Archiv der Kategorie: Gegenwart

Kinder…

„haben gegenüber Erwachsenen einen unschätzbaren Vorteil: Sie richten ihr Handeln nicht ständig an einem schon vorab gegebenen Sinn aus, sondern lassen sich vorurteilslos auf das Erleben des unendlichen Potenzials der Gegenwart ein.

Und diese Offenheit lohnt sich. Denn wenn die üblichen Denkschablonen fallen, öffnet sich der Blick für die außergewöhnlichen, verstörenden und mitunter auch wunderbaren Seiten des Daseins.“

[Ulrich Schnabel im Artikel „Wundert euch! Eine Hamburger Ausstellung lehrt, das Außergewöhnliche im Selbstverständllichen zu entdecken“, ZEIT-Ausgabe vom 6. Oktober 2011, S.64]

Vor dem Anfang war die Stille

„Religion – denke ich – hat, in einem systematischen Sinne, an ihrem Anfang zunächst einmal, wenn wir sie unter dem Aspekt des Kommunikativen betrachten, die Nicht-Kommunikation zur Voraussetzung, das Verstummen. Dieses Verstummen geschieht vor dem, was, wenn auch vergleichsweise pauschal, als „das Numinose“ bezeichnet wird. Religion bearbeitet dieses Verstummen in einer spezifischen Weise. Am Anfang  jeder religiösen Kommunikation steht eine solche Bearbeitung in der göttlichen Zusage des „Fürchte Dich nicht!“. Dieser Anruf, das „´al tira`‘ das Alten Testamentes von der Genesis an bis hin zum „me phobeisthe“ im Neuen Testament, ist eine zentrale Umwandlungsform des Verstummens und der damit einhergehenden kommunikativen Verstörung in einer Begegnung mit etwas Inkommensurablem, das, als von außen kommend, in jede mögliche Kommunikation einbricht.“

[Konrad Ehlich in „Sprache und sprachliches Handeln“, Band 3, S. 286, Berlin/New York, 2007]

Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

„Was ist mein Traum? Die Musik, das Theater, die Poesie – kurz: die Kunst – transportieren die Menschen jenseits ihrer selbst. Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung. Sie trifft den Menschen in seinem Innersten, bewegt in ihm ungeahnte Emotionen.

Und plötzlich bricht die Defensiv-Mauer seiner Selbstgerechtigkeit zusammen. Der neoliberale Profitwahn zerfällt in Staub und Asche. Ins Bewusstsein dringt die Realität, dringen die sterbenden Kinder. Wunder könnten in Salzburg geschehen: Das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens! Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen! Ich erwache. Mein Traum könnte wirklichkeitsfremder nicht sein! Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst. ‚Unsterbliche gigantische Personen‘ nennt Noam Chomsky die Konzerne….“

[Jean Ziegler in der Süddeutschen Zeitung am 24.7.2011 unter dem Aritkel „Nichtgehaltene Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele“]

 

darwin lässt grüßen

„Unsere Gesellschaft ist dringend auf jedes einzelne Kind angewiesen – aber es wird so getan, als ginge es immer nur um die Stärksten und Schlausten. Als könnten wir auf alle anderen Kinder verzichten.“

[Henning Sussebach in „Liebe Marie“, einem offenen Brief über den „bildungspolitischen Irrsinn“ des G-8-Gymnasiums an seine zehnjährige Tochter, in der ZEIT vom 26. Mai 2010]

schubladen, scheuklappen, denkverbote

„Der Nennung mancher Namen im Bereich des Wissenschaftlichen folgt, fasst rituell schon, ein Stirnrunzeln (Freud ist so ein Fall); ja man darf den Eindruck haben, dieses Stirnrunzeln gehe der Namensnennung voraus. Was mit diesem absurden Bilde gesagt sein soll, ist folgendes: Es gibt verbreitet Ablehnungen, affektive Widerstände also gegen bestimmte Wissenschaftsrichtungen, -perspektiven und -lager, die sich so behende wie beharrlich einer rationalen Überprüfung zu entziehen wissen. Sie sind so üblich wie stark und wirksam, so daß sie, bei Lichte besehen, unausgesprochenen Denkverboten gleichen.“

[Martin Scharfe in „Menschenwerk, Erkundungen über Kultur“, 2002]

Mitleid contra Ironie

„…Was aber heißt Mitleid genauer? In einem Gespräch sagt der alte Fähmel zu seinem Sohn: <Ich hoffe, du hast nicht in den Eisschränken der Ironie das Gefühl der Überlegenheit frisch erhalten, wie ich es immer tat.> Das ist Böll. Auch er wollte nicht das Gefühl der Überlegenheit, wollte es nicht in den Eisschränken der Ironie frisch erhalten. Der Ironiker hält sich aus allem heraus, er stellt sich über oder neben den ironisierten Gegenstand, als hätte er mit ihm nichts zu tun. In Bölls Humor hingegen erkennen wir eine Haltung, die sich als Teil des Zusammenhangs betrachtet, den sie belächelt. Wir können diese Haltung als christliche Caritas beschreiben, als absichtslose, vom eigenen Nutzen absehende Zuwendung. Das ist die Bedingung von Mitleid. Und dieses Mitleid ist nicht nur eine moralische Kategorie, sondern auch eine ästhetische. Ästhetik bedeutet zuallererst Wahrnehmung, und aus dem Ästhetischen folgt zwingend das Literarische, weshalb Böll sich immer geweigert hat, Moral und Ästhetik voneinander zu trennen.

Wer zum Mitleid imstande ist, der kennt auch den Zorn und die Empörung. Der Ironiker weiß nichts davon. Warum sollte er sich empören? Er hat ja seine Ironie. Böll allerdings war zornig bis zuletzt, und auch dieser Zorn ist eine ästhetische Kategorie, eine Kategorie der Wahrnehmung. Wir aber, wir leben in ironischen Zeiten. Wir sind bestens informiert, und wir lächeln ironisch über das, was die Informationen an Skandal enthalten. Es könnte aber sein, dass sich das Zeitalter der Ironie seinem Ende nähert, es könnte sein, dass wir wieder auf Heinrich Böll zurückkommen müssen, um von ihm zu lernen, was Mitleid heißt.“

[Ulrich Greiner in einem Artikel über das Werk Heinrich Bölls mit dem Titel „Der Schriftsteller des Mitleids“ in der ZEIT, Ausgabe vom 27.Januar 2011]