Archiv des Autors: k.

der Ewigkeit nicht mehr bedürfen

„Ich weiß daß Ihr ebensowenig in heiliger Stille die Gottheit verehrt, als Ihr die verlassenen Tempel besucht, daß es in Euren geschmackvollen Wohnungen keine anderen Hausgötter gibt, als die Sprüche der Weisen und die Gesänge der Dichter, und daß Menschheit und Vaterland, Kunst und Wissenschaft, denn Ihr glaubt dies alles ganz umfassen zu können, so völlig von Eurem Gemüte Besitz genommen haben, daß für das ewige und heilige Wesen, welches Euch jenseit der Welt liegt, nichts übrig bleibt, und Ihr keine Gefühle habt für dasselbe und mit ihm.

Es ist Euch gelungen das irdische Leben so reich und vielseitig zu machen, daß Ihr der Ewigkeit nicht mehr bedürfet, und nachdem Ihr Euch selbst ein Universum geschaffen habt, seid Ihr überhoben an dasjenige zu denken, welches Euch schuf. Ihr seid darüber einig, ich weiß es, daß nichts Neues und nichts Triftiges mehr gesagt werden kann über diese Sache, die von Philosophen und Propheten, und dürfte ich nur nicht hinzusetzen, von Spöttern und Priestern, nach allen Seiten zur Genüge bearbeitet ist. Am wenigsten – das kann Niemandem entgehen – seid Ihr geneigt, von den Letzteren darüber etwas zu hören, welche sich Eures Vertrauens schon längst unwürdig gemacht haben, als solche, die nur in den verwitterten Ruinen des Heiligtums am liebsten wohnen, und auch dort nicht leben können, ohne es noch mehr zu verunstalten und zu verderben. Dies alles weiß ich, und bin dennoch von einer innern und unwiderstehlichen Notwendigkeit, die mich göttlich beherrscht durchdrungen zu reden, und kann meine Einladung, daß gerade Ihr mich hören mögt, nicht zurücknehmen.“

[Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Hamburg 1958, S. 1-22 via zeno.org]

bis heute verloren

„Die Geschichte der Konzilien ist einerseits eine Geschichte dogmatischer „Klärungen und Gewinne von großer Reichweite und Dauerhaftigkeit“, andererseits aber auch eine „große Verlustgeschichte“ (N. Brox). Denn nach jedem Konzil gingen große Teilkirchen und mit ihnen Denkansätze von hoher Reichweite verloren. Die Gemeinschaft der einen Kirche konnte nicht widererlangt werden und blieb bis heute verloren. Wenn dabei ethische, sprachliche und kirchenpolitische Faktoren mitspielten, so kann das nicht darüber wegtäuschen, daß die Trennung zunächst einmal die Folge des dogmatischen Streits war.“

[Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900, Stuttgart/Berlin/Köln, 1990, S. 62]

die Kunst ist eine Tochter der Freiheit

„Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und für ein andres gearbeitet haben. Man ist eben so gut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist; und wenn es unschicklich, ja unerlaubt gefunden wird, sich von den Sitten und Gewohnheiten des Zirkels, in dem man lebt, auszuschließen, warum sollte es weniger Pflicht sein, in der Wahl seines Wirkens dem Bedürfniß und dem Geschmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuräumen?

Diese Stimme scheint aber keineswegs zum Vortheil der Kunst auszufallen, derjenigen wenigstens nicht, auf welche allein meine Untersuchungen gerichtet sein werden. Der Lauf der Begebenheiten hat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der Kunst des Ideals zu entfernen droht. Diese muß die Wirklichkeit verlassen und sich mit anständiger Kühnheit über das Bedürfniß erheben; denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. Jetzt aber herrscht das Bedürfniß und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Ideal der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.

[Johann Friedrich Schiller. „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen“ in Schillers Sämmtliche Werke,4. Band, Stutgart, 1879, S. 560  – via gutenberg.spiegel.de]

Das Schicksal bewältigen

„Die Bibel [ ] beginnt beide Schöpfungsberichte, indem sie auf die Erde Bezug nimmt: ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde‘ (Gen. 2,4). Nicht das Schicksal eines oder mehrerer Götter zählt hier, sondern dass des Menschen, der als Krone der Schöpfung erscheint. Die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, vom Menschen, die Erzählungen der Stammväter und Stammütter dienen nur als Einführung zu dem einen, alles überragenden Ereignis, der Offenbarung Gottes an den Menschen am Berge Sinai. In einer kühnen Exegese von Jesaja 43,10 heißt es: ‚Wenn ihr meine Zeugen seid, bin ich Gott, wenn ihr nicht meine Zeugen seid, bin ich nicht Gott.‘ (Pesikta de R-Kahana 102b). Das ist der Grund, weshalb das Judentum als ehtischer Monotheismus definiert wird. Das Sittliche steht im Mittelpunkt dieser Lehre. Das Schicksal ist dem Menschen nicht auferlegt, vielmehr geht an ihn das Gebot, es zu bewältigen.“

[Nathan Peter Levinson, „Einführung in die jüdische Religion“ in: Manfred Treml (Hg.), Geschichte und  Kultur der Juden in Bayern. Aufsätze, München, 1988, S. 15]

ὀρθό – δόξ

„Indem das Christentum die wahre Lehre zu verkündigen beanspruchte und sich dabei sogar auf den philosophischen Diskurs einließ, löste es eine Bewegung aus, die der Antike bis dahin unbekannt gewesen war und vielfach sogar befremdlich wirkte: den Streit um die rechte Lehre. In der religiösen Antike gab es ‚keine Polemik zwischen den Anhängern verschiedener Richtungen‘ (H. Dörrie). Denn die antiken Religionsgemeinschaften verstanden sich als Gruppe religiöser Praxis und einer Gottesverehrung, der viele Weisen und Wege offenstanden. Der Gedanke an eine verbindliche und einzig wahre Religionslehre wurde nicht erhoben, weswegen auch eine lehrmäßige Tradition oder ein ‚Religionsunterricht‘ unbekannt waren. Der Anspruch der Christen auf Wahrheit ihres Glaubens, den sie mit Hilfe philosophischer Begrifflichkeit zur Geltung zu bringen suchten, hatte zur Folge, daß man sich zunächst einmal innerkirchlich über die rechte Lehre einig werden mußte. Je mehr aber die Christen selber das Wesen ihres Glaubens dogmatisch zu klären suchten, desto stärker verstrickten sie sich in eigene Glaubenskämpfe: Polemik, ungezügelte Aggressionen, parteilicher Gruppenegoismus, Verweigerung der Gemeinschaft, Ächtung des Gegners – das alles bestimmte allzuoft das Kirchenleben, widersprach aber aufs tiefste der christlichen Bruderliebe und dem Geist des Verzeihens.“

[Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter (3. Auflage), Stuttgart, 2001, S.60/61]

das größte Opfer

“As a proof of the truth of their religion theologians – the Christians ones to a greater extent than the Jewish – adduced the constant readiness of the faithful to sacrifice their lives rather than renounce their faith. The modern historian is not called upon to judge the merits of such claims: the fact that two rival religions are both able to lay claim to the same proof would appear to invalidate the argument. Nevertheless, in any account of the objective historical process such as it is the historian’s task to render, the phenomenon of martyrdom must occupy a unique place. Martyrdom marks the highest manifestation in history of any religion. It is a sign that the individual identifies himself with the tenets of his religion to such a degree of consciousness that their renunciation would make life no longer worth living for him.
This alone would justify us in placing martyrdom in the same sociological category as other corresponding phenomena. For not only religious movements, but other social groups also, achieve a degree of loyalty which endows their adherents with a readiness to make the supreme sacrifice.”

[Jacob Katz in „Exlusiveness and Tolerance: Studies in Jewish-Gentile Relations in Medieval and Modern Times“. London, 1961, S. 82]

Christentum in Kinderschuhen

„In der Zeit nach Paulus, der unter Kaiser Nero in Rom das Martyrium erlitten haben soll (64/68), haben die Christen kein Missionskonzept entwickelt und erst recht keine Missionsstrategie verfolgt. Es ist sogar fraglich, ob die junge Kirche den Missionsbefehl überhaupt auf sich selbst bezogen hat und nicht durch das Wirken der Apostel bereits erfüllt hielt. Hie und da gab es zwar Wanderprediger, aber im großen und ganzen vollzogen sich im zweiten Jahrhundert die Fortschritte des Christentums ‚wie zufällig: der einzelne Christ gewann den einzelnen Heiden‘ [zitiert nach Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands 1 S. 23]

Dabei waren die Strukturen des Römerreiches eine entscheidende Hilfe. Wo Soldaten an den Reichsgrenzen ihren Dienst taten, fanden sich bald auch Handwerker, Kaufleute und natürlich Beamte ein, und über den Kreis dieser Zivilisten dürfte die Frohe Botschaft sich weit eher verbreitet haben als durch die Militärs. Das römische Straßensystem förderte die Verbreitung des Evangeliums und dann den Kontakt der Christengemeinden untereinander. Erleichternd kam hinzu, daß das Griechische in Ost wie West gesprochen und wohl auch von den weniger Gebildeten verstanden wurde; so hat sich Paulus dieser Sprache in seinen Briefen bedienen können, gleichgültig, ob die Empfänger im kleinasiatischen Galatien oder in Rom saßen.“

[Michael Borgolte in „Christen, Juden Muselmanen. Siedlergeschichte Europas“, München, 2006, S. 103]