Archiv der Kategorie: Zitate

merke: Aristoteles hat immer recht

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. …

Schon von ihnen allen hatte Aristoteles ebenfalls behauptet, daß die Menschen von Natur keineswegs gleich wären, sondern die einen zur Sklaverei und die anderen zur Herrschaft geboren würden.

Aristoteles hatte recht, aber er hielt die Wirkung für die Ursache. Jeder in der Sklaverei geborene Mensch wird für die Sklaverei geboren; nichts ist gewisser. Die Sklaven verlieren in ihren Fesseln alles, sogar den Wunsch, sie abzuwerfen, sie lieben ihre Knechtschaft, wie die Gefährten des Odysseus ihren tierischen Zustand nach ihrer Verwandlung liebten. Wenn es also Sklaven von Natur gibt, so liegt der Grund darin, daß es schon vorher Sklaven wider die Natur gegeben hat. Die Gewalt hat die ersten Sklaven gemacht; ihre Feigheit hat sie beständig erhalten.“

[Jean-Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag,1762 nach der Übersetzung von Hermann Denhardt von 1880]

Der Schleier

„Gibt es einen Gott, über dessen Existenz kein Mensch zu entscheiden vermag, so ist der Zweifel an seiner Existenz nichts als der von Gott gewählte Schleier, den er vor sein Antlitz senkt, seine Existenz zu verbergen; gibt es ihn nicht, so sind die Worte, mit denen wir über ihn spekulieren, in den Wind gesprochen, der sie davonträgt wie alle menschlichen Worte.

Gott liegt gänzlich außerhalb jeder Rede, jeder Sprache, seine offenbarten Worte, unabhängig vom Glauben an sie und an ihn, auch wenn wir ihn nur fingieren als Wesen außerhalb der Welt, dringen in unsere Wortsphäre von außen, wie Meteore in die Erdatmosphäre, vom gänzlich Sprachlosen und Begriffslosen her: eine bedeutendere Sprachkonzeption, eine gewagtere Fiktion kann es nicht geben, ob es eine „wahre“ Konzeption ist, bleibt unbeweisbar, aber auch im Bereich des Logischen unwesentlich, der menschliche Geist verhält sich konzipierend, nicht „wahr“, er dringt in die „Wahrheit“ vermittels Konzeptionen, er ist nicht identisch mit der Wahrheit.

„Gott ist tot“ ist ein ebenso nebensächlicher Satz wie „Die Null ist tot“. Die „Wirklichkeit“ hat weder einen Gott noch die Null nötig, ebensowenig wie der Sternenhimmel die Teleskope.“

[Friedrich Dürrenmatt, „Zusammenhänge/Nachgedanken“, 1998]

 

 

versachlichtes Denken

„Sie [die mathematische Verfahrensweise] macht das Denken zur Sache, zum Werkzeug, wie sie es selber nennt. Mit solcher Mimesis aber, in der das Denken der Welt sich gleichmacht, ist nun das Tatsächliche so sehr zum Einzigen geworden, daß noch die Gottesleugnung dem Urteil über die Metaphysik verfällt. Dem Positivismus, der das Richteramt der aufgeklärten Vernunft antrat, gilt in intelligible Welten auszuschweifen nicht mehr bloß als verboten, sondern als sinnloses Geplapper. Er braucht – zu seinem Glück – nicht atheistisch zu sein, weil das versachlichte Denken nicht einmal die Frage stellen kann.“

[Horkheimer und Adorno in „Dialektik der Aufklärung“,1944]

Gerechtigkeit und Freiheit

"Die Freiheit und die Gerechtigkeit stellen die beiden Ideen dar, mit denen die Politik operiert, durch die sie den Menschen insoweit in den Griff bekommt, als sie beide Ideen berücksichtigt. Läßt die Politik eine der Ideen fallen, wird sie fragwürdig. Ohne Freiheit wird sie unmenschlich und ohne Gerechtigkeit ebenfalls. Dennoch ist die Beziehung der Freiheit zur Gerechtigkeit problematisch. Eine allgemeine Phrase definiert die Politik als die Kunst des Möglichen; sieht man jedoch genauer hin, erweist sie sich als die Kunst des Unmöglichen. Die Freiheit und die Gerechtigkeit bedingen einander nur scheinbar. Die existentielle Idee der Freiheit steht auf einer anderen Ebene als die logische Idee der Gerechtigkeit. Eine existentielle Idee ist emotional gegeben, eine logische Idee konzipiert. Es läßt sich eine Welt der absoluten Freiheit denken und eine Welt der absoluten Gerechtigkeit. Diese beiden Welten würden sich nicht decken, sondern einander widersprechen. Beide würden zwar eine Hölle darstellen, die Welt der absoluten Freiheit einen Dschungel, wo der Mensch wie ein Wild gejagt, die Welt der absoluten Gerechtigkeit ein Gefängnis, wo der Mensch zu Tode gefoltert wird. Die unmögliche Kunst der Politik besteht darin, die emotionale Idee der Freiheit mit der konzipierten Idee der Gerechtigkeit zu versöhnen; das ist nur auf der Ebene des Moralischen möglich und nicht auf der Ebene des Logischen. Anders gesagt: Die Politik vermag nie eine reine Wissenschaft zu sein."

[Friedrich Dürrenmatt in „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht“, 1969]

Wahrheit spricht mit leiser Stimme

„Es gibt heute eine gewisse Einsicht in die Tatsache, dass ein extremer relativistischer Individualismus eine soziale Katastrophe bedeutet und dass keine Zivilisation bestehen kann ohne einen gewissen Wertekonsens. Aber wo Erziehung im Sinne dieses Konsenses tätig ist ohne den Glauben an die Wahrheit dessen, was sie vermittelt, da handelt es sich nur um eine Konditionierung zugunsten eines Autoritarismus, der sich heute in der Regel als „political correctness“ präsentiert. Er zielt auf Anpassung, nicht auf Wahrheit.

Einsicht in Wahrheit aber gibt es nur in Freiheit. Verhalten kann und muss gelegentlich erzwungen werden. Wahrheitseinsicht und Glauben können nicht erzwungen werden. Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme.“

[Robert Spaemann im Artikel „Wahrheit spricht mit leiser Stimme“ im Kölner Stadtanzeiger, Online-Veröffentlichung am 12.06.2008]

Glückliche Kompromisse??

„Ich glaube ungemein an Kompromisse. Ich weiß, dass das Wort Kompromiss in den idealistischen Kreisen Europas einen furchtbaren Ruf hat insbesondere bei den jungen Menschen. Kompromisse werden betrachtet als Mangel an Integrität, Mangel an moralischem Rückgrat, Mangel an Standhaftigkeit, an Ehrlichkeit. Kompromisse stinken, Kompromisse sind verlogen.

Nicht in meinem Vokabular. In meiner Welt sind Kompromisse ein Synonym für das Wort Leben. Und wo Leben ist, da gibt es Kompromisse. Das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Integrität, und das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Idealismus und nicht Entschlossenheit. Das Gegenteil von Kompromissen sind Fanatismus und Tod. Ich bin seit zweiundvierzig Jahren mit derselben Frau verheiratet, ich weiß das eine oder andere über Kompromisse. Und lassen Sie mich gleich hinzufügen, wenn ich von Kompromissen rede, dann meine ich nicht Kapitulation, ich rede nicht davon, einem Rivalen, einem Feind oder einer Ehefrau die andere Wange hinzuhalten. Ich rede davon, dem anderen auf halben Weg entgegenzukommen.

Und: es gibt keine glücklichen Kompromisse. Ein glücklicher Kompromiss ist ein Widerspruch, ein Oxymoron.“

[Amos Oz in „Wie man Fanatiker kuriert„, 2004]

Preis oder Würde

„Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.

Was sich auf die allgemeinen menschlichen Neigungen und Bedürfnisse bezieht, hat einen Marktpreis; das, was, auch ohne ein Bedürfnis vorauszusetzen, einem gewissen Geschmacke, d.i. einem Wohlgefallen am bloßen zwecklosen Spiel unserer Gemütskräfte, gemäß ist, einen Affektionspreis; das aber, was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d.i. einen Preis, sondern einen innern Wert, d.i. Würde.“

 [Immanuel Kant in „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, 1785]