Archiv der Kategorie: 20. Jahrhundert

Das Schicksal bewältigen

„Die Bibel [ ] beginnt beide Schöpfungsberichte, indem sie auf die Erde Bezug nimmt: ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde‘ (Gen. 2,4). Nicht das Schicksal eines oder mehrerer Götter zählt hier, sondern dass des Menschen, der als Krone der Schöpfung erscheint. Die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, vom Menschen, die Erzählungen der Stammväter und Stammütter dienen nur als Einführung zu dem einen, alles überragenden Ereignis, der Offenbarung Gottes an den Menschen am Berge Sinai. In einer kühnen Exegese von Jesaja 43,10 heißt es: ‚Wenn ihr meine Zeugen seid, bin ich Gott, wenn ihr nicht meine Zeugen seid, bin ich nicht Gott.‘ (Pesikta de R-Kahana 102b). Das ist der Grund, weshalb das Judentum als ehtischer Monotheismus definiert wird. Das Sittliche steht im Mittelpunkt dieser Lehre. Das Schicksal ist dem Menschen nicht auferlegt, vielmehr geht an ihn das Gebot, es zu bewältigen.“

[Nathan Peter Levinson, „Einführung in die jüdische Religion“ in: Manfred Treml (Hg.), Geschichte und  Kultur der Juden in Bayern. Aufsätze, München, 1988, S. 15]

das größte Opfer

“As a proof of the truth of their religion theologians – the Christians ones to a greater extent than the Jewish – adduced the constant readiness of the faithful to sacrifice their lives rather than renounce their faith. The modern historian is not called upon to judge the merits of such claims: the fact that two rival religions are both able to lay claim to the same proof would appear to invalidate the argument. Nevertheless, in any account of the objective historical process such as it is the historian’s task to render, the phenomenon of martyrdom must occupy a unique place. Martyrdom marks the highest manifestation in history of any religion. It is a sign that the individual identifies himself with the tenets of his religion to such a degree of consciousness that their renunciation would make life no longer worth living for him.
This alone would justify us in placing martyrdom in the same sociological category as other corresponding phenomena. For not only religious movements, but other social groups also, achieve a degree of loyalty which endows their adherents with a readiness to make the supreme sacrifice.”

[Jacob Katz in „Exlusiveness and Tolerance: Studies in Jewish-Gentile Relations in Medieval and Modern Times“. London, 1961, S. 82]

Das europäische Sonderbewusstsein

„Es wäre zu beginnen mit der Beobachtung, daß nahezu alle Europäer – selbst die Verfechter eines nach den Maßstäben der jeweiligen Zeit weitgehenden kulturellen Relativismus – seit dem Beginn der überseeischen Expansion um 1500 den Angehörigen anderer Zivilisationen im Bewußtsein eigener Höherwertigkeit gegenübertraten. Die gesteigerte Weltoffenheit im Zeitalter der Aufklärung, das zugleich eine Epoche des sich formierenden Rassedenkens und virulenter Rechtfertigung der Sklaverei war (bis hin zur Wiedereinführung des Sklavenstatus in allen französischen Kolonien im Juli 1802), hat daran grundsätzlich nichts geändert; anschließend wurde im 19. Jahrhundert das größte Ausmaß an „weißer“ Distanzierung von den übrigen Kulturen erreicht. Dieses europäische Sonderbewußtsein, welches seinen Universalitätsanspruch über einen beliebigen, selbstverständlichen Ethnozentrismus heraushebt, speist sich ursprünglich aus vorneuzeitlichen Quellen: einer Kombination von hellenisistischen Barbarendiskurs und christlicher Heilsgewißheit, die später durch neue Bestätigungsstrategien ergänzt oder ersetzt wird: den Stolz auf die eigene Überlegenheit in der wissenschaftlich-technischen Beherrschung der Natur, die Überzeugung von der Beglaubigung der okzidentalen Ausnahmenstellung durch idealistische oder materialistischen Fortschrittsphilosophen, die Selbstzuschreibung eines globalen Zivilierungs- und Modernisierungsauftrags in der Vorstellungswelt des entwickelten Imperialismus.

Wie auch immer begründet, beruht das europäische Sonderbewußtsein, das sich in interkulturellen Kontaktsituationen am deutlichsten ausprägt und dort zu realen Abgrenzungspraktiken beiträgt, auf Ansichten darüber, was im einzelnen die kritische Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden ausmache. Es hat eine eigene Geschichte, die in der Antike beginnt, sich über die Translatio des Aristotelismus in die Neue Welt neuzeitlich forsetzt und mit dem Ende der Kolonialreiche keineswegs abgebrochen ist.“

[Jürgen Osterhammel, „Kulturelle Grenzen in der Expansion“ ersch. in: Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte ; 46 (1995), 1. Hj. – S.130/131]

Tigersprung ins Vergangene

„Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet. So war für Robespierre das antike Rom eine mit Jetztzeit geladene Vergangenheit, die er aus dem Kontinuum der Geschichte heraussprengte. Die französische Revolution verstand sich als ein wiedergekehrtes Rom. Sie zitierte das alte Rom genau so wie die Mode eine vergangene Tracht zitiert. Die Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt. Sie ist der Tigersprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena statt, in der die herrschende Klasse kommandiert.“

[Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“, 1940 zitiert nach „Walter Benjamin Erzählen“, Frankfurt/Main, 2007, S. 137]

Innen und Außen

„Jeder rein reflexive Diskurs droht die Erfahrung des Außen in die Dimension der Innerlichkeit zurückzuholen. Die Reflexion hat die unbesiegbare Tendenz, sie wiederum im Bewußtsein zu beheimaten und sie in einer Beschreibung des Gelebten zu entfalten, wo sich das ‚Außen‘ als Erfahrung des Leibes, des Raumes, der Grenzen des Wollens, der unauslöschlichen Gegenwart des anderen abzeichnete. Aber auch das Vokabular der Fiktion ist gefährlich: im Reichtum der Bilder, aber auch in der Transparenz der neutralsten und hastigsten Figuren, könnte es Bedeutungen evozieren, die bereits bekannt sind und unter dem Vorwand eines imaginären Außen von neuem das alte Gewebe der Innerlichkeit fortspinnen.“

[Michel Foucault in „Von der Subversion des Wissens“, übersetzt von Walter Seitter, Frankfurt/Main, 1987, S. 51]

Wissen und Macht

„Man muß wohl auch einer Denktradition entsagen, die von der Vorstellung geleitet ist, daß es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind, daß das Wissen sich nur außerhalb der Befehle, Anforderungen, Interessen der Macht entfalten kann. Vielleicht muß man dam Glauben entsagen, daß die Macht wahnsinnig macht und daß man nur unter Verzicht auf Macht ein Wissender werden kann. Eher ist wohl anzunehmen, daß die Macht Wissen hervorbringt (und nicht bloß fördert, anwendet, ausnutzt); daß Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen, daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sie ein entsprechendes Wissensfeld konstitutiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstitutiert.

Diese Macht/Wissen-Beziehungen sind darum nicht von einem Erkenntnissubjekt aus zu analysieren, das gegenüber dem Machtsystem frei oder unfrei ist. Vielmehr ist in Betracht zu ziehen, daß das erkennende Subjekt, das zu erkennende Objekt  und die Erkenntnisweisen jeweils Effekte jener fundamentalen Macht/Wissen-Komplexe und ihrer historischen  Transformationen bilden. Es ist also nicht so, daß die Aktivität des Erkenntnissubjekts ein für die Macht nützliches oder gefährliches Wissen hervorbringt; sondern die Formen und Bereiche der Erkenntnis werden vom Komplex Macht/Wissen von den ihn durchdringenden und konstituierenden Prozessen und Kämpfen bestimt.“

[Michel Foucault in „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“, Frankfurt/Main, 1977, S.39/40]

 

Gesichter wie irgendwer

“ ‚Rien n’arrive ni comme on l’espère, ni comme on le craint‘, heißt es an einer Stelle bei Proust. Nichts ereignet sich in der Tat so, wie wir es erhoffen, noch so, wie wir es befürchten. Aber nicht darum, weil etwa, wie man so sagt, das Geschehnis „die Vorstellungskraft übersteige“ (es ist keine quantitative Frage), sondern weil es Wirklichkeit ist und nicht Imagination. Man kann ein Leben daran wenden, das Eingebildete und das Wirkliche gegeneinanderzuhalten, und wird dennoch niemals damit zu Rande kommen. Vieles geschieht ja in der Tat ungefähr so, wie man es vorstellend vorwegnahm. Gestapomänner in Ledermänteln, den Lauf der Pistole auf ihr Opfer gezielt, damit hat es schon seine Richtigkeit. Aber dann eröffnet sich fast verblüffend die Einsicht, daß die Kerle nicht nur Ledermäntel und Pistolen haben, sondern auch Gesichter: keine „Gestapogesichter“ mit verdrehten Nasen, hypertrophierten Kinnpartien, Pocken- oder Messerstichnarben, wie sie im Buche stehen könnten.
Vielmehr: Gesichter wie irgendwer. Dutzendgesichter. Und die ungeheure, wider jede abstrahierende Vortellung zertörende Erkenntnis eines späteren Stadiums macht uns deutlich, wie die Dutzendgesichter dann schließlich doch zu Gestapogesichtern werden und wie das Böse die Banalität überlagert und überhöht. Es gibt nämlich keine „Banalität des Bösen“; und Hannah Arendt, die in ihrem Eichmann-Buch davon schrieb, kannte den Menschenfeind nur vom Hörensagen und sah ihn nur durch den gläsernen Käfig.
Wo ein Ereignis uns bis zum äußersten herausfordert, dort sollte nicht von Banalität gesprochen werden, denn an diesem Punkt gibt es keine Abstraktion mehr und niemals eine der Realität sich auch nur annähernde Einbildungskraft.“

[Jean Améry in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, Stuttgart, 1977, im Kapitel „Die Tortur“, S. 57/58]