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Tausche Gewißheit gegen Kontingenz

„Eben dieser metaphysischen Konvention des Hinausfragens über den Horizont des Humanen entgleitet die Kultur. Wer sich ihr zuwendet, muß den Maßstab des Absoluten aufgeben, um der Sinnfälligkeit daseinsweltlicher Erscheinungen nachzuspüren. Allerdings entfallen mit der Abwendung vom Idealismus der Wesensschau auch dessen Garantieleistungen. Das philosophische Interesse an der Kultur entspringt aus der Frage, was dem Menschen bleibt, nachdem er hat einsehen müssen, daß ihm „der Griff nach der reinen Evidenz“ (Blumenberg) mißlingt. Die philosophische Bearbeitung von Kultur setzt die Bereitschaft voraus, jenes reduktionistische, an die Erwartungen endgültiger Gewißheit gebundene Schema preiszugeben und sich der Kontingenz, aber auch dem Reichtum der Kulturwelt zu stellen.“

[Ralf Konersman, Kulturphilosophie. Zur Einführung, Hamburg, 2003, S.18]

Überdruss – Schade, dass Huizinga sich geirrt hat

„Nunmehr erhebt sich die Frage, ob der menschliche Geist zu lernen fähig ist, sich – in dieser belasteten und überladenen Welt – auf die allumfassenden und wahren Werte zurückzuziehen, und ob er geneigt ist, auf das Entbehrliche und Nutzlose, auf das Sinnlose und Geschmacklose zu verzichten. Es ist deutlich, daß eine solche Bereitschaft zu freiwilligem Verzicht auf viele angebliche Errungenschaften etwas ganz anderes bedeuten würde als das törichte Heimweh nach einer Vergangenheit, die man nach einem idealisierten Bilde wiederherstellen möchte.

Kann man aber eine geistige Entwicklung zu solchem Verzicht auf vermeintliche Vorteile für möglich oder gar wahrscheinlich halten? Am leichtesten könnte man sich noch vorstellen, daß bestimmte Sitten und Gewohnheiten unseres Kulturlebens auf die Dauer aus der Mode kämen, da man ihrer einfach überdrüssig wird. Es scheint doch beinahe unvermeidlich, daß die Menschheit von der geschwätzigen Oberflächlichkeit der Publizitätsmaschine einmal übersättigt sein wird. Die tägliche Überladung mit der durch Film und Radio gelieferten Kost muß schließlich auch den halbgebildeten Massen ein Gefühl des Überdrusses geben. Die politische und kommerzielle Reklame, dies Ungeheuer, das dem Schoße des technischen Zeitalters entsprang, muß doch irgendwann einmal durch den Widerwillen eines übersättigten Publikums ihre Wirkung verlieren.“

[Johan Huizinga in „Wenn die Waffen schweigen“, S. 182, Basel, 1945]

wie wir die Wirklichkeit gliedern

„Weitaus die meisten Dinge und Vorgänge interessieren uns nur durch das, was sie mit anderen gemein haben und daher achten wir auch nur auf dieses Gemeinsame, obwohl tatsächlich jeder Teil der Wirklichkeit von jedem anderen individuell verschieden ist und nichts in der Welt sich genau wiederholt. …

Andererseits aber erschöpft die generalisierende Auffassung das, was uns an unserer Umgebung interessiert und was wir daher auch von ihr kennen, keineswegs. Dieser oder jener Gegenstand kommt vielmehr gerade durch das für uns in Betracht, was ihm allein  eigentümlich  ist und was ihn von allen anderen Objekten unterscheidet. Unser Interesse und unsere Kenntnis bezieht sich dann also gerade auf seine  Individualität,  auf das, was ihn unersetzlich macht und wenn wir auch wissen, daß er sich ebenso wie andere Objekte als Exemplar eines Gattungsbegriffes auffassen  läßt,  so  wollen  wir ihn doch nicht als gleich mit anderen Dingen ansehen, sondern ihn ausdrücklich aus seiner Gruppe herausheben, was sprachlich darin seinen Ausdruck findet, daß wir ihn nicht mit einem Gattungsnamen, sondern mit einem Eigennamen bezeichnen.

… Der dargestellte Unterschied muß das Interesse der Logik in hohem Maß erregen.“

[Heinrich Rickert in „Geschichtsphilosophie“ in Windelband: Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts, Festschrift für Kuno Fischer, Heidelberg, 1907]

 

doppelte Welt

„Man lebt sozusagen in einer doppelten Welt: über der Welt der Fakten liegt, ohne daß diese damit aufgehoben würde, eine zweite Welt, die Welt der Bedeutungen. Möglich und wahr wird eine solche Interpretation unter der Voraussetzung, daß Gott bei der Schöpfung diese Bedeutungen in die Dinge gelegt hat bzw. daß er die Geschichte so lenkt, daß sie auf das Heilsgeschehen verweist. Doch diesen Sinn aufzudecken, dazu bedarf es im Prinzip der Inspiration durch den Heiligen Geist. Der Anruf an den Heiligen Geist, der für die Einleitungen zu diesen moralisch-allegorischen Dichtungen charakteristisch ist, muß, so topisch er klingen mag, als ihr eigentlicher theoretischer Angelpunkt angesehen werden. Und in diesem Bezug ist selbstverständlich der Hörer als dritte Größe mitgesetzt, denn auch er versteht die Sinngebung im Prinzip nur, wenn er sich vom Prozeß der Interpretation der Welt auf das Heilsgeschehen hin erfassen läßt: Verstehen heißt hier ja nicht ein bloß unverbindliches Spiel mit Bedeutungen, es heißt vielmehr Betroffensein von der Allgegenwart des göttlichen Weltplans.“

[Walter Haug in seinem Essay „Schriftlichkeit und Reflexion“, in dem Haug die Entwicklung  eines deutschsprachigen Schrifttums im Mittelalter beschreibt, aufgezeichnet in Assmann/Hardmeier, Schrift und Gedächtnis, 1983].

 

Der ausgewählte Abschnitt bezieht sich auf die volkssprachliche Schriftentwicklung im 11. Jahrhundert und deren enge Verbindung mit geistlichen Inhalten.

Individualität und Dauer

„Man frage sich ehrlich, ob die Schwalbe des heurigen Frühlings eine ganz und gar andere, als die des ersten sei, und ob wirklich zwischen beiden das Wunder der Schöpfung aus Nichts sich Millionen Mal erneuert habe, um eben so oft absoluter Vernichtung in die Hände zu arbeiten.- Ich weiß wohl, daß, wenn ich Einen ernsthaft versicherte, die Katze, welche eben jetzt auf dem Hofe spielt, sei noch die selbe, welche dort vor dreihundert Jahren die nämlichen Sprünge und Schliche gemacht hat, er mich für toll halten würde; aber ich weiß auch, daß es sehr viel toller ist, zu glauben, die heutige Katze sei durch und durch und von Grund aus eine ganz andere, als jene vor dreihundert Jahren.“

[Arthur Schopenhauer in „Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, 3.Auflage von 1859]

schubladen, scheuklappen, denkverbote

„Der Nennung mancher Namen im Bereich des Wissenschaftlichen folgt, fasst rituell schon, ein Stirnrunzeln (Freud ist so ein Fall); ja man darf den Eindruck haben, dieses Stirnrunzeln gehe der Namensnennung voraus. Was mit diesem absurden Bilde gesagt sein soll, ist folgendes: Es gibt verbreitet Ablehnungen, affektive Widerstände also gegen bestimmte Wissenschaftsrichtungen, -perspektiven und -lager, die sich so behende wie beharrlich einer rationalen Überprüfung zu entziehen wissen. Sie sind so üblich wie stark und wirksam, so daß sie, bei Lichte besehen, unausgesprochenen Denkverboten gleichen.“

[Martin Scharfe in „Menschenwerk, Erkundungen über Kultur“, 2002]

sein ≠ sollen

„In jedem moralischen System, das mir bislang begegnet ist, habe ich stets festgestellt, dass der Autor eine gewisse Zeit in der üblichen Argumentationsweise fortschreitet, und darlegt, dass es einen Gott gibt, oder Beobachtungen über menschliche Angelegenheiten trifft; dann plötzlich stelle ich überrascht fest, dass anstatt der üblichen Satzverknüpfungen, nämlich „ist“ und „ist nicht“, ich nur auf solche Sätze stoße, welche mit „soll“ oder „soll nicht“ verbunden sind. Dies ändert sich auf nicht wahrnehmbare Weise – es ist aber, worauf es letztlich führt. Denn dieses „soll“ oder „soll nicht“ drückt eine neue Art der Verbindung oder der Behauptung aus. Das sollte genau bemerkt und erklärt werden, und zwar so, dass gleichzeitig ein Grund angegeben wird. Denn es scheint schlicht unverständlich, wie diese neue Art der Verbindung eine Ableitung aus anderen sein kann, da jene anderen vollständig davon verschieden beschaffen sind.“

[David Hume: „A Treatise of Human Nature“ (Buch III, Teil I, Kapitel I, 1739/1740]