Archiv der Kategorie: Zitate

die Kunst ist eine Tochter der Freiheit

„Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und für ein andres gearbeitet haben. Man ist eben so gut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist; und wenn es unschicklich, ja unerlaubt gefunden wird, sich von den Sitten und Gewohnheiten des Zirkels, in dem man lebt, auszuschließen, warum sollte es weniger Pflicht sein, in der Wahl seines Wirkens dem Bedürfniß und dem Geschmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuräumen?

Diese Stimme scheint aber keineswegs zum Vortheil der Kunst auszufallen, derjenigen wenigstens nicht, auf welche allein meine Untersuchungen gerichtet sein werden. Der Lauf der Begebenheiten hat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der Kunst des Ideals zu entfernen droht. Diese muß die Wirklichkeit verlassen und sich mit anständiger Kühnheit über das Bedürfniß erheben; denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. Jetzt aber herrscht das Bedürfniß und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Ideal der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.

[Johann Friedrich Schiller. „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen“ in Schillers Sämmtliche Werke,4. Band, Stutgart, 1879, S. 560  – via gutenberg.spiegel.de]

Das Schicksal bewältigen

„Die Bibel [ ] beginnt beide Schöpfungsberichte, indem sie auf die Erde Bezug nimmt: ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde‘ (Gen. 2,4). Nicht das Schicksal eines oder mehrerer Götter zählt hier, sondern dass des Menschen, der als Krone der Schöpfung erscheint. Die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, vom Menschen, die Erzählungen der Stammväter und Stammütter dienen nur als Einführung zu dem einen, alles überragenden Ereignis, der Offenbarung Gottes an den Menschen am Berge Sinai. In einer kühnen Exegese von Jesaja 43,10 heißt es: ‚Wenn ihr meine Zeugen seid, bin ich Gott, wenn ihr nicht meine Zeugen seid, bin ich nicht Gott.‘ (Pesikta de R-Kahana 102b). Das ist der Grund, weshalb das Judentum als ehtischer Monotheismus definiert wird. Das Sittliche steht im Mittelpunkt dieser Lehre. Das Schicksal ist dem Menschen nicht auferlegt, vielmehr geht an ihn das Gebot, es zu bewältigen.“

[Nathan Peter Levinson, „Einführung in die jüdische Religion“ in: Manfred Treml (Hg.), Geschichte und  Kultur der Juden in Bayern. Aufsätze, München, 1988, S. 15]

ὀρθό – δόξ

„Indem das Christentum die wahre Lehre zu verkündigen beanspruchte und sich dabei sogar auf den philosophischen Diskurs einließ, löste es eine Bewegung aus, die der Antike bis dahin unbekannt gewesen war und vielfach sogar befremdlich wirkte: den Streit um die rechte Lehre. In der religiösen Antike gab es ‚keine Polemik zwischen den Anhängern verschiedener Richtungen‘ (H. Dörrie). Denn die antiken Religionsgemeinschaften verstanden sich als Gruppe religiöser Praxis und einer Gottesverehrung, der viele Weisen und Wege offenstanden. Der Gedanke an eine verbindliche und einzig wahre Religionslehre wurde nicht erhoben, weswegen auch eine lehrmäßige Tradition oder ein ‚Religionsunterricht‘ unbekannt waren. Der Anspruch der Christen auf Wahrheit ihres Glaubens, den sie mit Hilfe philosophischer Begrifflichkeit zur Geltung zu bringen suchten, hatte zur Folge, daß man sich zunächst einmal innerkirchlich über die rechte Lehre einig werden mußte. Je mehr aber die Christen selber das Wesen ihres Glaubens dogmatisch zu klären suchten, desto stärker verstrickten sie sich in eigene Glaubenskämpfe: Polemik, ungezügelte Aggressionen, parteilicher Gruppenegoismus, Verweigerung der Gemeinschaft, Ächtung des Gegners – das alles bestimmte allzuoft das Kirchenleben, widersprach aber aufs tiefste der christlichen Bruderliebe und dem Geist des Verzeihens.“

[Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter (3. Auflage), Stuttgart, 2001, S.60/61]

das größte Opfer

“As a proof of the truth of their religion theologians – the Christians ones to a greater extent than the Jewish – adduced the constant readiness of the faithful to sacrifice their lives rather than renounce their faith. The modern historian is not called upon to judge the merits of such claims: the fact that two rival religions are both able to lay claim to the same proof would appear to invalidate the argument. Nevertheless, in any account of the objective historical process such as it is the historian’s task to render, the phenomenon of martyrdom must occupy a unique place. Martyrdom marks the highest manifestation in history of any religion. It is a sign that the individual identifies himself with the tenets of his religion to such a degree of consciousness that their renunciation would make life no longer worth living for him.
This alone would justify us in placing martyrdom in the same sociological category as other corresponding phenomena. For not only religious movements, but other social groups also, achieve a degree of loyalty which endows their adherents with a readiness to make the supreme sacrifice.”

[Jacob Katz in „Exlusiveness and Tolerance: Studies in Jewish-Gentile Relations in Medieval and Modern Times“. London, 1961, S. 82]

Christentum in Kinderschuhen

„In der Zeit nach Paulus, der unter Kaiser Nero in Rom das Martyrium erlitten haben soll (64/68), haben die Christen kein Missionskonzept entwickelt und erst recht keine Missionsstrategie verfolgt. Es ist sogar fraglich, ob die junge Kirche den Missionsbefehl überhaupt auf sich selbst bezogen hat und nicht durch das Wirken der Apostel bereits erfüllt hielt. Hie und da gab es zwar Wanderprediger, aber im großen und ganzen vollzogen sich im zweiten Jahrhundert die Fortschritte des Christentums ‚wie zufällig: der einzelne Christ gewann den einzelnen Heiden‘ [zitiert nach Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands 1 S. 23]

Dabei waren die Strukturen des Römerreiches eine entscheidende Hilfe. Wo Soldaten an den Reichsgrenzen ihren Dienst taten, fanden sich bald auch Handwerker, Kaufleute und natürlich Beamte ein, und über den Kreis dieser Zivilisten dürfte die Frohe Botschaft sich weit eher verbreitet haben als durch die Militärs. Das römische Straßensystem förderte die Verbreitung des Evangeliums und dann den Kontakt der Christengemeinden untereinander. Erleichternd kam hinzu, daß das Griechische in Ost wie West gesprochen und wohl auch von den weniger Gebildeten verstanden wurde; so hat sich Paulus dieser Sprache in seinen Briefen bedienen können, gleichgültig, ob die Empfänger im kleinasiatischen Galatien oder in Rom saßen.“

[Michael Borgolte in „Christen, Juden Muselmanen. Siedlergeschichte Europas“, München, 2006, S. 103]

Der Feind

„Gegenbegriffe sind geeignet, die Selbstbestimmung einer Handlungseinheit, das „Wir“ gegen die anderen nicht nur zu artikulieren, sondern als Unterscheidungsmerkmal festzuschreiben. Dahinter lauert die Feindschaft. Die Barbaren, die stammelnden Fremden waren längst auf diesen Begriff gebracht wordn, bevor die Hellenen, unter diesem Namen zusammenfanden. Fremd- und Selbstbestimmung haben sich gegenseitig evoziert. […]
Was historisch je einmalig die Erfahrung prägte, wiederholte sich strukturell noch und noch. Die semantische Opposition zwischen Griechen und Barbaren wird mit neuen Namen besetzt – die Barbaren bleiben. Ob es die Normannen, die Ungarn, die Tataren, die Türken, die Indianer, die Russen oder die Deutschen sind, die Struktur der Gegenbegriffe ist übertragbar. […]
Die Gegenbegriffe verschärfen sich, und damit komme ich zu einem neuen Feindbegriff, seit der Einführung des Christentums. Der Nichtchrist verfällt der Verdammnis, nur der Christ hat Aussicht, vielleicht sogar die Gewißheit, dereinst vom Übel dieser Welt erlöst zu werden. Damit rücken die Zwangsalternativen in eine zeitliche Fluchtlinie. Es gibt die Noch-nicht-Christen: die Pagani, die Heiden, die Juden, aber auch die Hellenen wie die Barbaren zugleich, sie alle sind Adressaten der Mission. […]
Wer könnte verkennen, daß auch das verzeitlichte Oppositionspaar, einmal auf den Begriff gebracht, übertragbar ist. Die moderne Revolution zur Abschaffung aller Herrschaft und der neuzeitliche Krieg zur Beseitigung aller Kriege enthalten eine eschatologische Gewißheit des Heils, die allen weltlichen Selbstdeutungen zum Trotz ohne den christlichen Vorlauf nicht denkbar sind.
Aber unsere Neuzeit brachte noch eine weitere Radikalisierung der Feindbegriffe mit sich. Seitdem die Menschheit als autonome Letztinstanz an die Stelle Gottes trat, zum Subjekt und Objekt ihrer eigenen Geschichte erhoben wurde, rückte auch der Feind in neue Begriffsfelder ein.
Der Feind des Menschenn ist dann nicht der Mensch, sondern der Unmensch oder noch radikaler dem Übermenschen der Untermensch. Gewiß steht der Unmensch als Begriff schon der Stoa zur Verfügung, ein Tyrann sei als Unmensch zu beseitigen, er diente auch den Christen zur Stigmatisierung der Ketzer, und er sich selbst wohlgefällige Christ mochte schon als Übermensch  entlarvt werden.
Aber die Verwendung des Oppositionsbestimmungen: Mensch – Unmensch, Übermensch – Untermensch radikalisiert die Feindschaft in sprachlich zuvor gar nicht begreifbarer Weise. Der Barbar war noch natural oder territorial radizierbar, der Heide oder Ketzer war noch theologisch ausgrenzbar. Wer Hellene war oder Christ, ließ sich auch durch eine Selbstbestimmung identifizieren.  […] Und der Untermensch steht vollends im Belieben dessen, der sich per negationem des Anderen selber als Übermenschen etabliert. Es handelt sich also um ideolgoisch verschieden besetzte Leerformeln, in die hineindefiniert zu werden dem Anderen die letzte Chance raubt, auch nur ein Feind zu sein. Er wird unter die Schwundstufe menschlicher Möglichkeiten gedrückt, im wörtlichen Sinn entmenschlicht, zur potentiellen Nichtexistenz, >lebensunwert< und so vertilgt.“

[Reinhard Koseleck, „Begriffsgeschichten. Studium zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache“, Frankfurt/Main, 2006, S. 276-279]

Das europäische Sonderbewusstsein

„Es wäre zu beginnen mit der Beobachtung, daß nahezu alle Europäer – selbst die Verfechter eines nach den Maßstäben der jeweiligen Zeit weitgehenden kulturellen Relativismus – seit dem Beginn der überseeischen Expansion um 1500 den Angehörigen anderer Zivilisationen im Bewußtsein eigener Höherwertigkeit gegenübertraten. Die gesteigerte Weltoffenheit im Zeitalter der Aufklärung, das zugleich eine Epoche des sich formierenden Rassedenkens und virulenter Rechtfertigung der Sklaverei war (bis hin zur Wiedereinführung des Sklavenstatus in allen französischen Kolonien im Juli 1802), hat daran grundsätzlich nichts geändert; anschließend wurde im 19. Jahrhundert das größte Ausmaß an „weißer“ Distanzierung von den übrigen Kulturen erreicht. Dieses europäische Sonderbewußtsein, welches seinen Universalitätsanspruch über einen beliebigen, selbstverständlichen Ethnozentrismus heraushebt, speist sich ursprünglich aus vorneuzeitlichen Quellen: einer Kombination von hellenisistischen Barbarendiskurs und christlicher Heilsgewißheit, die später durch neue Bestätigungsstrategien ergänzt oder ersetzt wird: den Stolz auf die eigene Überlegenheit in der wissenschaftlich-technischen Beherrschung der Natur, die Überzeugung von der Beglaubigung der okzidentalen Ausnahmenstellung durch idealistische oder materialistischen Fortschrittsphilosophen, die Selbstzuschreibung eines globalen Zivilierungs- und Modernisierungsauftrags in der Vorstellungswelt des entwickelten Imperialismus.

Wie auch immer begründet, beruht das europäische Sonderbewußtsein, das sich in interkulturellen Kontaktsituationen am deutlichsten ausprägt und dort zu realen Abgrenzungspraktiken beiträgt, auf Ansichten darüber, was im einzelnen die kritische Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden ausmache. Es hat eine eigene Geschichte, die in der Antike beginnt, sich über die Translatio des Aristotelismus in die Neue Welt neuzeitlich forsetzt und mit dem Ende der Kolonialreiche keineswegs abgebrochen ist.“

[Jürgen Osterhammel, „Kulturelle Grenzen in der Expansion“ ersch. in: Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte ; 46 (1995), 1. Hj. – S.130/131]