Archiv der Kategorie: 20. Jahrhundert

disengagement through writing?

„Writing fosters abstractions that disengage knowledge from the arena where human beings struggle with one another. It seperates the knower from the known. By keeping knowledge embedded in the human lifeworld, orality situates knowledge within a context of struggle. Proverbs and riddles are not used simply to store knowledge but to engage others in verbal and intellectual combat: utterance of one proverb or riddle challenges hearers to top it with a more apposite or a contradictory one.

Writing seperates the  knower from the known and thus sets up conditions for ‚objectivity‘, in the sense of personal disengagement or distancing.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

 

Wer von uns kennt sie nicht, die Beziehungsgeschichten, in denen durch sms „Schluß gemacht“ wird. Und erst kürzlich erzählte mir jemand, dass ihre Freundin heikle Gespräche am liebsten per sms oder skype führt, im Austausch von Angesicht zu Angesicht dagegen sehr stumm ist, was den Partner wiederum nahe an den Wahnsinn treibt. Dieses mündliche Schweigen und gleichzeitig schriftliche Sprechen kann natürlich viele Gründe haben…

Ich frage mich jedenfalls, ob die Schriftlichkeit neben einer vergrößerten zwischenmenschlichen Distanz, die Ong beschreibt, und die ja zuweilen auch sehr erwünscht sein kann, nicht auch den Schein erhöhter Objektivität oder sogar Kompetenz erweckt und damit zur Selbsttäuschung einlädt.

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דיבר oder Das Wort als Ereignis

„Oral peoples commonly think of names (one kind of words) as conveying power over things. Explanations of Adam’s naming of the animals in Genesis 2:20 usually call condescending attention to this presumably quaint archaic belief. Such a belief is in fact far less quaint than it seems to unreflective chirographic and typographic folk.

First of all, names do give human beings power over what they name: without learning a vast store of names, one is simply powerless to understand, for example, chemistry and to practice chemical engineering. And so with all other intellectual knowledge. Secondly, chirographic and typographic folk tend to think of names as labels, written or printed tags imaginatively affixed to an object named. Oral folk have no sense of a name as a tag, for they have no idea of a name as something that can be seen. Written or printed representations of words can be labels; real, spoken words cannot be.“

[Walter J. Ong in „Orality and Literacy“, 1982]

wissen-glauben-meinen

„Unsere Überzeugungen beruhen außerhalb der beiden Höhengebiete unserer Kultur [Vierkandt bezieht sich hier auf Wissenschaft und Wirtschaft] durchweg nicht auf kritischer Abwägung, nicht auf besonnener Prüfung des Für und Wider, sondern auf dem bloßen Impuls, der seinerseits auf ererbtes Denken, auf Gewohnheiten, plumpe Analogien, auf den Einfluß drastischer Anschauungen und auf Einwirkungen unserer Zu- und Abneigungen hinweist. Man erwäge z.B. die Art, wie öffentliche Meinungen entstehen; welche Rolle Gerüchte, Vorurteile und Parteileidenschaft dabei spielen. Überall gilt bei uns noch hier wie im privaten Leben der Satz, daß der beredste Anwalt nicht die Vernunft, sondern der Appel an die Leidenschaft ist.“

[Alfred Vierkandt in „Die Stetigkeit im Kulturwandel“, 1908]

vierkandt spricht im vorhergehenden abschnitt davon, dass menschen, die beruflich z.b. wissenschaftlich arbeiten und sich dadurch selbst verpflichtet haben, ihre überzeugungen nach rationalen überlegungen zu wählen, im privaten durchaus völlig irrational entscheiden können ohne dass sie das selbst bemerken.

 

 

 

Der Weg der Seele zu sich selbst

„Der Geist erzeugt unzählige Gebilde, die in einer eigentümlichen Selbständigkeit fortexistieren, unabhängig von der Seele, die sie geschaffen hat, wie von jeder anderen, die sie aufnimmt oder ablehnt.

So sieht sich das Subjekt der Kunst wie dem Recht gegenüber, der Religion wie der Technik, der Wissenschaft wie der Sitte – nicht nur von ihrem Inhalt bald angezogen, bald abgestoßen, jetzt mit ihnen verschmolzen wie mit einem Stück – des Ich, bald in Fremdheit und Unberührbarkeit gegen sie; sondern es ist die Form der Festigkeit, des Geronnenseins, der beharrenden Existenz, mit der der Geist, so zum Objekt geworden, sich der strömenden Lebendigkeit, der inneren Selbstverantwortung, den wechselnden Spannungen der subjektiven Seele entgegenstellt; als Geist dem Geiste innerlichst verbunden, aber eben darum unzählige Tragödien an diesem tiefen Formgegensatz erlebend: zwischen dem subjektiven Leben, das rastlos, aber zeitlich endlich ist, und seinen Inhalten, die, einmal geschaffen, unbeweglich, aber zeitlos gültig sind.

Mitten in diesem Dualismus wohnt die Idee der Kultur.“

[Georg Simmel in „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ in „Philosophische Kultur“, 1911]

 

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search of meaning

The concept of culture I espouse, and whose utility the essays below attempt to demonstrate, is essentially a semiotic one. Believing, with Max Weber, that man is an animal suspended in webs of significance he himself has spun, I take culture to be those webs, and the analysis of it to be therefore not an experimental science in search of law but an interpretive one in search of meaning.

[Clifford Geertz in Thick description: toward an interpretive theory of culture“, 1973]

sinn heißt anschlussfähigkeit

„Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Etwas steht im Blickpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit.“

[Niklas Luhmann in „Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie“, 1984]

denken gegen werte

„Das Denken gegen <die Werte> behauptet nicht, daß alles, was man als <Werte> erklärt – die <Kultur>, die <Kunst>, die <Wissenschaft>, die <Menschenwürde>, <Welt> und <Gott> – wertlos sei. Vielmehr gilt es endlich einzusehen, daß eben durch die Kennzeichnung von etwas als <Wert> das so Gewertete seiner Würde beraubt wird. Das besagt: durch die Einschätzung von etwas als Wert wird das Gewertete nur als Gegenstand für die Schätzung des Menschen zugelassen. Aber das, was etwas in seinem Sein ist, erschöpft sich nicht in seiner Gegenständlichkeit, vollends dann nicht, wenn die Gegenständlichkeit den Charakter des Wertes hat. Alles Werten ist, auch wo es positiv wertet, eine Subjektivierung. Es läßt das Seiende nicht: sein, sondern das Werten läßt das Seiende lediglich als das Objekt seines Tuns – gelten. Die absonderliche Bemühung, die Objektivität der Werte zu beweisen, weiß nicht, was sie tut. Wenn man vollends <Gott> als <den höchsten Wert> verkündet, so ist das eine Herabsetzung des Wesens Gottes. Das Denken in Werten ist hier und sonst die größte Blasphemie, die sich dem Sein gegenüber denken läßt.“

 

[Martin Heidegger in „Brief über den <Humanismus>“, 1946]

 

hier verstehe ich heidegger mal (was selten vorkommt…) und finde sogar, dass er recht hat.