlesungsreihe prägte der New Yorker Literaturkritiker Lionel Trilling 1970 zwei diametral entgegengesetzte kulturelle Leitbegriffe, die er mit den englischen Worten sincerity (Aufrichtigkeit) und authenticity (Authentizität) umschrieb.

Sincerity hieß für Trilling die Bemühung des Einzelnen, das äußere soziale und das innere private Leben ohne Selbstverstellung möglichst in Einklang zu bringen. Authenticity dagegen sei von der Suche nach Selbstbefreiung und -offenbarung geprägt. Sincerity impliziere ein gewisses Verständnis für die Erfordernisse des Gesellschaftlichen, für Tradition und für die Notwendigkeit des redlichen Rollenspiels. Authenticity dulde im Gegenteil ungern das Konventionelle; sie verlange das ungebundene Ausleben des Ichs.

In der Kulturgeschichte Westeuropas über die letzten 500 Jahre erkannte Trilling ein stetes Oszillieren zwischen diesen zwei ethischen Orientierungen. Spätestens seit der Romantik sei die westliche Moderne jedoch durch einen Siegeszug der Authentizität auf Kosten der alten Aufrichtigkeit gekennzeichnet gewesen.“

[Christopher Clark im Artikel „Keine von uns“ im Feuilleton der ZEIT vom 15. Juli 2010]

langsam gehen

„Der gesunde Verstand ist das, was in der Welt am besten vertheilt ist; denn Jedermann meint damit so gut versehen zu sein, dass selbst Personen, die in allen anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, doch an Verstand nicht mehr, als sie haben, sich zu wünschen pflegen.

Da sich schwerlich alle Welt hierin täuscht, so erhellt, dass das Vermögen, richtig zu urtheilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden, worin eigentlich das besteht, was man gesunden Verstand nennt, von Natur bei allen Menschen gleich ist, und dass mithin die Verschiedenheit der Meinungen nicht davon kommt, dass der Eine mehr Verstand als der Andere hat, sondern dass wir mit unseren Gedanken verschiedene Wege verfolgen und nicht dieselben Dinge betrachten.

Denn es kommt nicht blos auf den gesunden Verstand, sondern wesentlich auch auf dessen gute Anwendung an. Die grössten Geister sind der grössten Laster so gut wie der grössten Tugenden fähig, und auch die, welche nur langsam gehen, können doch weit vorwärts kommen, wenn sie den geraden Weg einhalten und nicht, wie Andere, zwar laufen, aber sich davon entfernen….“

[René Descartes in Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen; 1637. Text nach der Übersetzung durch Julius Heinrich von  Kirchmann von 1870]

 

Ich glaube, er meint das gar nicht ironisch.

Das Kreuz mit dem Kreuz

„Weshalb dann die Verbannung des Kreuzes? Zentrales Argument ist die These des Gerichts, das Kreuz sei „Symbol einer bestimmten religiösen Überzeugung und nicht etwa nur Ausdruck einer vom Christentum mitgeprägten abendländischen Kultur. Es hat appellativen Charakter und weist die von ihm symbolisierten Glaubensinhalte als vorbildhaft und befolgungswürdig aus.“ … „Welche Glaubensinhalte denn?“ … „Die großen Theologen haben gewußt, daß die Botschaft des Kreuzes immer von neuem gedeutet, erstritten und erkämpft werden muß. Cusanus hat gesagt: Multiplicatio sermonum perutilis est. Sehr frei übersetzt: Je mehr sich an der Auslegung beteiligen, desto besser.

 

Das Kreuz ist auch schon umgedreht und als Schwert mißbraucht worden. Es hat das Licht der Vernunft und die Wärme der Nächstenliebe verbreitet, es hat dem Totschlag und der Demagogie gedient. Es gibt kein anderes Symbol, das die Ambivalenz und die Widersprüche der europäischen Kultur derart geschichtsmächtig ausdrückt. Und es gibt keine andere als die christlich-abendländische Kultur, die derart streitbar und neugierig, bis an den Rand der Selbstpreisgabe, sich anderen Kulturen und anderem Denken öffnet. Das Christentum ist die Religion der Bestreitung schlechthin, seiner Gegner wie seiner selbst. Die Aufklärung, der wir die Trennung von Staat und Kirche verdanken, wäre ohne es nicht denkbar.

 

Wie seltsam phantasielos, wie kleinmütig doch die Karlsruher Richter (auch die dissentierenden) sind! Als dürfte das Kreuz nicht auch zum Widerspruch herausfordern, zur abweichenden Lesart oder gar zum tätigen Zorn, als müßte derjenige, der es erblickt, auf die Knie fallen. Nicht einmal der Gläubige muß das. Aber der Gebildete muß wissen, daß er dem Kreuz, als dem Zeichen der Geschichte, aus der wir kommen, nicht dadurch entrinnt, daß er es entfernt. Der Fleck bleibt an der Wand.“

[Ulrich Greiner 1995 in der ZEIT, Ausgabe 34 im Artikel Der Fleck an der Wand, ein Kommentar zum sog. Kruzifix-Urteil]