Archiv des Autors: k.

Ein Tag wie jeder andere

„Man muss wohl die Bescheidenheit aufbringen einzugestehen, daß der Zeitpunkt des eigenen Lebens nicht der einmalige, grundlegende und umstürzende Augenblick der Geschichte ist, von dem aus sich alles vollendet und neu beginnt; gleichzeitig erfordert es Bescheidenheit, ohne Feierlichkeit zu sagen, daß der gegenwärtige Zeitpunkt ziemlich reizvoll ist und seine Analyse verlangt… Aber ohne sich ein wenig dramatisch und theaterhaft in die Brust zu werfen und von diesem Augenblick zu behaupten, er sei, in der Leere der Nacht, der Augenblick der größten Verdammnis oder der Tagesanbruch der aufgehenden Sonne.

Nein, er ist ein Tag wie jeder andere oder vielmehr ein Tag, der niemals ganz genau wie andere ist.“

 

[Michel Foucault u. Gérard Raulet in „Um welchen Preis sagt die Vernunft die Wahrheit? Ein Gespräch“ in: Spuren, Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, Heft 2, Seite 39; 1983]

Heute: das ist dein Leben

„Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue in deiner Kraft! Denn es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, in den du gehst.

Ferner sah ich unter der Sonne, dass nicht die Schnellen den Lauf gewinnen und nicht die Helden den Krieg und auch nicht die Weisen das Brot und auch nicht die Verständigen den Reichtum und auch nicht die Kenntnisreichen die Beliebtheit, sondern Zeit und Geschick trifft sie alle.

Denn auch kennt der Mensch seine Zeit nicht.“

[aus dem Alten Testament, Buch „Kohelet“, Kapitel 9, Jahrhunderte v. Chr.]

 

 

„6.4311    Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.
Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.
Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.
                       
6.4312    Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben auch nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondern vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.(Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)“

[Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 1918]

Schnee ist weiß

Wenn man den „Tractatus“ von Wittgenstein liest, fühlt man sich wie in einer Fabrikhalle: Die einzelnen Sätze hämmern sich wie Maschinen ins Gedächtnis; gleichmäßig und irgendwie laut. Am Ende angekommen, musste ich dann aber doch schmunzeln und an eine Blumenwiese denken 🙂

„6.54  Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

[Ludwig Wittgenstein, „Tractatus logico-philosophicus“, 1918]

remember: re:publica 2009

„…“Wenn du einen Apfel hast und ich habe einen Apfel und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Aber wenn du eine Idee hast und ich habe eine Idee und wir tauschen diese Ideen aus, dann wird jeder von uns zwei Ideen haben…

…Nun geht es um Fragen wie die, was eigentlich freie Meinungsäußerung bedeutet, wenn sie plötzlich tatsächlich stattfindet – nicht mehr nur handverlesen auf Leserbriefseiten oder in repräsentativen Debatten, an denen ein paar ausgewählte Talkgäste teilnehmen, sondern wenn plötzlich haufenweise und ungebremst drauflosgemeint wird. In Kommentarfächern und Foren wird etwas Neues erlebbar, etwas Schönes und Schauerliches, nämlich die unrasierten und ungewaschenen Formen von Meinungsäußerung.

Das Meinen ist wilder, vitaler und unkontrollierter geworden. Wirklich entsetzlich aber wäre die Vorstellung einer harmonischen Blogosphäre, in der alle nett zueinander sind und in Pilzhäuschen wohnen, umgeben von Hühnern, die aus Freundlichkeit tot umfallen, damit niemand ihnen den Hals umdrehen muß, wenn er eines mit Salat und Pommes essen möchte…

…Vor einiger Zeit berichtete der britische “Guardian” von einem Mann, der seit 40 Jahren seine Nachbarschaft unterminiert. William Lyttle, den die Nachbarn den Maulwurfmann nennen, gräbt von seinem Haus im Londoner Stadtteil Hackney aus seit den späten sechziger Jahren Tunnel. Er vernetzt den Untergrund. Behördliche Messungen mit Ultraschallscannern gaben Hinweise auf bis zu acht Meter tiefe Tunnels, die von Lyttles Haus an die 20 Meter in alle Richtungen ausstrahlen. Ein Nachbar berichtet, dass der Strom auf einer Straßenseite ausgefallen war, als der Maulwurfmann einmal eine Starkstromleitung angegraben hatte. Lyttle behauptet, er habe sich ursprünglich einen Weinkeller graben wollen, der im Lauf der Zeit etwas größer geworden sei. Vor fünf Jahren war der Gehsteig vor dem Haus eingebrochen. “Man konnte die ganzen Tunnel darunter sehen”, sagt eine Nachbarin. Ein anderer Nachbar bringt zum Ausdruck, was Briten für Exzentriker empfinden: “Wir möchten nicht, dass diesem Mann etwas Böses geschieht. Er arbeitet hart. Bedauerlicher Weise setzt er seine Energien nicht in die richtige Richtung ein.

Das ist Gemeinschaftsgeist. In einer solchen vernetzten Gesellschaft möchte ich leben.“

 

[Peter Glaser auf der re:publica 2009, in Berlin am 2.4.2009 . „In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?“]

Bist du da?

„Beten ist Glauben für Einsteiger – bis man sich ohne Vorwarnung mit den Prüfungen für Fortgeschrittene konfrontiert sieht. Schon wer einfach das Vaterunser nachspricht, das Zentralgebet der Christenheit, stößt auf die Provokation jedes Monotheismus: Vater unser im Himmel – bist du wirklich da?

Und, ist er? Ihr müsst werden wie die Kinder, heißt es dazu in der Bibel. Es ist die Forderung, nicht so lange am Gebäude seiner Gewissheiten zu zimmern, bis auch das letzte Schlupfloch zur eigenen Erschütterbarkeit verbaut ist. Beten braucht einen Rest an Kindlichkeit, ein Zutrauen, dass sich die Lücke zwischen dem, was gewiss, und dem, was nur erhofft ist, schließen kann ohne unser eigenes Zutun.“

[Patrik Schwarz in „Auch ein Wunder“, ein Artikel auf der Frontseite der ZEIT, Nr. 53 vom 22. Dezember 2009]

Wenn ich mich irre, verbessere mich

„Und dann mochte ich Nuto, weil wir uns gut verstanden; er behandelte mich wie einen Freund. Schon damals hatte er Augen, die in jede Sache eindrangen, scharf beobachtende Katzenaugen, und hatte er etwas gesagt, so schloß er seine Rede: ‚Wenn ich mich irre, verbessere mich.‘

So lernte ich begreifen, daß man nicht nur spricht, um zu sprechen, um zu sagen, ‚ich habe dies getan‘, ‚ich habe jenes getan‘. ‚ich habe gegessen und getrunken‘, sondern daß man spricht um sich eine Anschauung zu bilden, um zu begreifen, was in der Welt geschieht. Daran hatte ich früher nie gedacht.“

[Cesare Pavese, Junger Mond, 1950]

(M)ein Dorf…

„Ein Dorf brauchst du, und wäre es nur, damit du es hin und wieder gerne verläßt. Ein Dorf – das bedeutet: du bist nicht allein, du weißt, in den Menschen, in den Pflanzen, in der Erde lebt ein Stück von dir, das, auch wenn du selbst nicht da bist, bleibt und auf dich wartet. Aber es ist nicht leicht, dabei ruhig zu sein. Seit dem einen Jahr, da ich dieses Dorf im Sinn trage und, sowie ich kann, von Genua herübereile, schlüpft es mir aus den Händen. So etwas wird dir mit der Zeit und mit der wachsenden Einsicht klar. Ist es möglich, daß ich mit vierzig Jahren, ich, der soviel von der Welt gesehen hat, noch nicht weiß, was das ist: mein Dorf.“

[Cesare Pavese, Junger Mond – Titel der italienischen Originalausgabe „La Lune e i falo“, 1950]