Archiv der Kategorie: Zitate

Kein Weg zu weit

„Wieviele Kilometer bin ich in meinem Leben schon gegangen?“

Eine nur im ersten Augenblick harmlos anmutende kindliche Frage.

Wittgenstein würde sagen:

„Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.“

[Tractatus logico-philosophicus, unter 6.5., 1918]

 

Ich denke nicht, dass er recht hat.

Wahrheit contra Zeitgeist

„Für die philosophische Wahrheit, wie im Grunde für jede andere giebt es äußerlich nur Ein Criterium: die allgemeine Einstimmung, die Evidenz, mit der sie Jeden zwingt zu ihrer Anerkennung, welcher sie, bei angemessener Vorbildung, unpartheiisch prüfend in sich nachkonstruirt. Es kommt also nur darauf an, eine allgemeine unpartheiische Prüfung für eine neue Lehre zu erhalten: und wir werden eines vollgültigen Urtheils über dieselbe gewiß sein können.

Freilich wird hiezu die Bestimmung der denkenden Köpfe einer bestimmten Zeit, eines einzelnen Volkes noch nicht genügen: denn in Folge besonderer Conjunkturen kann eine falsche Gedankenverknüpfung für einen gewissen Zeitraum so aller Geister sich bemächtigt haben, daß sie jeden Versuch zu ihrer Prüfung sogleich herrisch unterdrückt;…“

[Friedrich Eduard Beneke in „Kant und die philosophische Aufgabe unserer Zeit. Eine Jubeldenkschrift auf die Kritik der reinen Vernunft“, 1832]

Mich verwundert (und erschreckt zum Teil) wie im aufgeklärten 19. Jahrhundert Menschen abgebügelt wurden, die sich gedanklich auf neue Wege fern des Mainstreams begaben. Beeindruckend wie idealistisch dabei Friedrich Eduard Beneke blieb. Er meinte auch mal „niemand steht so niedrig, daß ich nicht gern von ihm lernen möchte“. Das erinnert an einen schönen Satz aus dem Talmud: „Wer ist weise? Der von allen Menschen lernt.“

Phi Lo Sophie

„Was Philosophie sei und was sie wert sei, ist umstritten. Man erwartet von ihr außerordentliche Aufschlüsse oder läßt sie als gegenstandsloses Denken gleichgültig beiseite. Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemühen ungewöhnlicher Menschen oder verachtet sie als überflüssiges Grübeln von Träumern. Man hälst sie für eine Sache, die jedermann angeht und daher im Grunde einfach und verstehbar sein müßte, oder man hält sie für so schwierig, daß es hoffnungslos sei, sich mit ihr zu beschäftigen. Was unter dem Namen der Philosophie auftritt, liefert in der Tat Beispiele für so entgegengesetzte Beurteilungen.“

[Karl Japsers, Einführung in die Philosophie, 1957]

Armer Fichte, und wie sich die Zeiten ändern

„Die Beschuldigung der Gottlosigkeit ruhig ertragen, ist selbst eine der ärgsten Gottlosigkeiten. Wer mir sagt, du glaubst keinen Gott, sagt mir: du bist zu dem, was die Menschheit eigentlich auszeichnet und ihren wahren Unterscheidungscharakter bildet, unfähig; du bist nicht mehr als ein Tier.“

[Johann Gottlob Fichte in der National-Zeitung von 1798 St. 51

als Verteidigung gegen den Atheismus-Vorwurf unter dem Titel
„Appellation an das Publikum über die durch ein Kurfürstlich Sächsisches Konfiskationsreskript ihm beigemessenen atheistischen Äußerungen. Eine Schrift, die man erst zu lesen bittet, ehe man sie konfisziert“

in Fichte, sämmtliche Werke. Hg I. H. Fichte, Band 5, Berlin,1845/1846]

Ein Tag wie jeder andere

„Man muss wohl die Bescheidenheit aufbringen einzugestehen, daß der Zeitpunkt des eigenen Lebens nicht der einmalige, grundlegende und umstürzende Augenblick der Geschichte ist, von dem aus sich alles vollendet und neu beginnt; gleichzeitig erfordert es Bescheidenheit, ohne Feierlichkeit zu sagen, daß der gegenwärtige Zeitpunkt ziemlich reizvoll ist und seine Analyse verlangt… Aber ohne sich ein wenig dramatisch und theaterhaft in die Brust zu werfen und von diesem Augenblick zu behaupten, er sei, in der Leere der Nacht, der Augenblick der größten Verdammnis oder der Tagesanbruch der aufgehenden Sonne.

Nein, er ist ein Tag wie jeder andere oder vielmehr ein Tag, der niemals ganz genau wie andere ist.“

 

[Michel Foucault u. Gérard Raulet in „Um welchen Preis sagt die Vernunft die Wahrheit? Ein Gespräch“ in: Spuren, Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, Heft 2, Seite 39; 1983]

Heute: das ist dein Leben

„Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue in deiner Kraft! Denn es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, in den du gehst.

Ferner sah ich unter der Sonne, dass nicht die Schnellen den Lauf gewinnen und nicht die Helden den Krieg und auch nicht die Weisen das Brot und auch nicht die Verständigen den Reichtum und auch nicht die Kenntnisreichen die Beliebtheit, sondern Zeit und Geschick trifft sie alle.

Denn auch kennt der Mensch seine Zeit nicht.“

[aus dem Alten Testament, Buch „Kohelet“, Kapitel 9, Jahrhunderte v. Chr.]

 

 

„6.4311    Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.
Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.
Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.
                       
6.4312    Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben auch nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondern vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.(Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)“

[Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 1918]

Schnee ist weiß

Wenn man den „Tractatus“ von Wittgenstein liest, fühlt man sich wie in einer Fabrikhalle: Die einzelnen Sätze hämmern sich wie Maschinen ins Gedächtnis; gleichmäßig und irgendwie laut. Am Ende angekommen, musste ich dann aber doch schmunzeln und an eine Blumenwiese denken 🙂

„6.54  Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

[Ludwig Wittgenstein, „Tractatus logico-philosophicus“, 1918]